Nordenham Wie schwierig es sein kann, wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufein­ander treffen, aber zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen sollen, das konnte das Team des Mehrgenerationenhauses in einem Workshop am eigenen Leib erfahren. Rund 25 Vertreter verschiedener Mehrgenerationenhäusern aus Bremen, Emden, Papenburg, Nienburg und der Region waren nach Nordenham gekommen, um dort am Moderatorentreffen teilzunehmen.

„Die Treffen finden zweimal im Jahr statt. Nordenham war schon drei oder vier Mal Gastgeber“, berichtete Claudia Redmer, Leiterin des Mehrgenerationenhauses an der Viktoriastraße.

Bei diesen Treffen geht es vor allem um den Austausch. Vertreter der einzelnen Häuser berichten von ihren Erfahrungen und von Konzepten, die sich bewährt haben oder auch verworfen wurden. „Wir sind sehr gut vernetzt und durch die regelmäßigen Treffen können wir voneinander profitieren und Ideen aufschnappen“, sagte Claudia Redmer.

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Interkulturelles Training

Manchmal werden zu den Moderatorentreffen auch Trainer eingeladen. Beim Treffen in Nordenham war die interkulturelle Trainerin Nazli Bayrak aus Nienburg dabei. Sie wollte die Teilnehmer im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund sensibilisieren. Im ersten Teil ging es um die Theorie. Im zweiten Teil sollten die Teilnehmer dann am eigenen Leib erfahren, wie es Menschen aus anderen Kulturkreisen ergeht, wenn sie nach Deutschland kommen.

Jeder Teilnehmer bekam eine Rolle zugewiesen. Dass bei Menschen aus verschiedenen Kulturen schon die Begrüßung schwierig werden kann, merkten die Teilnehmer schnell. „In Lateinamerika zum Beispiel ist viel Körperkontakt üblich. Sie umarmen sich, begrüßen sich mit Küsschen. Vietnamesen und indische Hindus sind dagegen sehr distanziert. Körperkontakt wird dort vermieden“, zeigte Nazli Bayrak eine Schwierigkeit auf.

Ausgangssituation im Workshop sollte die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturen auf einer internationalen Veranstaltung sein. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, ihr Gegenüber zu begrüßen und zu einer Veranstaltung im eigenen Land einzuladen. Jeder Teilnehmer erhielt ein Blatt Papier, auf dem seine Rolle und die jeweiligen Riten und Gebräuche beschrieben wurden.

„Ich sollte zum Beispiel einen Westafrikaner spielen“, erzählte Hausleiterin Claudia Redmer. Für sie galt, dass Gespräche in der Regel mit Fragen nach dem Familiennamen des Gegenübers beginnen. Dabei wird zunächst der Name des Vaters erfragt, denn die Abstammung ist zur gegenseitigen sozialen Einschätzung wichtig. Auch der Herkunftsort wird erfragt.

„Erfolgt dies nicht, gilt das als Desinteresse an der eigenen Person, und das Gespräch wird rasch und höflich beendet. Im positiven Fall folgt eine detaillierte gegenseitige Befragung nach dem allgemeinen Wohlbefinden, zum Beispiel ,Hast du gut geschlafen, bist du gut aufgestanden, wie geht es dir gesundheitlich’“, berichtete Claudia Redmer.

Im Rollenspiel traf sie auf Ilona Röpke-Jansen aus dem Mehrgenerationenhaus in Cloppenburg, die eine Frau hinduistischen Glaubens spielte. In ihrer Kultur, so lautete ihre Anweisung, dürfe sie nichts von sich preisgeben. „Es war sehr interessant aber auch sehr schwierig. Wir konnten sehen, da prallen zwei Welten aufein-ander“, berichtete Claudia Redmer.

Sie habe gemerkt, dass sie sich automatisch zurückgezogen habe, um aus der Situation herauszugehen, erzählte sie. Ein Teilnehmer habe sogar seine Rolle abgegeben, weil die Situation zu schwierig, sein Gegenüber zu distanziert war, berichtete Trainerin Nazli Bayrak. Sie riet den Teilnehmern abzuwarten, was ihr Gegenüber macht, um zum Beispiel bei der Begrüßung nicht mit ausgestreckter – und leerer – Hand dazustehen, wenn eine solche Begrüßung in der anderen Kultur nicht üblich ist.

Identität behalten

Viele Teilnehmer hatten ihr nach dem Workshop gesagt, dass sie jetzt nachvollziehen können, wie schwierig es für Flüchtlinge sein muss, die nach Deutschland kommen. „Die Menschen verlassen ihre Heimat, aber sie lassen nicht ihre Identität zurück“, betonte Nazli Bayrak.

Migranten sollten sich im Rahmen ihres religiösen und kulturellen Spielraums anpassen. Das bedeute nicht, dass eine Muslima ihr Kopftuch in Deutschland ablegen müsse, aber dass sie an der Gesellschaft teilnimmt, sagte die 32-Jährige.

Merle Ullrich Brake / Redaktion Brake
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