ELSFLETH Sie haben gekifft, geklaut, die Schule verweigert – „einfach Mist gemacht im Leben“, sagt der Schweizer Sozialpädagoge Jonathan Reist (27). Mit knapp einem Dutzend solcher Jungs war er jetzt auf der Elsflether Werft, wo die „SSS Salomon“, ihr Heimschiff, überholt wurde. Heute bringt er einen von ihnen zurück in ein neues Leben.

Arthur hat es geschafft

Arthur Merzhayer aus Bern (15) hat es geschafft. Was er früher angestellt hat, will er bei seinem Abschied am Elsflether Bahnhof nicht sagen. Nur soviel: „Es lief einfach nicht mehr – Zuhause und im Leben.“ Er ist einer von denen, die nach Straftaten keine Vorstrafe sondern einen gnädigen Richter finden. Einen, der sie auf die „SSS Salomon“, das einzige Schweizer Traditions- und Jugendschiff, einweist.

Hier machen sie eine Umschulung für ein neues Leben – unter vollen Segeln. 49 Wochen und zehntausend Seemeilen hat er hinter sich. „Er wird es schaffen im Leben, so wie die meisten“, sagt sein Betreuer Reist. Kurze Zeit begleitet er ihn noch an Land. „Die haben zwar an Bord perfekt kochen, bügeln und waschen gelernt“, meint er. „Eltern schließen voreilig daraus: Prima, die sind ja jetzt perfekt.“ Aber das tägliche Leben auf eigenen Beinen und an Land müssen sie erst allein wieder beherrschen lernen.

Auf dem hundertjährigen Schiff haben sie mit fünf bis sieben Betreuern ihre Bezugsperson gehabt, sind mit denen durch dick und dünn gegangen. Haben bei gutem Wetter die Wäsche in den „Leichenfängern“ aufgehängt, so nennen sie sie Sicherungsnetze am Vorschiff. „Und bei rauer See haben wir tagelang gemeinsam darin gehangen und uns die Seele aus dem Leib gespuckt“, beschreibt der Erzieher das Gefühl des bedingungslosen „Sich-aufeinander-verlassen-müssens“ an Bord.

Die tägliche Schule auf See ist hart. Da ist einerseits die Seemannschaft, dann das soziale Verhalten in der Gruppe und schließlich auch noch die Schule, die bei allen vorher zu kurz gekommen ist. Der Tag ist durchstrukturiert, vom gemeinsamen Frühstück – die Mahlzeiten werden unter Aufsicht einer Hauswirtschafterin für alle selbst zubereitet – über den Schulunterricht, die Schiffswachen bis zum Bettgang in der Sechser, Vierer- oder Zweierkoje.

„Vorglühen“ nennen sie es, wenn jeden Morgen der Tagesablauf besprochen wird. Und wenn die Woche rum ist, gibt’s die „WoRüBli-Bilanz“, den Wochenrückblick. Bei guten Noten gibt’s Ausgang im nächsten Hafen, vielleicht auch noch ein kleines Taschengeld obendrauf. Bei schlechten nichts von beiden. Vergeigt ist vergeigt auf dem Dreimastschoner mit 700 qm Segelfläche, da gibt’s kein Pardon. Der 15-jährige Arthur hat beim Abschied ein mulmiges Gefühl. Die letzten Tage wohnte er im Elsflether Werftheim in Zweibettzimmern und mit herrlich warmen Duschen. Das kannten sie auf See nicht, da wurde kalt geduscht. Er wollte noch ein letztes Mal aufs Schiff. Schließlich war das von Sardinien über die Karibik, die Azoren und England seine Heimat.

Ärger mit dem Neuen

Sein Nachfolger für seine Koje an Bord war da schon eingetroffen und hatte gleich die erste Auseinandersetzung mit einem Betreuer hinter sich. „Am liebsten würde ich Dir die Augen ausreißen und sie den Möwen zum Fraß vorwerfen“, giftete der. Da wusste Arthur, dass „der Neue“ noch etliche tausend Seemeilen und viele Wochen vor sich hat – genau so wie er vor einem knappen Jahr auch.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.