Nordenham „Das A und O ist: Ich habe nicht ein Problem, sondern ich bin krank. Das muss ich akzeptieren. Dann habe ich gute Chancen, rauszukommen aus meiner Spielsucht.“ Diese Erfahrung hat Matthias Brandt (52) gemacht. Nach einem ersten, eher zufälligen Gewinn in einer Spielhalle ist der Nordenhamer in eine Sucht geraten und hat von 1982 bis Mitte 2001 etwa 250 000 Euro verspielt. Im Januar 2002 hat der verheiratete gelernte Einzelhandels-, Versicherungs- und Logistikkaufmann mit einem Mitstreiter eine Selbsthilfegruppe in Nordenham gegründet. Matthias Brandt ist inzwischen „spielfrei“. Die Gruppe ist ihm aber nach wie vor ganz wichtig. Sie bietet persönlichen Erfahrungsaustausch und Zusammenhalt.

Regelmäßig LAN-Partys

„Wenn man kurz vor einem Rückfall steht, kann man jemanden aus der Gruppe anrufen, der das versteht, weil er das gleiche Problem kennt. Die Familie kann es meist nicht verstehen“, bestätigt Stephan Pietzsch (40). Der ledige Elektriker aus Nordenham ist im Alter von 16 Jahren mediensüchtig geworden, als er seinen ersten Computer bekommen und mit Freunden regelmäßig LAN-Partys gefeiert hat. Seit fasst fünf Jahren ist er „trocken“.

Matthias Brandt und Stephan Pietzsch gehören zum Kern von acht bis zehn Männern und Frauen, die allesamt spiel- und/oder mediensüchtig sind und der Selbsthilfegruppe der anonymen Spiel- und Mediensüchtigen in Nordenham angehören.

Bis 2015 waren nur Spielsüchtige in der Gruppe. Im Jahr 2014 ist auch die Mediensucht aufgegriffen worden. Die Gruppe hat jederzeit ein offenes Ohr für Alltagsprobleme von Betroffenen. Auch Angehörige sind willkommen.
 Treffen finden jeden Dienstag ab 19 Uhr im Martin-Luther-Haus in Nordenham (Ecke Bahnhofstraße/Mittelweg) statt. Anonymität wird als selbstverständlich angesehen.  Wer dennoch Hemmungen oder Scheu hat, diese Gruppe aufzusuchen, kann ein erstes Gespräch mit einem oder mehreren Gruppenmitgliedern an einem neutralen Ort vereinbaren. Das gilt auch für Angehörige von Suchtkranken.

Ihre Ziele beschreibt die Gruppe so: Betroffenen und/oder deren Angehörigen unterstützend einen Weg aus der Sucht und den damit verbundenen Problemen und Gefahren näher bringen.

Das geschieht durch Erfahrungsaustausch. Allerdings, das betonen Matthias Brandt und Stephan Pietzsch, kann die Selbsthilfegruppe „nur“ begleitend Unterstützung leisten. In den meisten Fällen sei zusätzliche professionelle Hilfe nötig. Auch bei der Suche nach geeigneten Institutionen hilft die Gruppe aber gerne.

Matthias Brandt und Stephan Pietzsch weisen zudem darauf hin: „Keine Therapie und keine Gruppe kann helfen, wenn man nicht selbst gewillt ist, sich helfen zu lassen.“ Sich selbst und/oder Angehörige zu belügen, helfe gar nicht weiter. Und: „Es dauert lange, bis jemand begreift, dass er spielsüchtig ist.“

Zurzeit gibt es etwa 180 000 als krank registrierte Spielsüchtige in Deutschland.

sechs Gruppen

Im „Arbeitskreis Sucht“ arbeiten alle sechs Nordenhamer Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und deren Angehörige zusammen. Neben der Selbsthilfegruppe der anonymen Spiel- und Mediensüchtigen sind es:

Die Anonymen Alkoholiker in Nordenham treffen sich montags ab 19.30 Uhr im Martin-Luther-Haus und sind erreichbar unter Telefon  4224 und Telefon  248155. Die Angehörigen-Gruppe AL-ANON ist erreichbar unter Telefon  248155 und Telefon  1495.

Die Begegnungsgruppe des Blauen Kreuzes trifft sich dienstags ab 19.30 Uhr im Martin-Luther-Haus. Erreichbar unter Telefon  6430, Telefon  7615, Telefon   04483/930197 sowie Telefon    01626366419.

Die Freie Selbsthilfegruppe Einswarden trifft sich dienstags um 19.30 Uhr im Mehrzweckhaus in Einswarden und ist erreichbar unter Telefon   206133 oder 5852.

In Friedrich-August-Hütte trifft sich montags ab 18.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus die Freie Selbsthilfegruppe FAH (erreichbar: Telefon  2498546).

Nach Ansicht aller sechs Gruppen und der Fachstelle Sucht des Diakonischen Werkes ist und bleibt das persönliche Gespräch eine ganz starke Hilfe. Es wird aber schwieriger, zur regelmäßigen Teilnahme an Treffen von Selbsthilfegruppen zu motivieren. Deshalb wollen die Gruppen stärker an die Öffentlichkeit gehen. In einer Serie in loser Reihenfolge stellt die NWZ alle sechs vor. Eine weitere, offene Gruppe trifft sich jeden Montag von 10 bis 11 Uhr in der Fachstelle Sucht (Bernhardstraße 3).

Matthias Brandt war durch seine Erkrankung in eine Schuldenfalle geraten. Er verlor seinen Arbeitsplatz. Mit Hilfe seiner Schwester und seiner Mutter – seine Ehefrau hat er erst später kennengelernt, nachdem er „spielfrei“ geworden war – fand Matthias Brandt Hilfe bei der Schuldnerberatungsstelle der Diakonie. In einer psychosomatischen Spezialklinik absolvierte er 16 Wochen lang eine stationäre Therapie.

Gefährliche Casinos

Die Zahl der Spielhallen sei rückläufig. Vorschriften für Verlust- und Gewinngrenzen für festgelegte Zeiträume seien verschärft worden. „Spielsüchtige kann man damit aber nicht schocken“, sagt Matthias Brandt. Und eine neue große Gefahr seien Online-Casinos. Sie locken mit Wilkommensbonus und bieten Kreditmöglichkeiten an.

Stephan Pietzsch hat erlebt, dass die Sucht auch ein Beziehungskiller ist. Er hatte sich immer mehr zurückgezogen, sich den „Kick“ geholt, indem er Filme in Serie ohne Ende guckte. Zudem weiß er: „Man verwahrlost – richtig.“

Wegen seiner Mediensucht war er 12 Wochen in stationärer Behandlung in einer Klinik und hat gelernt, sich zu befreien. Erst seit einem Jahr sei einigermaßen anerkannt, dass es eine Mediensucht gibt, bedauert er.

Die Selbsthilfegruppe ist im Präventionsrat der Stadt Nordenham vertreten. Im Konfirmandenunterricht klärt sie regelmäßig Jugendliche über die Gefahren im Umgang mit verschiedenen Medien auf. Zudem arbeitet sie in der Prävention mit einer Schule Hand in Hand.

Die Gruppe finanziert sich in erster Linie aus Eigenleistungen. Spenden und Zuwendungen von Unternehmen, Krankenkassen oder auch Rentenversicherungsanstalten werden ausschließlich für Projekte beantragt, die zur Weiterbildung oder der Prävention dienen.

Nicht ernst genommen

„Leider wird die Spiel- und Mediensucht von der Öffentlichkeit nicht wirklich ernst genommen, weil das ’Spielen’ ja auch ein Großteil der Kindererziehung ist. Also kann das Spielen ja auch nicht schädlich sein oder?“ heißt es in einem Informationsschreiben der Gruppe. Und zur Mediensucht: „In der heutigen Zeit ist das Smartphone und der Umgang mit dem Computer im privaten wie im beruflichen Alltag unabdingbar.“

Die Gruppe weist ausdrücklich darauf hin: „Das Spielen – auch Zocken genannt – ist für Spiel- und Mediensüchtige pathologisch, als zwanghaft. Genauso wie für einen Alkoholsüchtigen der tägliche Griff zur Flasche.“ Gruppe appelliert: „Habt vor euch selbst Respekt. Spielt nicht bis zur Sucht. Habt Respekt vor euren Angehörigen. Auch sie leiden.“ Und sie verbreitet Zuversicht: „Seid mutig, auch wir haben es geschafft!“ Wer zur Gruppe Kontakt aufnehmen möchte, kann sich telefonisch melden bei: Kevin (Telefon   04406/7889086), Siegurd (Telefon   04731/2498546), Matthias (Telefon   01575 8170198).

Horst Lohe Nordenham / Redaktion Nordenham
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