Kleinensiel /Wesermarsch Was verbindet Tschernobyl mit Brake-Käseburg? Zumindest beim Verhalten der Behörden und Institutionen ließen sich durchaus Parallelen zwischen dem Super-Gau am 26. April 1986 im damals explodierten ukrainischen Atommeiler und der geplanten Einlagerung von radioaktiven Rückbauabfällen aus dem Kernkraftwerk Unterweser in der Abfalldeponie des Landkreises Wesermarsch ziehen. Das machten die Teilnehmer einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in Sürwürden deutlich.

Rund 20 Teilnehmer

Den 33. Tschernobyltag begingen die Kernkraftgegner der Aktion Z, des Arbeitskreises Wesermarsch, der BUND-Kreisgruppe Wesermarsch und des Oldenburger Energierates erstmals gemeinsam mit den Bürgerinitiativen gegen die Deponierung von radioaktiven Rückbauabfällen in öffentlichen Abfallanlagen. „Dafür habe ich vier Monate lang gekämpft“, sagte Arbeitskreis-Sprecher Hans-Otto Meyer-Ott den rund 20 Teilnehmern der Veranstaltung.

Der Super-Gau in Tschernobyl habe Weißrussland nicht davon abhalten können, ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Deutschland habe den Ausstieg zwar beschlossen, jedoch sind immer noch acht Atommeiler in Betrieb, die strahlenden Müll produzieren, kritisierte Aktion-Z-Sprecher Jürgen Janssen, der in Sürwürden moderierte. Zudem bleibe das Thema aktuell, weil Kernkraftbefürworter den CO2-freien Atomstrom als eine gute Antwort auf die Klima-Katastrophe anpreisen.

Ingo Harms vom Oldenburger Energierat erinnerte daran, dass schon im Januar 1986, also drei Monate vor der Explosion in Tschernobyl, von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft darauf hingewiesen worden sei, den Klimawandel mit Atomenergie bekämpfen zu können. Zudem seien von deutschen Experten das wartungsfreundlichere Kernkraftwerk von Tschernobyl als sicherer als die deutschen Druckwasserreaktoren erachtet worden. „Der Super-Gau hat aber deutlich gezeigt, dass sich die Gefahren der Radioaktivität nicht verschweigen lassen“, so Ingo Harms.

Nicht nur die Ereignisse in der heutigen Ukraine hätten gezeigt, dass Wissenschaft eine käufliche Ware sei, die sie zum Handlager für Politik und Konzerne mache. Darum sei es wichtig, dass Initiativen und Kernkraftgegner wachsam bleiben, um zu informieren und zu provozieren, sagte er. Über den Stand des Klageverfahrens gegen die Rückbaugenehmigung für das Kernkraftwerk Unterweser durch das Niedersächsische Umweltministerium berichtete Hans-Otto Meyer-Ott. Auf die 180-seitige Klageschrift habe der KKU-Eigentümer Preussen-Elektra mit einer 76-seitigen Stellungnahme geantwortet. Die werde derzeit von Anwälten und Helfern der Kläger bearbeitet, sagte der Sprecher des Arbeitskreises Wesermarsch. Das Ergebnis werde voraussichtlich im Mai beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht.

Die Kläger sind optimistisch, Erfolge verbuchen zu können. Als ein Beispiel nannte Hans-Otto Meyer-Ott die Grenzwerte für die Einleitung der beim KKU-Rückbau anfallenden Abwässer in die Weser, wofür eigens eine neue Leitung gebaut worden sei. Die Grenzwerte seien dieselben wie beim 2011 eingestellten Betrieb des KKU, obwohl deutlich weniger Abwässer eingeleitet werden sollen. Dies führe zu einer höheren Belastung der Weser.

„Alle unsere Fragen zur Einlagerung der sogenannten freigemessenen KKU-Rückbauabfälle auf der Landkreis-Deponie in Käseburg wurden bislang nicht zufriedenstellend beantwortet!“ kritisierte Harry Grotheer von der Bürgerinitiave AtommülldepoNIE. Deshalb werde man über eine Untätigkeitsklage nachdenken. In Käseburg sollen rund 7000 Tonnen KKU-Rückbauabfälle, die eine „zulässige“ Reststrahlung von bis zu 10 Mikrosievert nicht überschreiten, deponiert werden. Weil in der Deponie zu wenige andere Materialien für eine Vermischung anfallen – statt der erforderlichen 10 000 sind es nur rund 300 Tonnen im Jahr – muss in einem gutachterlichen Einzelverfahren entschieden werden.

Harry Grotheer und Hans-Otto Meyer-Ott rechnen mit einer Entscheidung innerhalb der nächsten zwei Monate zugunsten einer Genehmigung der Einladung des freigegebenen strahlenden KKU-Bauschutts unter Auflagen. „Wir sollten uns schon frühzeitig damit beschäftigen, wie wir damit umgehen werden“, schlug Hans-Otto Meyer-Ott vor.

Schlechter Baugrund

Der Baugrund in Käseburg sei der schlechteste in der Wesermarsch, wo aber zwei große Probleme gelöst werden sollen, sagte Heiko Wöhler. Der Landwirt beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit diesem Thema und hat als Beauftragter des Bürgervereins „Rund um Sandfeld“ im jetzigen Genehmigungsverfahren eine Stellungnahme erarbeitet. Wegen des moorigen Untergrundes sei es schon in den vergangenen Jahren immer wieder zu Setzungen gekommen.

Heiko Wöhler befürchtet, dass es wegen einer zusätzlichen Doppelbelastung des Areals durch die Einlagerung des KKU-Bauschutts und durch den geplanten Zuwässerungskanal entlang der Deponie, der Teil des Generalplanes Wesermarsch für die salzarme Zuwässerung in der mittleren und nördlichen Wesermarsch ist, zu Grundbrüchen und damit zur Verseuchung des Grundwassers kommen könnte. Es sei ein Skandal, dass der Landkreis bei dieser Frage sogar seine eigenen Gutachten nicht anerkennt, sagte der Landwirt.

Rolf Bultmann Nordenham / Redaktion Nordenham
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