Einswarden Wer am Vorabend die Bürgerversammlung im Einswarder Mehrzweckhaus miterlebt hatte, war mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass die Bewohner des Stadtteils mit den geplanten Sanierungsmaßnahmen im Bereich der Niedersachsenstraße ganz gut leben können. Auch für den Vorschlag der Stadtverwaltung, den Marktplatz aufzugeben und ihn mit Mehrfamilienhäusern zu bebauen, zeigten sie sich aufgeschlossen. Einige Bürger gaben lediglich zu bedenken, dass die Gebäude nicht zu mächtig sein sollten und an anderer Stelle ein Ersatz für die wegfallenden Parkplätze geschaffen werden müsse. Als das Thema 24 Stunden später im Bauausschuss des Stadtrates zur Sprache kam, sah die Sache aber auf einmal völlig anders aus.

Fördermittel von Bund und Land für Stadtumbau

Stadtumbau West ist ein Förderprogramm von Bundesregierung und Landesregierung, die gemeinsam zwei Drittel der Kosten tragen. Für die beantragten Fördermaßnahmen in Einswarden sind 1,2 Millionen Euro vorgesehen, so dass sich der Eigenanteil der Stadt Nordenham auf 400 000 Euro beläuft.

Für den Förderantrag hat die Stadtverwaltung ein städtebauliches Konzept erarbeitet. Schwerpunkt ist die Beseitigung von Schrottimmobilien, die das Ortsbild verschandeln und sich negativ auf die Sozialstruktur auswirken. Mit einem Bescheid der Förderstelle rechnet die Stadt in diesem Frühjahr. Die Maßnahmen sollen in den Jahren 2019 bis 2021 umgesetzt werden.

Eine Entscheidung über das Stadtumbaukonzept für Einswarden hat der Bauausschuss des Stadtrates noch nicht getroffen. Das Ratsgremium will sich in einer öffentlichen Sitzung am Mittwoch, 23. Januar, erneut mit dem Thema befassen. Dann soll die Verwaltung weitere Planungsvarianten vorlegen. Die Sitzung beginnt um 17 Uhr im Ratssaal im Rathausturm.

Im Gegensatz zu den Teilnehmern der Info-Veranstaltung in Einswarden, zu der gut 60 Bürger gekommen waren, übten in der Ausschusssitzung am Mittwoch gleich mehrere Ratspolitiker scharfe Kritik an dem Konzept für das Förderprogramm Stadtumbau West. Die Reaktionen reichten von „überrascht“ und „irritiert“ bis zu „geschockt“.

Sowohl die Fraktionsvorsitzenden von CDU und FDP, Horst Wreden und Manfred Wolf, als auch die SPD-Ratsherren Ulf Riegel und Lutz Schubert machten deutlich, dass der Einswarder Marktplatz erhalten bleiben und nicht bebaut werden sollte. Darüber hinaus stellten sie und weitere Ausschussmitglieder die grundsätzliche Frage, ob die Schaffung von neuen Wohnungen in Einswaden überhaupt Sinn habe. Schließlich gebe es in dem kriselnden Stadtteil schon genug Leerstände.

Ulf Riegel, der auch Vorsitzender des Bürgervereins Einswarden ist, räumte ein, dass auf dem Marktplatz „nur noch wenig Leben ist“. Dennoch habe das Areal eine wichtige Funktion – und zwar als Parkplatz. Besonders die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr, deren Gerätehaus sich direkt am Marktplatz befindet, sowie die Besucher des Mehrzweckhauses und des Kindergartens würden die Autostellflächen benötigen.

SPD-Vormann Wilfried Fugel und FDP-Fraktionschef Manfred Wolf betonten, dass die Stadtumbau-Ideen der Verwaltung nicht im Einklang mit den geltenden Ratsbeschlüssen für die Stadtteilentwicklung stünden. Sie verwiesen auf die Vorgaben des vor einigen Jahren ausgearbeiteten „Steckbriefs“ für Einswarden. Darin sei unter anderem festgehalten worden, dass der Stadtteil nicht mehr Wohnungen, sondern in erster Linie zusätzliche Gewerbe- und Industrieflächen benötige.

Schrotthäuser abreißen

Auf allgemeine Zustimmung stieß immerhin der Vorschlag der Bauverwaltung, mit den erhofften Geldern aus dem Förderprogramm Stadtumbau West den Abriss von Schrottimmobilien zu finanzieren. Wie berichtet, sollen die maroden Wohnblöcke an der Niedersachsenstraße 52 bis 62 sowie das baufällige Privathaus an der Ecke Niedersachsenstraße/Heiligenwiehmstraße dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für öffentliche Flächen zu schaffen.

Für das 4500 Quadratmeter große Areal an der südlichen Niedersachsenstraße plant die Verwaltung nach dem Abbruch der vier Gebäudekomplexe, die der Nordwohnen-Gesellschaft gehören, die Herrichtung einer „urbanen Fläche“. Baudezernentin Ellen Köncke und Stadtplaner Tim Lorenz gaben sich zuversichtlich, dass sich dort ein Café sowie weitere Läden und Dienstleister ansiedeln lassen. „Diese Freifläche möchten wir für eine Funktion nutzen, die zurzeit in Einswarden fehlt“, sagte Tim Lorenz. Damit meinte er einen Treffpunkt für die Bürger.

Zudem könne die Schaffung des neuen Platzes zwischen Niedersachsenstraße und Friesenstraße die Eigentümer der benachbarten Immobilien dazu motivieren, in die Modernisierung ihrer Häuser zu investieren. Ein solcher Initialzündungseffekt sei auch bei der City-Süd-Sanierung in Nordenham zu beobachten gewesen. „Einer fängt an“, sagte Tim Lorenz, „dann ziehen andere nach.“

Angesichts der Skepsis gegenüber einer Marktplatz-Bebauung regte SPD-Fraktionsvorsitzender Wilfried Fugel an, die neuen Wohnhäuser lieber auf der künftigen Freifläche an der südlichen Niedersachsenstraße zu errichten. Dann könnten im Umfeld des Marktplatzes ein Café und Dienstleister angesiedelt werden. Die Verwaltung bekam den Auftrag, für diese Variante eine Alternativplanung zu entwerfen und sie in der nächsten Bauausschusssitzung vorzustellen.

Allerdings ist nach Einschätzung des Stadtplaners Tim Lorenz der Marktplatz das deutlich attraktivere Areal für Wohnungsbauinvestoren. Der freie Platz, der sich inklusive der angrenzenden Grünfläche über rund 7500 Quadratmeter erstreckt, biete beste Voraussetzungen für eine Bebauung mit variablen Gestaltungsmöglichkeiten.

kommentar

Verstecktes Todesurteil

Norbert Hartfil

Die Stadtratspolitiker wagen sich auf ganz dünnes Eis, wenn sie verkünden, dass Einswarden keine neuen Wohnungen benötigt, weil es da ja schon genug Leerstände gibt. Hinter dieser Aussage verbirgt sich das Todesurteil für den kriselnden Stadtteil.

Dass viele Wohnungen in Einswarden leer stehen, liegt vor allem daran, dass sie alt und schlecht ausgestattet sind. Damit lassen sich keine Neubürger anlocken, mit modernem und preiswerten Wohnraum aber schon. Das ist genau der Ansatz, den die Stadtverwaltung mit ihrem Konzept für den Stadtumbau West verfolgt. Den Fraktionen im Stadtrat ist dringend zu empfehlen, sich dieser Vorgehensweise anzuschließen. Die Ablehnung von Neubauprojekten in Einswarden wäre ein fatales Zeichen.

Hinzu kommt, dass bei jeder Gelegenheit aus der Politik zu vernehmen ist, dass neuer Wohnraum in erster Linie in die Innenstadt gehört. Da drängt sich der Verdacht auf, dass die Außenbezirke ausbluten sollen, damit die Kernstadt aufblühen kann.

Aus städtebaulicher Sicht mag die Strategie, schwächelnde Außenbezirke gesund schrumpfen zu lassen, ja gar nicht so abwegig sein. Aber wer diese Marschrichtung verfolgt, muss auch so mutig sein, die Bürger in den betroffenen Stadtteilen darüber offen und ehrlich zu informieren.

Somit hat die jetzt anstehende Entscheidung über den Stadtumbau in Einswarden eine grundsätzliche Bedeutung. Auch wenn es bei dem Förderprogramm nur um die vergleichsweise bescheidene Summe von 1,2 Millionen Euro geht.

Erosion der Außenbezirke

Tim Lorenz hob hervor, dass die Schaffung neuer Wohnungen für Einswarden überlebenswichtig sei. Es treffe zwar zu, dass es in dem Stadtteil viele Leerstände gibt. Aber was dort fehle, seien moderne Wohnungen. Nur mit einem solchen Angebot ließen sich Menschen nach Einswarden locken und die Abwanderung stoppen. Aus städtebaulicher Sicht sei es „höchst gefährlich“, Neubauvorhaben nur auf den Innenstadtbereich zu konzentrieren.

„Durch viele Neubauten in der Innenstadt drücken wir die anderen Stadtteile an die Wand“, sagte er. In der Folge drohe eine „Erosion“ der Außenbezirke.

Ähnlich äußerte sich der Einswarder CDU-Ratsherr Dr. Tilman Kaethner. Er bezeichnete den Stadtumbau West als große Chance für den Stadtteil und warnte davor, das Konzept der Verwaltung „kaputtzureden“. Grünen-Ratsherr Mario Kauschmann sagte, dass er mit dem Konzept der Verwaltung „gut leben“ könne.

Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus, Gewerbe oder Grundstück?

NWZ-Immo.de
Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus, Gewerbe oder Grundstück?

Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.