Nordenham Um es kurz vorwegzunehmen: Nein, in dem Kultstück „68er Spätlese“, das in der Jahnhalle in Zusammenarbeit mit der Goethe-Gesellschaft Nordenham zu sehen war, ging es nicht um eine Probe erlesener Qualitätsweine, sondern um einen musikalisch-komödiantischen Rückblick in die 1960er und 80er Jahre. Drei in die Jahre gekommene Alt-68er, die von sich behaupten, es im Leben doch noch zu etwas gebracht zu haben, treffen sich in ihrem früheren Probe- und Musikraum wieder und schwelgen in Erinnerungen an ihre wilde Jugend.

Da ist Rollin, der sich heute mit einer kleinen Werbeagentur durchschlägt und demnächst in Kleinensiel – dem Nabel der Welt – eine Dependance aufmachen will. Eddie, der als stellvertretender Leiter einer Jugendfreizeiteinrichtung in Burhave Kurse wie „Häkeln am Schicksal“ anbietet. Und die dreimal geschiedenen Susi mit ihrem Institut für Bodybeaming, -flying und -stretching.

Dem leicht übergewichtigen Rollin, der jeden Morgen zwei Stunden vor dem Spiegel steht und sich mit Sätzen wie „Lieber dick als doof“ zu beruhigen versucht, legt sie auch gleich ein zweistündiges Bodystretching nahe.

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In ihrer Rückschau in die Vergangenheit erfreuten Andrea Weber, Michael Wenk und Krispin Wich alias Susi, Rollin und Eddie vom Galli Theater Weimar die knapp 100 Besucher der Jahnhalle. Sie zeigten viel Situationskomik, Wortwitz und vor allem wirklich musikalisches Können.

So führten sie in die prickelnde Atmosphäre einer unvergessenen Ära ein, deren hoffnungsfrohe Naivität noch heute fasziniert.

Bei dem Trio auf der Bühne handelte es sich weiß Gott nicht um drei Intellektuelle aus der Studentenbewegung, die radikal gegen die damals vorherrschenden verkrusteten Gesellschaftsstrukturen protestieren. Im Gegenteil, Rollin und Eddie, die sich selbst als Loser bezeichnen, buhlen vielmehr knallhart um die Zuneigung von Susi.

Die beiden jungen Männer liefern sich ein gnadenloses Duell mit Liebesliedern und politisch motivierten Songs aus der legendären Musikepoche, in der noch Musiker und Bands wie The Doors, Rolling Stones, Jimi Hendrix, Deep Purple, Janis Joplin, Bob Dylan, Joan Baez und viele mehr die politischen Proteste, Einstellungen und das Lebensgefühl prägten.

Die unter anderem mit Leonard Cohens „Suzanne“ und dem Song „Angie“ der Rolling Stones umworbene Susi entscheidet sich dennoch für keinen der zwei. „Ich finde euch beide klasse“, sagt sie. Und das sind sie auch, wenn sie zum Beispiel nach dem Motto ‚Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund!“ zusammen Haschisch rauchen und danach Hallogene und nicht etwa Halluzinationen entwickeln.

In den 1980er Jahren schlagen die drei dann komplett unterschiedliche Lebenswege ein. Susi lebt jetzt in der Welt der Ökos mit Norwegerpulli und Tai Chi, Eddie mit seiner orange-roten Kluft in der der Gurus, Ashrams und Chakras. Für den bodenständigen und geschäftstüchtigen Metzgerssohn Rollin in Pullunder und Gummistiefeln, der immerzu seine Wurst verkaufen will und gerne sein Bier trinkt, ist das natürlich alles nichts.

Überzeugend und sehr authentisch wirkten auf der Bühne der Nordenhamer Jahnhalle keineswegs nur die Kostüme der Schauspieler. Ausdrucksstark und sehr variationsreich waren vor allem Mimik und Gestik, Dialoge mit sprühenden Witz und einzigartiger Komik sowie die Musikauswahl und -präsentation des Weimarer Trios.

Da ist es eigentlich schon schade, dass die vielen Publikumsanimationen von Michael Wenk erst gegen Ende der Vorstellung zündeten. Aber so sind die Norddeutschen eben: Nicht verschlossen, aber verhalten.

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