Nordenham Der rechtsextreme Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle an der Saale hat auch in Nordenham großes Entsetzen ausgelöst. Bei einer NWZ-Umfrage zeigten sich die Bürger erschüttert über die Tat, bei der zwei Menschen ihr Leben verloren und mehrere verletzt wurden. Das Aktionsbündnis für ein buntes Nordenham sieht sich darin bestätigt, dass die Gefahr von Rechts weiter zunimmt und alle demokratischen Kräfte dagegen vorgehen müssen. Eine spontane Gedenk- und Protestveranstaltung plant das Bündnis zwar nicht, aber bei den Mahnwachen zur Reichspogromnacht am 9. November werden die Vorfälle von Halle ein zentrales Thema sein. Das hat Nils Humboldt angekündigt. Er ist Initiator der Mahnwachen gegen Antisemitismus und einer der Sprecher des Aktionsbündnisses für ein buntes Nordenham. Dieser Zusammenschluss hatte sich im Herbst 2018 zusammengefunden. Anlass waren die islamfeindlichen Farbanschläge auf die Selimiye-Moschee und ein türkisches Restaurant in Nordenham.

Erschreckende Bilder

Nils Humboldt bezeichnet die Gewalttat in Halle als „furchtbar und unvorstellbar“. Die Bilder des Mannes im Kampfanzug, der um sich schießt und einen Massenmord geplant hatte, seien „erschreckend“. Für Nils Humboldt steht außer Zweifel, dass Rechtsextreme immer mehr zu einer „Bedrohung für unsere Demokratie und unsere offene Gesellschaft“ werden. Er verweist auf die steigende Zahl an Straftaten, die dem rechten Lager zuzuordnen sind. Auch Nordenham bleibe davon nicht mehr verschont.

Der Geschichtslehrer und SPD-Ratsherr macht Teile der Alternative für Deutschland (AfD) dafür verantwortlich, dass rechtes Gedankengut wieder salonfähig geworden ist und es in der Folge zu Gewalttaten kommt. „Der Sprache folgen böse Taten“, sagt der 33-Jährige. Es sei höchste Zeit, den Wählern diesen Zusammenhang zu verdeutlichen. „Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung“, sagt Nils Humboldt, „wir müssen ganz klar sagen: Bis hier hin und nicht weiter.“

Vor diesem Hintergrund bereitet das Aktionsbündnis für ein buntes Nordenham weitere Maßnahmen vor, die sich gegen rechte Hetze und Gewalt richten. Dabei hoffen die Initiatoren auf eine große Unterstützung aus der Bevölkerung.

Gegen Rassismus

Fest steht bereits, dass es im nächsten Jahr in Nordenham wieder Veranstaltungen anlässlich der internationalen Aktionswochen gegen Rassismus gibt. Dazu gehört im März auch eine Neuauflage des Konzerts „Nordenham rockt bunt“. Darüber hinaus ist das Bündnis laut Nils Humboldt „jederzeit offen für neue Ideen“.

Einen wichtigen Ansatz, den radikalnationalen Auswüchsen entgegenzutreten, sieht er in einem religionsübergreifenden Dialog. So sei es ein erklärtes Ziel des Aktionsbündnisses, die Zusammenarbeit mit der Islamischen Gemeinde noch weiter zu verstärken.

Nils Humboldt freut sich, dass die Teilnehmerzahlen bei den Mahnwachen zur Reichspogromnacht in Nordenham in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Angesichts des Terroranschlags in Halle wünscht er sich, dass es diesmal noch mehr sein werden.

Bärbel Steinhof(75) ist von dem Anschlag in Halle entsetzt. Als sie gehört habe, dass der Anschlag in Halle stattgefunden hat, sei ihr erster Gedanke gewesen, dass es sich dabei um eine Tat mit rechtsradikalem Hintergrund handele. „Es ist einfach furchtbar, dass so etwas in der heutigen Zeit noch passiert“, betont sie.

Heidrun Haase(58) findet die Situation erschreckend: „Immer wieder hört man von solchen Angriffen.“ Sie wünscht sich für die Zukunft, dass dagegen auf politischer Ebene mehr passiert. „Diese Leute haben einfach zu viele Freiräume“, findet die Nordenhamerin. Die Justiz müsse härter durchgreifen.

Nicole Semling-Bär(49) ist fassungslos und bedauert die Opfer. „Diese Menschen tun doch niemandem etwas“, sagt sie, „wieder mussten grundlos unschuldige Menschen sterben.“ Solche Vorfälle machen der 49-Jährigen Angst und lassen sie inzwischen auch um ihr eigenes Leben fürchten.

Saskia Otten(21) studiert Geschichte. Besonders mit dem Holocaust hat sich die Studentin viel auseinandergesetzt. Dass solche Angriffe mit antisemitschem Hintergrund heutzutage noch auftreten, ist für sie nicht zu begreifen. „Vor allem die Spekulationen über den Angreifer stören mich. Fakt ist, dass es sich um einen Deutschen handelt. Und nicht, wie viele behaupten, um einen Ausländer“, betont die Nordenhamerin.
BILDer:

24 Stolpersteine aus Messing erinnern an die verfolgten Nordenhamer Juden

An sieben Standorten im Nordenhamer Stadtgebiet befinden sich in den Boden eingelassene Messingtafeln, die an das Schicksal der verfolgten Juden in der Nazi-Zeit erinnern. In diese insgesamt 24 Stolpersteine sind die Namen der Opfer eingraviert. Der Künstler Gunter Demnig aus Köln hatte die Gedenksteine im September 2010 verlegt. Sie befinden sich vor den Häusern, in denen die jüdischen Mitbürger gewohnt hatten.

Mahnwachen zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938 finden seit vier Jahren regelmäßig in Nordenham statt. Der Geschichtslehrer und SPD-Ratsherr Nils Humboldt, der auch einer der Sprecher des Aktionsbündnisses Nordenham bleibt bunt ist, hatte dazu die Initiative ergriffen. Der SPD-Ortsverein Nordenham und der Kreisverband Wesermarsch des Deutschen Gewerkschaftsbundes unterstützen das Mahnwachen-Projekt. Alle Bürger haben die Möglichkeit, die Gedenkveranstaltungen mitzugestalten und sich mit Beiträgen wie Gedichten oder Liedern einzubringen. Wer Interesse hat, kann sich unter folgender E-Mail-Adresse melden: nils_humboldt@yahoo.de.

Um 17 Uhr beginnen am Sonnabend, 9. November, die ersten Mahnwachen in Nordenham. Weitere folgen um 17.15 Uhr und um 17.30 Uhr. Zum Abschluss ist für 17.45 Uhr eine zentrale Gedenkveranstaltung vor der Commerzbank in der Fußgängerzone vorgesehen. Zum Ablauf der Mahnwachen gehören das Reinigen der Stolpersteine, das Aufstellen von Kerzen und das Niederlegen von Blumen sowie kurze Ansprachen und eine Schweigeminute.

An diese Nordenhamer Juden, die Opfer der Nazi-Diktatur waren, erinnern die Stolpersteine: Bahnhofstraße 18: Paul, Frederike, Eugen und Emil Stoppelmann; Ecke Bahnhofstraße/Friedrich-Ebert-Straße: Robert, Josephine, Susanne und Paul Löwy; Friedrich-Ebert-Straße 14: Walter Friedmann sowie Adalbert, Leontine und Renate Meyer; Wilhelmstraße 16: Emanuel, Mirjam, Elimar, Louis, Rosa und Erich Pinto; Walther-Rathenau-Straße 208: Adolf und Emma Oss; Am Salzendeich 19: David, Thekla, Erwin und Leopold Jacobson.

Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
Sarah Schubert Volontärin, 1. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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