Werke Von Sergei Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch sind die beiden russischen Klassiker der musikalischen Moderne. Beide werden längst als „nationales russisches Erbe“ gefeiert, hatten aber zu Lebzeiten im Stalinismus mit Behördenwillkür zu kämpfen.

Wichtige Teile des Werkes von Prokofjew und von Schostakowitsch sind darum als Auseinandersetzungen mit den Zensurbehörden zu lesen und zu hören, so auch die drei Werke für Cello und Klavier, die in der Konzertkirche Warfleth auf extraordinärem Niveau erklangen.

Der aus Frankfurt stammende Cellist Leonard Elschenbroich und der aus der Ukraine stammende Pianist Alexei Grynyuk gingen ganz bewusst das Risiko ein, mit einem ausschließlich russisch-modernistischen Programm am Publikumsgeschmack vorbeizuspielen. Das hätte auch geschehen können, aber die Interpretationen der Vollblutmusiker und die Aufgeschlossenheit des Warflether Publikums ergänzten sich zu einem gelungenen, in Teilen sogar triumphalen Konzertabend.

Gleich schon nach den ersten Minuten von Prokofjews Sonate C-Dur für Cello und Klavier, op. 119, wurde deutlich, wie expressiv und emotional Leonard Elschenbroich sein ungemein klangschönes Instrument, ein Violoncello, das 1693 in Venedig hergestellt wurde, erklingen lässt. Beseelte Passagen voller Leichtigkeit wechselten mit tänzerischen, schnellen Takten und Ausbrüchen schierer Kraft und Vitalität. Elschenbroichs Spiel lässt das Melos aufblühen, gibt sich technisch und interpretatorisch ganz den Möglichkeiten seines Cellos hin. Häufig schließt er bei lyrischen und ruhigeren Takten die Augen, legt den Kopf zur Seite und scheint versonnen dem Eigenleben seines Instrumentes nachzuhorchen. Der Anschlag Alexei Grynyuks wirkt weniger expressiv. Grynyuk sorgte für die formalen Aspekte wie den präzisen Takt und die sehr dynamischen, dauernd schwankenden Tempi.

Von den beiden Schostakowitsch-Sonaten op. 40 und op. 147, stach die letztere, seine letzte Komposition überhaupt, durch den bekenntnishaften Charakter eines Sterbenden heraus. Das musikalische Geschehen konzentriert sich ganz auf die innere Dramatik dieses Schwanengesangs. Nur der mittlere Satz lässt noch ein letztes Mal Anklänge an den perkussiven Stil der 20er und 30er Jahre hören.

Der abschließende Satz, das Ende, beginnt mit einer ganz langen elegischen Kantilene für Cello solo. Selten sind Konzertsäle so mucksmäuschenstill wie hier bei diesen ebenso traurigen wie abgeklärten reinen Tönen. Nach diesem emotional erschütterndem Ereignis konnte und durfte es keine Zugabe mehr geben. Selbst auf abschließende Worte hätte man dramaturgisch verzichten sollen.

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