Hohenlockstedt /Lemwerder Der Sportplatz im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt ist am Sonntagnachmittag wolkenverhangen. Leichter Wind weht über den Schauplatz der U-18-Faustball-Europameisterschaft, als Deutschlands Angreiferin Maya Mehle im Finale den Ball so im Feld der österreichischen Mannschaft platziert, dass sie ihn nicht mehr abwehren kann. Schluss, aus, vorbei: Deutschland ist Europameister.

Mieke Kienast aus Lemwerder reißt die Hände in die Höhe, läuft in die Mitte des Spielfeldes, nur um wenige Sekunden später unter einer Menschentraube begraben zu sein. Es ist der größte sportliche Erfolg der 15-jährigen Faustballerin. „Ich weiß von diesem Moment eigentlich nichts mehr“, gesteht Mieke später in einem Interview. „Das Gefühl war der Wahnsinn und realisieren kann ich es auch jetzt noch nicht.“

40 Minuten zuvor: Die deutsche Nationalhymne schallt über den Sportplatz in Hohenlockstedt. Arm in Arm stehen die zehn Nationalspielerinnen des deutschen Kaders zusammen, singen mit, nehmen die Atmosphäre vor den rund 500 Zuschauer auf und konzentrieren sich auf das Endspiel. Bei Mieke Kienast ist die Aufregung wohl am größten. Nur wenige Augenblicke zuvor hat sie erfahren, dass sie in der Startaufstellung steht. „Für mich war es ziemlich überraschend“, sagt Mieke. „Die Trainer haben auf meiner Position erst nach dem Aufwärmen entschieden, wer beginnen darf.“

Guter Vorrundentag

Dabei hat sie auch schon am ersten Wettkampftag eine gute Leistung gezeigt und sich somit für das Finale empfohlen. In beiden Vorrundenspielen gegen die Schweiz (11:7, 11:3, 11:7) und Österreich (6:11, 11:8, 13:11, 11:8) kam Mieke zum Einsatz. Mit den zwei Erfolgen hatte das deutsche Team dazu den direkten Finaleinzug geschafft. „Wir haben am Samstag richtig gut gespielt. Die Begegnung gegen Österreich war ausgeglichen, da mussten wir alles geben. Aber mit einer guten Mannschaftsleistung haben wir auch hier gewonnen“, sagt Mieke.

15 Uhr: Der Schweizer Schiedsrichter Daniel Graf pfeift die Begegnung gegen Österreich an. Mieke ist voll konzentriert, immer in der Erwartung, den nächsten Ball anzunehmen. „Wir wussten, dass wir Österreich auf gar keinen Fall unterschätzen dürfen“, berichtet die 15-Jährige.

Fokus auf Finalgegner

2009 hat Mieke mit dem Faustballsport begonnen. „Der Faustball wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt“, sagt sie. „Mein Vater hat früher in der Bundesliga gespielt, meine beiden Brüder sind beim Lemwerder TV immer im Training gewesen.“ Es lag also auf der Hand, dass auch sie mit dem Rückschlagspiel begann.

Zehn Jahre später erlebt sie nun das größte sportliche Highlight ihrer noch jungen Faustballkarriere. Immer wieder versuchen die österreichischen Angreifer, über Mieke zu punkten – ohne Erfolg. Das Publikum jubelt der Lemwerderanerin und ihren Teamkolleginnen zu. „Davon habe ich überhaupt nichts mitbekommen“, gesteht Mieke später. „Ich war so im Tunnel, der Fokus lag nur auf dem Spielfeld, dem Gegner und dem nächsten Ball der geschlagen wurde.“ Und Deutschland scheint seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. Nach zwei Sätzen führt das Team mit 2:0 (11:6, 11:5) – ein Satz fehlt noch zur Titelverteidigung.

Acht Jahre lang hat Mieke beim Lemwerder TV Faustball gespielt, hat mit ihrer Jugendmannschaft an Landesmeisterschaften und Norddeutschen Meisterschaften teilgenommen. Damit nicht genug: Sie reitet, spielt zwei Jahre lang Handball und ist zehn Jahre Teil einer Zirkus-Gruppe. „Die Zeit wurde irgendwann immer knapper, die Trainingseinheiten haben sich überschnitten“, erinnert sich Mieke. Sie fällt eine Entscheidung, sich voll auf den Faustball zu konzentrieren. Schließlich hat sie es hier bereits in den niedersächsischen Auswahlkader geschafft. Als es 2017 kein Team mehr in ihrer Altersklasse beim LTV gibt, wagt sie einen Wechsel zum Ahlhorner SV. „Mein Papa war bis dahin immer mein Trainer. Ich wollte eine Veränderung haben, mal andere Sichtweisen kennenlernen“, erklärt sie.

Eltern fiebern mit

Ihr Papa Uwe ist trotzdem weiterhin an ihrer Seite, gibt ihr Tipps und unterstützt sie. Er und Mama Petra stehen im Finale am Sonntag ganz dicht am Spielfeld und drücken die Daumen. Deutschland führt auch im dritten Satz, der EM-Titel scheint zum Greifen nahe. Mieke ist nun auch immer häufiger im Rückschlag gefordert.

Mit dem Ahlhorner SV hat Mieke schon an einigen Deutschen Meisterschaften teilgenommen, in der weiblichen U 14 sogar den Titel gewonnen und sich mit ihrer Leistung auch für die U-18-Nationalmannschaft ins Spiel gebracht. Nach zwei Lehrgängen in Hamm und Calw wird sie im Mai dann in den Kader für die Europameisterschaft berufen. „Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet“, gesteht Mieke.

10:8 für Deutschland – Matchball: Miekes Angriffspartnerin Maya Mehle vom TSV Bayer Leverkusen sorgt für den entscheidenden Punkt. Nur wenige Sekunden später liegt Mieke, begraben von ihren Mitspielerinnen, auf dem Feld und jubelt über den Europameistertitel.

Kurz darauf hat Mieke eine Goldmedaille um den Hals hängen, strahlt bis über beide Ohren und jubelt über einen Kindheitstraum der wahr geworden ist: „Das alles hier ist einfach nur unbeschreiblich.“

Sönke Spille Volontär, 2. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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