Nordenham Das Nordenhamer Krankenhaus ist nun abgerissen. Man muss wirklich bedauern, ja beklagen, dass dieses einzige Gebäude von hohem architektonischen Rang seit dem Amtsgericht von 1913 nicht mehr existiert. Leider hat es eine vergleichbare Initiative wie die des kürzlich verstorbenen Hermann Borchers zum Erhalt der Jahnhalle nicht gegeben.

Lothar Eckhardt

Der Architekt Lothar Eckhardt fühlt sich Nordenham verbunden, weil er in der Unterweserstadt aufgewachsen ist. Er ist als Professor für Entwerfen und experimentelles Gestalten an der Hafen-City Universität Hamburg tätig und hat ein Architekturbüro in Berlin. In seinem Gastbeitrag für die NWZ hat er einen Nachruf auf die alte Wesermarsch-Klinik verfasst.

Die Architekten des Krankenhauses – Wolfgang Weber, Peter Brand & Partner – erlangten international Bekanntheit mit dem riesigen Universitätsklinikum Aachen (1969-1885), das als eines der bedeutendsten und größten Bauwerke der High-Tech-Architektur gilt und in Verbindung gebracht wurde mit dem Centre Pompidou in Paris. Mit der Erklärung zum Baudenkmal in 2008 fand die faszinierende, bestens erhaltene Architektur des Klinikums erneut Beachtung.

Auch die bereits 1967 erstellte Wettbewerbsvorstudie für die Nordenhamer Klinik stellte mit ihrer Architektur in Form eines Kleeblattes mit Rundstationen, einem Installationszwischengeschoss, das die technische Gebäudestruktur konsequent von den Nutzungsbereichen trennte, sowie zentraler Warte- und Verteilerhalle ein funktional, technisch und gestalterisch innovatives, zukunftsorientiertes Konzept dar, das in dieser Art erstmals in Deutschland so projektiert wurde.

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Der zweigeschossige, auf einer Quadratgeometrie aufbauende Basisbau ermöglichte durch sein weitgespanntes Tragwerk mit möglichst wenigen Stützpunkten volle Flexibilität. Die beiden dazu im geometrischen Spannungsverhältnis stehenden, teils über die Basis schwebend auskragenden, kreisförmigen Ebenen mit den Stationen boten bei kürzesten Wegen im Pflegebetrieb optimale Überwachungsmöglichkeiten und schafften eine psychologisch sehr angenehme Atmosphäre.

Mit viel Leichtigkeit

Lebendige Bezüge zwischen Innen und Außen entstanden durch Innenhöfe, Dachgärten und akzentuierende farbige Elemente im Innenausbau, die an der Außenfassade in spannender Rhythmik wiederholt wurden und weit über das flache Land ausstrahlten. Überhaupt verlieh die Fassadengestaltung mit den luftigen, „kreisenden“ Balkonen mit schiffsartiger Reling und Gitterrosten, der differenzierten Elementierung der vielen farbigen Stahlpaneele dem Ganzen eine Leichtigkeit, die kontrapunktiert wurde durch die skulpturalen Betonelemente des außenliegenden Aufzugsturms, des zentralen Aufzugskopfes, des Schornsteins und der Rampe.

Das Interessante: Der konstruktivistische Gestus des Komplexes erzeugte zwar die Anmutung eines Industriegebäudes, zugleich wurde der technoide Charakter jedoch durch Feingliedrigkeit, Transparenz und die „polychromie architecturale“, die hochambitionierte architekturbezogene Farbgestaltung, gebrochen.

Dabei scheint die Farbpalette inspiriert worden zu sein von der architektonischen Farbenklaviatur des berühmten Architekten Le Corbusier, der sie insbesondere in seinen Wohnhochhäusern in Berlin und Marseille sowie bei den Stahlpaneelen der Fassade des Centre Le Corbusier in Zürich (1967) anwandte.

Eine Besonderheit des Nordenhamer Krankenhauses war nicht zuletzt die lange, schmale Rampe, auf der Krankenwagen über den Haupteingang hinweg störungsfrei direkt in die Liegendaufnahme an der Hauptaufzugsgruppe fahren konnten. Diese Rampe verstärkte als kraftvolles, dynamisches Element die Geschwindigkeit der dringenden Anfahrt visuell. Auch hier stand wohl Le Corbusier Pate, der als einer der ersten Architekten Rampen als markante Elemente in seinen Gebäuden verwendete.

Man vergleiche etwa die Zugangs- beziehungsweise Zufahrtsrampe in seinem Carpenter Center for Visual Arts in Cambridge (USA). Kein Wunder, dass das Gebäude nach Fertigstellung auf den Coverseiten von Architekturzeitschriften erschien.

Im stärksten Kontrast dazu: die neue Helios-Klinik in Esenshamm, projektiert von einem Generalplaner aus Leipzig. Ein Planungsbüro, das eigentlich ein Baustatikbüro ist und diverse Krankenhäuser errichtet hat beziehungsweise plant, die im Prinzip alle ähnlich aussehen. Ob in Gifhorn, Gießen oder eben in Esenshamm: blockartige, einfallslose Betonbauten mit billiger Wärmedämmverbundfassade, bis zur Besinnungslosigkeit addierten gleichförmigen Lochfenstern (in Esenshamm sollen es 550 sein), mit farbig unmotivierten Streifen oder Bändern dekoriert wie Geschenkboxen, ohne jegliche baukünstlerische Qualität. Insgesamt haben sie den Charme von Plattenbauten, die Jahrzehnte später farbig aufgehübscht wurden. Von solch nichtssagender Architektur war das alte Nordenhamer Krankenhaus Welten entfernt.

Denkmalwürdig

Architektonisch anspruchsvolle Gebäude der 70er-Jahre, der Zeit des Fortschrittsoptimismus, werden vermehrt neuen Nutzungen, oft einem Nutzungsmix, zugeführt statt abgerissen, weil sie aufgrund ihrer oft tragwerksmäßigen Flexibilität gut umnutzbar sind. Zudem nimmt die Denkmalwürdigkeit dieser Zeitzeugnisse zu.

Leider ist dies alles viel zu wenig beim Nordenhamer Krankenhaus diskutiert worden – zum Beispiel ein Angebotsmix aus Seniorenwohnen, Einrichtungen für Kultur, Bildung und Freizeit. Auch gab es wohl kein Verständnis für die exquisite architektonische Bedeutung des Gebäudes. Stattdessen machte die Stadt die Drohung wahr, wenn bis zum Frühjahr 2017 kein neuer Nutzer gefunden werde, würde es abgerissen. Ein baukultureller Verlust, der durch Bauland für Einfamilienhäuser nun wirklich nicht aufgewogen werden kann.

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