NORDENHAM Not macht erfinderisch. Und wer – wie Josef Giesen – keine Arme hat, weil er contergangeschädigt ist, kommt gelegentlich auch auf scheinbar abstruse Ideen. So überlegte sich der Herzlaker eines Tages, wie er trotz seines Handicaps an einer Boßeltour teilnehmen kann – und entwickelte einen Schuh mit einem angeschweißten Wurfkorb. Mit diesem Hilfsmittel befördert er die Kugel so weit, dass gestandene Friesensportler vor Neid erblassen. „Alles, was ich selbst machen kann, mache ich auch selbst“, erzählte der 49-Jährige rund 50 Besuchern am Donnerstag im Mehrgenerationenhaus. Dorthin hatte ihn die Caritas für einen Vortrag eingeladen.

Auf den Sport konzentriert

Josef Giesen hat nicht etwa im Boßeln Karriere gemacht. Seine Leidenschaft ist der Skisport. Mit dem Alpin-Sport fing es an, später wechselte er zum Langlauf und dann zum Biathlon. Seinen Beruf als technischer Zeichner musste er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Das gab ihm die Zeit, sich ganz auf den Sport zu konzentrieren. Er hat viermal an den Paralympics, den Olympischen Spielen der Behinderten, teilgenommen. Seine Karriere als Leistungssportler beendete er 2010 in Vancouver mit einer Bronzemedaille. Das gute Stück ließ Josef Giesen am Ende seines Vortrags rumgehen.

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Zuvor bekamen die Besucher im Mehrgenerationenhaus auch viele Geschichten jenseits des Sports zu hören. Seine Kindheit habe er zu einem großen Teil in einem Internat in Debstedt verbracht. Von Anfang habe er dort lernen müssen, die Füße und die verbliebenen Finger an den Armstümpfen zu nutzen: zum Zähneputzen, zum Essen, zum Waschen. „Armprothesen kannste vergessen“, erzählte Josef Giesen. „Als ich 18 war, bin ich in die Kneipe gegangen. Ich wollte sehen, ob ich damit Bier trinken kann. Am nächsten Tag hab’ ich die Dinger weggegeben.“

Den Besuchern, darunter auch eine stattliche Anzahl von Kindern, erklärte er, wie er sein Gewehr bedient. Den Abzug betätigt er mit Hilfe einer Schnur, die er um seinen linken Finger wickelt. Auf der Piste bewegt er sich ohne Stöcke. Bei Wettkämpfen läuft die Zeit der Teilnehmer je nach Grad der Behinderung langsamer. So werden die Ergebnisse vergleichbar.

Nie bevorzugt worden

Sport habe schon immer eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt, berichtete Josef Giesen. Wichtig sei auch gewesen, dass er als einziges behindertes unter sieben Kindern nie bevorzugt wurde. Er habe nie mit seinem Schicksal gehadert. Wenn seine Geschwister eine Rauferei hatten, hat er mitgemischt.

Eine einzige Tablette von dem Beruhigungsmittel Contergan habe seine Mutter genommen, zu einem Zeitpunkt als sie noch gar nicht wusste, dass sie schwanger ist, erzählte Josef Giesen. „Ich stünde heute nicht hier, wenn ich nicht contergangeschädigt wäre. Ich sehe das alles nur positiv.“ Die sportlichen Erfolge, die Begegnungen mit berühmten Menschen wie dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der Eiskunstläuferin Kati Witt und dem Skispringer Martin Schmitt – all dies hätte Josef Giesen ohne seine Behinderung wahrscheinlich nicht erlebt. Und wahrscheinlich wäre er auch nie Botschafter geworden. Als solcher unterstützt er die Stadt München, die sich um die Ausrichtung der Olympischen Spiele und der Paralympics 2018 beworben hat.

„Kein Mensch ist perfekt“ – so lautet das diesjährige Caritas-Motto. Auch Josef Giesen ist nicht perfekt. Aber in einem Punkt ist er ziemlich gut. Er hat gezeigt, wie man trotz einer Behinderung ein erfülltes Leben führen kann. Und wie man ohne Arme die Beete im eigenen Garten harkt. Für diesen Zweck präsentierte der erfolgreiche Sportler ebenfalls eine Erfindung: einen Schuh mit angeschweißter Gartenkralle.

Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
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