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Hitzegewitter Im Nordwesten
Unwetter heute Abend im Anmarsch

Nordenham Es regnete in Strömen, als der Künstler Gunter Demnig an einem Septembertag vor neun Jahren in der Nordenhamer Innenstadt die Stolpersteine verlegte. Mit dabei war Dr. Wolfgang Knüll aus Rösrath bei Köln. Der aus Nordenham stammende Mediziner hatte den Anstoß für die Aktion gegeben. Sein Ziel war es, mit den Namensplaketten eine mahnende Erinnerung an die Judenverfolgung in der Nazi-Zeit zu schaffen. Dass diese Gedenktafeln jetzt durch Farbschmierereien und antisemitische Aufkleber geschändet worden sind, trifft ihn schwer. „Als ich damals die Legung der Stolpersteine anregte, war eine Tat wie die jetzige kaum vorstellbar“, sagt Wolfgang Knüll.

Sein Vater hatte eine Arztpraxis in Nordenham betrieben. Einige seiner Patienten waren Juden. Für deren Stolpersteine hat Wolfgang Knüll die Patenschaft übernommen. Sie sind mit den Namen der 24 jüdischen Mitbürger beschriftet, die in Nordenham vor den Nationalsozialisten geflüchtet sind oder von ihnen deportiert und ermordet wurden.

Rassenwahn der Nazis

„Mit großem Erschrecken habe ich von der Schändung gelesen“, schreibt Wolfgang Knüll in einem Brief an die NWZ. Die Stolpersteine würden an Nordenhamer Juden erinnern, die nichts anderes gewesen seien als Mitbürger. „Sie wurden allein wegen ihres Glaubens ermordet, denn der Rassenwahn der Nazis war und ist eben nur ein Wahn“, betont er.

Vor einigen Jahren hatte Wolfgang Knüll dem Nordenhamer Gymnasium die Anregung gegeben, Schulklassen die Steine im Geschichtsunterricht pflegen zu lassen, um die Erinnerung wachzuhalten und aufzuklären. Dass der SPD-Ratsherr und Oberschullehrer Nils Humboldt inzwischen alljährlich am Gedenktag zur Pogromnacht vom 9. November 1938 zu Mahnwachen und zur Reinigung der Stolpersteine aufruft, lobt Wolfgang Knüll ausdrücklich. „Aber der Aufruf traf wohl auch auf braune Ohren, deren Protagonisten sich in Leuten wie Höcke wieder frech vorwagen dürfen.“ Dabei hätten die meisten Antisemiten noch nie einen Juden auch nur gesehen. „Wenn wir als Bürger jetzt versagen, werden wir bald nichts mehr sagen“, warnt der ehemalige Nordenhamer. In Ostdeutschland gebe es schon solche Orte. „Wer von Geschichte nichts wissen will, den holt sie unweigerlich ein“, ist Wolfgang Knüll überzeugt. Am 9. November 2020 will er auf jeden Fall in Nordenham bei den Steinen sein – „natürlich auch nachts“.

Thümler kritisiert Tat

Scharfe Kritik an den antisemitischen Farbschmierereien, von denen in der Nacht zu Sonnabend drei der sieben Gedenkstein-Standorte in Nordenham betroffen waren, übt auch der CDU-Landtagsabgeordnete und Wissenschaftsminister Björn Thümler aus Berne. „Ich wünsche den Ermittlungsbehörden viel Erfolg bei der Suche nach den Tätern“, sagt der Politiker. Seine Position: „Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gesellschaft.“ Alle Menschen jüdischen Glaubens müssten in der Wesermarsch und anderswo in Deutschland angstfrei leben können. Das sei auch für Christen eine Verpflichtung – ebenso wie für Menschen anderer Religionen und für Konfessionslose.

Björn Thümler ruft dazu auf, dem Antisemitismus mit Zivilcourage und bei Straftaten mit der Härte des Rechtsstaates zu begegnen. Anlässlich der Gedenkstein-Schändungen veranstalten die evangelisch-lutherische und die katholische Kirchengemeinde Nordenham an diesem Donnerstag, 14. November, eine Mahnwache auf dem Marktplatz in der Innenstadt. Beginn ist um 18 Uhr. Alle Bürger aus Nordenham und Umgebung sind aufgerufen, mit ihrer Teilnahme ein Zeichen gegen Rassismus und Judenfeindlichkeit zu setzen.

Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
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