Nordenham /Saint-Étienne-Du-Rouvray Das Gedenken an die gefallenen Soldaten und zivilen Opfer des Krieges ist eine Mahnung an die nachfolgenden Generationen. Das betonten am vergangenen Sonntag, genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, zwei Bürgermeister aus Ländern, die sich in mehreren Kriegen feindlich gegenüberstanden. Der Bürgermeister von Saint-Étienne-du-Rouvray, Joachim Moyse, und Nordenhams Bürgermeister Carsten Seyfarth waren die Redner bei einer Gedenkfeier in Nordenhams französischer Partnerstadt. Die Nordenhamer waren einer Einladung nach Saint-Étienne-du-Rouvray in der Normandie gefolgt und mit einer achtköpfigen Delegation angereist.

Zu den Teilnehmern gehörten auch drei Schülerinnen des Nordenhamer Gymnasiums: die 16-jährige Svea Heinecke und die beiden 17-jährigen Lina Trüper und Kea Abken lasen gemeinsam mit Schülerinnen des Lycée Picasso in Saint Étienne bei einer Feierstunde am Ehrenmal Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg vor. Der Beitrag der Jugendlichen kam sehr gut an. Carsten Seyfarth legte am Ehrenmal einen Kranz nieder. Zu den Teilnehmern gehörten auch Kriegsveteranen.

Beide Bürgermeister betonten bei einer offiziellen Gedenkfeier im Rathaus die Bedeutung der Europäischen Union und der deutsch-französischen Freundschaft. Außerdem demonstrierten sie Einigkeit im Kampf gegen nationalistische Strömungen.

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Carsten Seyfarth bedankte sich für die „Ehre, an der Gedenkfeier teilnehmen zu dürfen. Im Angesicht von Millionen Toten beider Weltkriege haben sich Frankreich und Deutschland die Hand gereicht, aus Feinden wurden vertraute Freunde. Ich bin dankbar, dass wir in einem vereinten Europa im Frieden leben dürfen. Und vor allem dafür, dass Kinder und Jugendliche aus Frankreich und Deutschland sich heute wie selbstverständlich begegnen können.“ Zum Abschluss der Zeremonie ertönten die Hymnen Frankreichs und Europas. Friedenstauben stiegen in die Luft, und eine Jugendband der Musikschule, die eine Woche zuvor Nordenham besucht hatte, musizierte.

Neben dem Bürgermeister und den drei Schülerinnen gehörten Ursula Wilkens aus der Stadtverwaltung, die Lehrerin Sabrina Pargmann sowie Jan Ede und Edith Zurhold-Duvieuxbourg vom Freundeskreis Nordenham/Saint-Étienne-du-Rouvray zur Nordenhamer Delegation, die am Montagabend aus Frankreich zurückkehrte. Zum Programm in der französischen Partnerstadt gehörte auch ein Besuch am Denkmal, das zur Erinnerung an einen islamistischen Terroranschlag in Saint-Ètienne errichtet worden war. Am 26. Juli 2016 war dort ein Priester in einer Kirche ermordet worden.

Verlobungsgfoto von Paul und Luise Diekmann
Das ist Verlobungsgfoto von Paul und Luise Diekmann.

Über 100 Jahre alte Feldpostbriefe: Paul Diekmann und die Sehnsucht nach Frieden

Von Paul Diekmann stammen die Feldpostbriefe, aus denen Schülerinnen des Nordenhamer Gymnasiums beim Besuch in der französischen Partnerstadt St.-Étienne-du-Rouvray vorgelesen haben. Paul Diekmann fiel am 30. November 1917 im Alter von 36 Jahren bei Cambrai. Er hat während des Ersten Weltkriegs fast täglich an seine Frau Luise geschrieben. Er war in seinem Hauptberuf Lehrer in Nienhagen, heute Ortsteil von Detmold/Lippe. Seine Briefe sind ein beeindruckendes Dokument des furchtbaren Stellungskrieges in Frankreich und Belgien. Der Enkel von Paul Diekmann ist Dr. Cord Diekmann aus Achterstadt. Er hat den Schülerinnen die Briefe zur Verfügung gestellt.

Paul und Luise Diekmann haben am 26. Mai 1911 geheiratet. Die beiden Söhne haben mit ihrem Vater nicht viel Zeit gemeinsam gehabt: Seit Kriegsbeginn konnte er ihre Erziehung nur durch Briefe und während weniger Urlaubstage beeinflussen. Für seine Enkel war der Großvater vor allem der ernst und ein wenig traurig blickende Soldat auf dem riesigen Porträtfoto über dem Sofa. Das sorgsame Hüten der Briefe, in denen die Großmutter meist Liesi oder Lieschen genannt wird, haben sich die Enkel zur Aufgabe gemacht. Sie freuen sich, dass sie über das Deutsche Historische Museum/LeMO einen Weg gefunden haben, den Wunsch eines längst verstorbenen jungen Mannes zu erfüllen, seine Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken auch anderen zugänglich zu machen und damit zugleich an die Schrecken und Folgen eines entsetzlichen Krieges zu erinnern.

14. März 1916, Dienstag, des Nachmittags drei Uhr

Mein liebes, gutes Lieschen!

Ein Vergnügen ist’s auch hier wieder, den Frühling kommen zu sehen. Wenn nur nicht die Sehnsucht nach der Heimat und nach dem Frieden so wüchse! Wie schön habe ich mir gerade die Frühlingstage gedacht, wenn ich mit Bubi losziehen wollte in den lachenden Sonnenschein hinein. Jetzt ist der Junge so weit, aber immer noch ist Krieg. Immer noch. Und wie lange wohl noch? Glaubst du auch, Liesi, dass wir nun, wo des Winters Schrecken und Schwierigkeiten überwunden erscheinen, schon wieder an den nächsten Winter denken? Gebe Gott, dass unsere Sorge zu weit reicht! Aber man rechnet ja doch mit allem. Wer hat denn vor einem Jahr ernstlich mit einem Winterfeldzuge gerechnet? Aber wir wollen nicht zu weit vorausrechnen. So plötzlich der Krieg kam, so schnell kann ja auch sein Ende kommen. Irgendwo und irgendwann muss ja mal der ehrliche Mut gefunden werden zu sagen: Es geht nicht mehr; jede Fortsetzung des Krieges ist Wahnsinn. Zwar wir werden’s nicht mehr sagen können, und unsere Feinde werden’s nicht sagen wollen. Und dennoch!

Gott befohlen, mein Lieb! Seid alle drei herzlichst gegrüßt von eurem treuen Vater.

14. November 1917, Mittwoch, abends um halb zehn Uhr

Mein liebes, gutes Lieschen!

Du fragst mich nach meiner Meinung wegen des Friedens. Ich habe es mir so nach und nach abgewöhnt, in dieser Richtung Optimist zu sein. Aber soviel steht wohl fest: Günstiger wäre unsere Lage nie. Und wenn in Russland Lenin am Ruder bleibt und wir Italien auf die Knie zwingen, dann wird England als klug rechnender Geschäftsmann bald einsehen, dass alles weitere Kämpfen nicht mehr vorteilhaft ist. Dazu kommt, dass im Innern scheinbar ein neuer Burgfriede zustande gekommen ist. Die neuen Männer haben gute Namen. Mögen sie berufen sein, den Deutschen Frieden zu schließen!

Gute Nacht, mein liebes Frauchen, und Gott befohlen! Dein treuer Paul

Weitere Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg von aul Diekmann unter www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/paul-diekmann-feldpostbriefe-aus-dem-ersten-weltkrieg-teil-i-mai-bis-dezember-1915.html

Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
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