Weserdeich Tim Laackmann ist hochkonzentriert. Er steht am Schießstand, mit dem Luftgewehr in der Hand, die Beine leicht gespreizt. Die Auflage hat er bereits richtig eingestellt, die Position des Schaftes wird nur noch leicht korrigiert. Einmal atmet der 13-Jährige noch tief ein und wieder aus – hält dann den Atem an. Jetzt bloß nicht zittern. In zehn Metern Entfernung sieht er die Scheibe mit schwarzen Punkt und den dünnen weißen Linien: sein Ziel. Tim bewegt seinen Finger vorsichtig in Richtung Abzug und drückt ab. Ein leises Klicken ist zu hören, der vom darauffolgenden Knall übertönt wird: Treffer. „Der war richtig gut“, lobt sein Opa Hermann Kruse, der neben Tim steht. Er erkennt auch aus der Entfernung, dass seinem Enkel ein ziemlich guter Schuss gelungen ist. Tim strahlt, als er das Ergebnis selbst betrachten kann. „Genau ins Schwarze“, jubelt er.

Weniger Mitglieder

Man merkt Tim an: Der Schießsport macht ihm unheimlich viel Spaß. Umso unverständlicher ist es für ihn, dass sich kaum andere Jugendliche für den Sport interessieren. Am Training der Jugendgruppe nehmen aktuell nur noch etwa sechs bis sieben Personen teil. „Früher waren wir sicher 30 Jugendliche und haben neben dem Training auch Zeltlager veranstaltet“, sagen Tims Mutter Heike Laackmann und seine Tante Andrea Mischke.

Es ist ein Trend, der bei immer mehr Vereinen erkennbar ist – doch gerade bei den Schützen gravierend zu sein scheint: der Mitgliederschwund. In den 1970er Jahren ist die Familie von Hermann Kruse nach Berne gezogen. „Früher war es so, dass jeder im Schützenverein einfach dabei sein musste“, sagt Hermann Kruse. „Wir sind dann auch in den Verein eingetreten – um Anschluss zu finden.“ Damals waren rund 120 Mitglieder im Verein aktiv, heute ist die Zahl wohl um die Hälfte gesunken.

Auch das Schützenfest war kaum noch besucht und findet jetzt im „Mini-Format“ statt. „Früher haben wir vier Tage lang gefeiert. Heute gibt es nur noch einen Schützentag“, sagt Hermann Kruse.

Versuche, neue Mitglieder zu gewinnen, hat der Verein bereits unternommen. So wurden Handzettel in den Neubaugebieten verteilt – eine wirkliche Resonanz darauf gibt es aber nicht. „Es ist einfach schade, dass wir damit wohl kaum jemanden erreicht haben“, sagt die Familie. „Dabei gehört so ein Schützenverein zum Dorfleben eigentlich einfach dazu.“ Auch beim Jugendzentrum haben sie eine Trainingseinheit zum Kennenlernen angeboten – ebenfalls erfolglos. Der Familie scheint es so, dass viele Personen Vorbehalte gegenüber Schützenvereinen haben. Zum Beispiel Amokläufe seien in den Köpfen der Mitmenschen im Zusammenhang mit Schützenvereinen verankert. „Dabei ist ein solcher Verein eigentlich dafür da, um zu lernen, wie man sich mit einer Waffe verhält, wie man damit umgeht“, ist sich die Familie einig.

Training ab acht Jahren

Beim SSV Weserdeich kann man bereits mit acht Jahren mit dem Schießsport beginnen. Grund dafür ist eine extra installierte Lichtpunktanlage. Mit zwölf Jahren wechselt man dann auf das Luftgewehr. Erst mit Stütze, dann freihändig. „Der Gewichtsunterschied ist erstmal ziemlich groß“, sagt Tim Laackmann. Der Beginn am Luftgewehr mit erst zwölf Jahren ist gesetzlich vorgeschrieben. „Früher war es noch mit 10 Jahren“, erinnern sich Andrea Mischke und Heike Laackmann an ihr erstes Schießen auf einem Dachboden. „Damals gab es die Schießhalle noch nicht“, sagt ihr Vater Hermann Kruse. Die bauten die Vereinsmitglieder von 1978 bis 1984 mit einer Eigenleistung von 16000 Stunden.

Genutzt wird die Halle aktuell noch zwei Mal wöchentlich. Mittwochs schießen die Erwachsenen und donnerstags (17.30 Uhr) die Jugend. „Es wäre natürlich toll, wenn es Interessierte gibt, die in der Jugendgruppe einfach vorbeischauen“, sagt Andrea Mischke. Der Verein kämpft weiter dafür, dass sich der Nachwuchs im Schießsport ausprobiert und eine Begeisterung wie bei Tim entfacht. Denn die Familie weiß: Ohne Nachwuchs könnte es bald sehr ruhig werden in der Schießhalle in Weserdeich.

Die Mitgliederzahl der Schützen ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken. Waren beim Kreissportbund Wesermarsch im Jahr 2007 noch 2642 Mitglieder gemeldet, sind es 2018 nur noch 1687.

Halbiert haben sich in diesem Zeitraum die Zahlen der Mitglieder unter 18 Jahren. Im Jahr 2007 waren es noch 360 gemeldete Mitglieder, 2018 sind es nur noch 180. Im Alter von 19 bis 26 Jahren ist die Mitgliederzahl von 245 auf 173 Personen gefallen.

Alle Schützenvereine im Landkreis hätten Probleme bei der Nachwuchsgewinnung, teilte Wilfried Wittkowsky, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, mit. Für die Jugend organisiert der Schützenbund am 14. April ein Jugendvergleichsschießen mit Tischkickerturnier in Boitwarden.


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Sönke Spille
Volontär, 1. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion

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