Brake Es war ein bisschen wie in den guten alten Zeiten: Am Kaffeetisch von Anita Krüger trafen sich ein paar der „alten Recken“ der Braker SPD, um gemeinsam mit der NWZ in Erinnerungen zu schwelgen. Der Anlass: 150 Jahre SPD-Ortsverein Brake, eine Partei, die in der Spitze 400 Mitglieder hatte. Aktuell sind es noch 140.

Bevor an diesem Samstag mit geladenen Gästen gefeiert wird, haben Anita Krüger (91), Ingo Logemann (68), Dieter Lohstroh (77) und Hans-Werner Bergner (77) noch einmal an früher gedacht, über politische Erfolge sinniert und die Hochzeiten der Sozialdemokratie nicht nur in Brake hochleben lassen. Sie alle haben sich in der, so Logemann, „sehr lebendigen Partei in einer hoch politischen Situation“ der 1960er- und 1970er-Jahre und darüber hinaus engagiert. Der aktuelle Ortsvereinsvorsitzende Holger Kromminga (47) und seine Stellvertreterin Nicole Buntrock (41) komplettierten die Kaffeetafel.

Keine Quotenfrau

Viele Jahre war Anita Krüger die Frontfrau der SPD in Brake – und ist deren zweitältestes Mitglied. Vom Begriff Quotenfrau will sie nichts hören – „alles Quatsch“, meint die resolute Seniorin. Und da ist sie mit der 50 Jahre jüngeren Nicole Buntrock einer Meinung: „Ich möchte keine Quotenfrau sein, sondern durch Leistung überzeugen.“

60 Jahre hält Anita der Partei mittlerweile die Treue, deren Männerriege es ihr anfangs nicht leicht gemacht habe. Und dann erzählt sie die Geschichte vom Besuch Annemarie Rengers in Brake: Nach dem Willen des männlich dominierten Vorstands habe sie nicht sprechen sollen. Doch das sah die Vorsitzende der Frauengruppe gar nicht ein, sie trat bei der Kundgebung ans Mikrofon und ließ Redeverbot Redeverbot sein.

Jugend an die Macht

Eine „Machtübernahme“ der anderen Art fällt Hans-Werner Bergner bei der Gelegenheit ein. Unter dem Vorsitzenden Ernst Cordes sei die Wahl der Delegierten eigentlich keine Wahl gewesen, sondern nur ein Abnicken der vom Vorstand vorgelegten Liste. Dagegen hatten ein paar „junge Wilde“ um den jungen Bergner aber etwas. „Wir sind auf die Barrikaden gegangen und haben so lange diskutiert, bis alle weg waren und wir die Mehrheit hatten.“ Wenn er nur gewusst hätte, was das bedeuten sollte: „Große Schnauze allein reicht nicht“, ließ ihn der damalige Vorsitzende wissen. „So bin ich Mitglied im Stadtrat geworden, was ich eigentlich gar nicht wollte“, erinnert sich Bergner.

Willy spricht Englisch

An eine Anekdote mit einem anderen ganz Großen der SPD erinnert sich Ingo Logemann. Beim Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt während des Landtagswahlkampfes 1972 in der Kreisstadt („Da war der Teufel los“) habe es natürlich auch einen gemeinsamen Umtrunk gegeben. Nach der „größten Politikkundgebung aller Zeiten“ in der Stadt ging es zum Essen – und zum Trinken: „Den ganzen Abend Bier und Linie.“ Mit im Raum: Eine Delegation aus der Wesermarsch-Partnerregion Havant in England. „Statt zu uns Brakern zu sprechen, hat Willy Brandt eine viertelstündige Ansprache an die englischen Besucher gerichtet – auf Englisch. Und die waren völlig fasziniert.“

Braker SPD-Vorsitzende der Nachkriegszeit

Acht Vorsitzende hatte die SPD Brake nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diedrich Thoms: 1945 bis 1955 Ernst Cordes: 1955 bis -1966 Wilhelm Engelke: 1966-1967 Jupp Mikolajczyk: 1967 – 1975 Holger Wohlleben: 1975 – 1997 Ingo Logemann: 1997 – 2010 Ali Baltaji: 2010 – 2011

Holger Kromminga: seit 2011

Die Bundes-SPD hat so viele Vorsitzende seit 2008 benötigt. Insgesamt gab es in Bonn und Berlin 18 Parteivorsitzende seit 1945.

Wie sich die Zeiten geändert habe, zeigt auch das: Habe die Frauengruppe früher laut Anita Krüger „locker zwei Busse gefüllt“, wenn es zu auswärtigen Veranstaltungen ging, kriege man heutzutage „kaum mehr einen Achtsitzer voll“, schildert Nicole Buntrock die zunehmende Politikverdrossenheit. Nicht nur an solchen Beispielen wird auch für Holger Kromminga „die Entpolitisierung der Gesellschaft“ deutlich.

Ihr Vater sei übrigens einer der ersten Sozialdemokraten in Brake gewesen, berichtet Anita Krüger am Kaffeetisch. Die Nummer 9 im Parteibuch zeugt davon. Sie selber wurde 2001 für ihre Verdienste um die Partei mit der Willy-Brandt-Plakette ausgezeichnet. Die langjährige Ratsfrau und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes war damit die erste Frau in der Braker SPD, die die Auszeichnung erhielt.

Apropos Brandt und Co.: In ihrer Wohnung hängen Fotos mit Widmungen der drei SPD-Kanzler Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder gleich neben dem Bundesverdienstkreuz. Über die Vorsitzenden in jüngerer Zeit möchte man nicht viele Worte verlieren – die Stimmung ist gerade zu gut.

Eine Menge erreicht

Dass die SPD eine Menge für Brake geleistet habe, steht für das Sextett außer Frage: Planung und Bau des Kultur- und Sportzentrums, Innenstadtsanierung, Bahnunterführung, Schaffung von Spielplätzen sind nur einige Beispiele. Und nicht nur für Logemann gehört die Begegnungsstätte auf diese Liste: „Eine wahnsinnige Errungenschaft und ein Highlight der sozialdemokratischen Jugendpolitik.“

Und dann wäre da noch der Stadtwald, dessen Entstehung wesentlich auch Anita Krügers Verdienst ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Markus Minten Leitung / Lokalredaktion
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