Blexen Wenn der Circus Belly am Freitag seine zweite von sechs Vorstellungen in dieser Woche in der Blexer Papenkuhle gibt, wollen Nordenhamer Tierschützer dort gegen die angeblich schlechten Lebensbedingungen der Zirkustiere demonstrieren. Die Veranstalter der geplanten Protestaktion erheben den Vorwurf, dass die Tiere im Circus Belly nicht artgerecht gehalten werden.

Die Ankündigung des von Silvia Kerney initiierten Tierrechtlerprotests hat großen Unmut bei Alexandra Dörnath ausgelöst. Die Bremer Tierärztin kennt das offizielle Tierbestandsbuch des Circus Belly und sagt: „Da steht nichts Negatives. Alle amtstierärztlichen Einträge erwähnen, dass die Tiere in dem Zirkus in einem guten Pflege- und Gesundheitszustand sind.“ Besonders gut kennt Alexandra Dörnath die Verfassung des Schimpansen Robby: An 50 Tagen und zwei Nächten hat die Expertin für die Behandlung von Zoo- und Zirkustieren das Verhalten des 47 Jahre alten Tieres beobachtet. Und sie ist zu folgendem Schluss gekommen: „Für diesen speziellen Affen könnte es keinen besseren Ort geben. Er ist tiefenentspannt und befindet sich in einem außerordentlich guten Pflege-, Gesundheits- und Ernährungszustand.“

Tierschutz ist individuell

Gleichwohl befürwortet Alexandra Dörnath nicht grundsätzlich, dass Schimpansen im Zirkus eingesetzt werden: „Natürlich ist es nicht in Ordnung, einen Affen ohne Artgenossen zu halten. Ein Affe gehört nicht in den Zirkus. Aber Tierschutz muss immer individuell sein.“ Und Robby sei eben ein spezieller Fall.

Der Schimpanse ist 1971 in einem Zoo geboren. Von der Mutter verstoßen, bestand laut Alexandra Dörnath „die Wahl zwischen Tod und Handaufzucht“. Die Frau des Zoodirektors entschied sich für die Handaufzucht. Klaus Köhler, Direktor des Circus Belly, nahm Robby etwa vier Jahre später auf. Der Schimpanse wuchs bei den Köhlers auf und gehört bis heute zur Zirkusfamilie. „Das war nicht ungewöhnlich. Damals wusste man nicht, was Fehlprägung ist“, sagt die Tierärztin. Fehlprägung bedeutet, dass ein Lebewesen sich für ein anderes Lebewesen hält – und Robby halte sich für einen Menschen. „Wäre dies ein Affenbaby, würde ich ganz anders reagieren“, so Alexandra Dörnath.

Die seit fast einem halben Jahrhundert bestehende enge Bindung zwischen Robby und der Zirkusfamilie könne aber nicht mehr rückgängig gemacht werden. Zirkusdirektor Klaus Köhler habe ihr gesagt, dass er heutzutage keinen Schimpansen mehr aufziehen würde. Nun fühle er sich aber für Robby verantwortlich. Bis an dessen Lebensende.

Ähnlich wie Tierversuch

Die von Tierrechtlern geforderte Umsiedlung des Schimpansen-Greises in eine Tierhaltungseinrichtung – „quasi eine Nervenheilanstalt für Tiere“ – bezeichnet Alexandra Dörnath als Experiment, gar als Tierversuch. Das Gegenteil also von Tierschutz, zumal Robby nicht verhaltensgestört, sondern fehlgeprägt sei. Der Schimpanse, der seit fast fünf Jahrzehnten keinen Sozialkontakt mit Artgenossen hatte, würde eine Umsiedlung in ungewohnte Umgebung höchstwahrscheinlich nicht überleben.

Allein der Transport wäre gefährlich: Robby müsste narkotisiert werden und könnte aufgrund seines hohen Alters daran sterben. Danach müsste er drei Monate in Quarantäne verbringen. „Robby würde die Menschen vermissen, Futter verweigern und womöglich an gebrochenem Herzen sterben“, sagt Alexandra Dörnath. Und würde er die „Einzelhaft“ überleben, drohte ihm spätestens beim Zusammentreffen mit seinen Artgenossen der Tod. „Er kennt die Schimpansensprache nicht, genauso wenig die Affenetikette. Alte Schimpansenmänner werden von ihren Artgenossen bevorzugt attackiert“, so Alexandra Dörnath. Und noch schlimmer: Bei einem Scheitern der Umsiedlung würde Robby eingeschläfert. Ein Affe, der sich dort wohl fühlt, wo er jetzt lebt, müsste sterben.

„Ein 47-jähriger Schimpanse, der nur mit Menschen kommunizieren kann, muss aus Tierschutzgründen bei seiner Bezugsperson bleiben“, betont Alexandra Dörnath. Schließlich gehe es Tieren in menschlicher Obhut meist gut. Und zu den Ausnahmen, die es immer gebe, gehöre Klaus Köhler vom Circus Belly definitiv nicht: „Die Tiere dort werden gut versorgt und behütet.“

Nathalie Meng
Volontärin, 1. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion

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