Nordenham „Heimat ist offenbar in“, sagt Professor Dr. Dietmar von Reeken. Dem Historiker von der Universität Oldenburg ist um die Zukunft der Heimatvereine nicht bange, lautet das Fazit seines Festvortrages aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des Rüstringer Heimatbundes.

In den Weserterrassen in Nordenham referierte der Professor für Geschichtsdidaktik am Freitagnachmittag vor 120 Besuchern über „Aufgaben und Bedeutung der Heimatvereine in der heutigen Zeit“. Dazu ging er bis in das späte 19. Jahrhundert zurück, als die deutsche Heimatbewegung entstand. Dass um diese Zeit Heimatvereine in großer Zahl gegründet wurden, sei nur vor dem Hintergrund rasanter gesellschaftlicher Veränderungen zu erklären. Es kulminierten mehrere Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur und letztlich auch im Alltag der Menschen. Eine Suche nach neuen Orientierungen war verbreitet. „Auch Heimat war ein Gegenstand von Vereinsgründungen“, stellte Dietmar von Reeken in seiner jetzt 25-jährigen Auseinandersetzung mit der Geschichte von Heimatvereinen und Heimatbewegung fest.

Nicht nur rückwärts

Heimat war Anfang des 20. Jahrhundert laut von Reeken „einerseits ein rückwärtsgewandtes Konzept, das bestimmte Elemente des heimatlichen ländlichen Raumes und der heimatlichen Lebenswelten bewahren wollte, es war aber durchaus auch gegenwarts- und zukunftsorientiert, indem es beanspruchte, Gesellschaft zu gestalten“. Nach dem 1. Weltkrieg machten sich diejenigen, die wie Hermann Löns den völkischen Heimatschutz befürworteten, lauter bemerkbar. Die kulturelle Modernisierung war vielen Heimatfreunden ein Dorn im Auge.

Es sei nicht überraschend gewesen, dass die Heimatbewegung sich von der nationalsozialistischen Machtübernahme eine Unterstützung ihrer Anliegen erwartete. Viele Heimatfreunde hätten die neue Politik unterstützt, aber bald erkennen müssen, „dass die NS-Regierung trotz mancher verbaler Verbeugungen vor Heimat, Stamm und Tradition wenig Bereitschaft zeigte, traditionelle Organisationen zu stärken“.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurden Heimatvereine wiederbelebt. „Eine Beschäftigung, gar eine kritische Ausein­andersetzung mit der Verstrickung in den NS-Staat fand praktisch nicht statt“, stellte von Reeken fest. Die Heimatbewegung habe sich sogar selbst als Opfer der zentralistischen Nationalsozialisten gesehen. „Eine bemerkenswerte Umkehrung der Verantwortlichkeiten“, kritisiert der Historiker und lobt umso mehr den Beschluss des Rüstringer Heimatbundes, die eigene Vergangenheit, insbesondere im Nationalsozialismus, wissenschaftlich aufzuarbeiten.

War nach dem 2. Weltkrieg der Umgang mit Flüchtlingen und Vertriebenen eine Herausforderung für den tradierten Heimatbegriff, so ist es heute die steigende Migration nach Deutschland. Unsere Gesellschaft stecke noch mitten in einem Prozess, „bei dem unklar ist, ob die Flüchtlinge hier eine neue Heimat gewinnen werden oder nicht“, mag Dietmar von Reeken sich nicht festlegen, wenngleich er „eine Renaissance des Nationalen, sei es beim Brexit, sei es bei Wahlerfolgen populistischer, auf Abgrenzung setzender politischer Strömungen in den USA oder im östlichen Europa“ beobachtet. Heimat sei in diesem Kontext ein Synonym für das Nationale und für die Abgrenzung.

Zwei Entwicklungen

Wenn auch die Geschichte der Heimatbewegung in den vergangenen 50 Jahren noch nicht wirklich geschrieben sei, so sieht er grob zwei Entwicklungen. Die Bewegung sei seit Ende der 1960er-Jahre wieder aus der Nische der Modernisierungsskepsis in den Mainstream aktueller gesellschaftlicher Debatten getreten. Andererseits gebe es Probleme in vielen Heimatvereinen. Die früher so selbstverständliche öffentliche Wirksamkeit vor Ort sei allmählich geringer geworden. Infolge dessen hätten sich die Vereine vermehrt mit sich selbst beschäftigt und die öffentliche Arbeit an Themen, die wichtig waren, anderen Organisationen überlassen.

Der Historiker empfiehlt, „ein fruchtbares Verhältnis zwischen der Bewahrung von Traditionen und dem Aufgreifen neuer Herausforderungen zu entwickeln“.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.