Nordenham Wissen sie womöglich nicht, was sie tun? Diese Frage mit Bezug zur Bibel wirft Heike Boelmann-Derra auf. Sie gibt auch gleich die ernüchternde Antwort: „Doch sie wissen es“, sagt die evangelische Pfarrerin, „sonst hätten sie die Tat nicht ausgerechnet in der Nacht zum 9. November verübt.“ Gemeint sind die Stolpersteinschänder, die wenige Stunden vor den Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht in Nordenham zugeschlagen hatten. Für die Pastorin steht fest, dass die judenfeindlichen Farbschmierer mit Kalkül vorgegangen sind. Das macht die Sache nicht einfacher.

Bei der ökumenischen Mahnwache, zu der sich am Donnerstagabend rund 200 Menschen aller Generationen auf dem Marktplatz versammeln, spricht Heike Boelmann-Derra offen aus, was viele denken: „Die Rechtsex­tremisten kriechen wieder aus ihren Nestern.“ Zustimmendes Nicken, nachdenkliche Gesichter.

Die Sorge, dass radikalnationalistische Hetzer und Störenfriede noch mehr an Einfluss gewinnen könnten, lässt den feucht-kalten Spätherbstabend noch ungemütlicher werden. Etwas Licht in diese Düsternis bringen die Kerzen auf dem Boden und in den Händen der Mahnwachenteilnehmer.

Friedlich und gewaltfrei

Auch die Worte von Heike Boelmann-Derra und ihrem katholischen Amtskollegen Karl Jasbinschek sind ein gutes Mittel gegen die trüben Gedanken. „Wir wollen einstehen für die Freiheit des Denkens und des Gewissens“, sagt Karl Jasbinschek. Die beiden Geistlichen rufen zu Mut und Geschlossenheit auf, um die Rassisten in die Schranken zu weisen. „Friedlich und gewaltfrei“, betont Heike Boelmann-Derra.

Was Hoffnung gibt, das sind das Vertrauen in die Kraft der Mitmenschlichkeit und das Wissen, dass der braune Mob trotz aller hirnloser Krakeelerei immer noch eine kleine Minderheit ist. „Wir sind die Mehrheit“, stellt Heike Boelmann-Derra unmissverständlich klar. Und diese Mehrheit werde Zweifel an der Freiheit des Glaubens niemals zulassen. Wenn es nicht eine Mahnwache in Stille wäre, würde es jetzt lauten Beifall geben.

Nils Humboldt und Philipp Böckmann vom Bündnis für ein buntes Nordenham appellieren ebenfalls an die Geschlossenheit aller demokratischen Kräfte im Kampf gegen den Rassismus. Für Nils Humboldt ist es unbegreiflich, wie der Hass derartige Ausmaße annehmen kann, dass die Fanatiker sogar die Erinnerungen an die getöteten und verfolgten Juden auslöschen wollen. Genau das hatten die Farbschmierer im Sinn, als sie die Namensplaketten mir rotem und schwarzem Lack übermalten. Und damit die Botschaft wirklich bei jedem ankommt, hinterließen sie auch noch Aufkleber mit anti-israelischen Parolen. Das ist mehr als Sachbeschädigung: Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung.

Weg des Friedens

Zum Schluss entwickelt sich die Mahnwache zu einer Friedensbewegung im wörtlichen Sinne. Nach fünf Minuten des Schweigens bittet Pfarrer Karl Jasbinschek die Teilnehmer, sich gegenseitig an der Schulter anzufassen, so dass eine Menschenkette entsteht, die um sich selbst kreist. „Wir wollen symbolisch den Weg des Friedens gehen“, sagt der Priester.

Vorneweg Karl Jasbinschek und Heike Boelmann-Derra. Sie stimmen das hebräische Friedenslied „Hevenu Shalom Alechem“ an. Alle singen mit. Wirklich alle. Das ist ein gutes Zeichen.

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Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
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