Nordenham Die Goethe-Gesellschaft kann auch lustig. Einmal mehr bewies sie es mit ihrer Hommage an den 2006 verstorbenen Zeichner, Karikaturisten und Schriftsteller Robert Gernhardt: „Rufe nicht die Mutter, Junge.“

Die Einladung zu diesem Abend, so begrüßte Vorsitzender Burkhard Leimbach die über 80 Gäste in der Aula des Gymnasiums, sei geprägt „vom puren Egoismus des Vorsitzenden und seines Stellvertreters“. Denn wer in den späten 60er und frühen 70er Jahren, jenen „revolutionären Studentenjahren“, studierte, habe im Alltag nur bestehen können mit der von Gernhardt & Co gelebten Mischung aus Humor und Hintergründigkeit, Satire und Nonsens.

Robert Gernhardt: Elf Jahre lang war er Redakteur der Satirezeitschrift „Pardon“, war aufsässig, komisch und zum Teil auch etwas pubertär. Er war Mitbegründer des Schriftstellerzirkels der sogenannten Neuen Frankfurter Schule, deren Publikationsorgan später das Satiremagazin „Titanic“ wurde.

Er war Co-Autor diverser Otto-Shows und beteiligte sich auch an den Drehbüchern von vier Otto-Filmen. Seit Beginn der 1980er Jahre veröffentlichte Gernhardt seine Gedichte. Er gilt heute als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker deutscher Sprache.

Genau diese Gedichte standen im Mittelpunkt der Hommage, vorgetragen von zwei profunden Kennern Gernhardts und Liebhabern seiner Werke: Helmfried von Lüttichau und Johano Strasser. Lüttichau ist Schauspieler, den Kino-Fans bekannt etwa durch Leinwanderfolge wie „Ossi’s Eleven“ oder „Wickie und die starken Männer“ sowie den Fernsehzuschauern durch Serien wie „Der letzte Bulle“, „Alles was recht ist“ oder „Hubert und Staller“.

Strasser dagegen ist Politologe, Publizist und Schriftsteller. Er war in den 70er Jahren programmatischer Vor- und Querdenker bei den Jungsozialisten, von 1970 bis 1975 sogar ihr stellvertretender Vorsitzender und ist seit 1975 auch Mitglied in der Grundwertekommission der SPD.

Für den Goethe-Abend am Donnerstag hatten die beiden Gernhardt-Fans, die dessen Veröffentlichungen während der antiautoritären Phase damals literarisch als einen „Akt der Befreiung“ miterlebt hatten, aus der Fülle der Gedichte eine winzige, aber charakteristische Auswahl getroffen. Durch viele Themenbereiche hindurch. Sie trugen sie vor, sie kommentierten sie und sie versuchten sie einzuordnen.

Waren es allein Wortspiele oder Nonsens-Verse mit Herz, hintergründige Reime – oder hatte Gernhardt nur den Mitmenschen aufs Maul geschaut und den Wortschwall eingedampft? Wohl alles in einem und noch einiges mehr, machten Lüttichau und Strasser deutlich. Die Gedichte seien unterhaltsam, berührend, philosophisch, nachdenklich, auch absurd. Sie entzauberten Autoritäten ebenso wie selbstkritisch das Künstler-Ich.

Und sie würden es schaffen, die Ordnung der Welt ein wenig ins Wanken zu bringen. Sicher, viele Gedichte klängen albern. Doch bei Gernhardt komme Albernheit poetisch daher. Er sei nämlich ebenso Possenreißer wie melancholischer Mensch. Und selbst seine unheilbare Darmkrebs-Erkrankung habe ihm noch Anstoß zum Dichten gegeben. „Humor ist halt ein Überlebensmittel. Egal, ob flach oder tiefsinnig“, unterstrich Helmfried von Lüttichau.

Die Zuhörer jedenfalls amüsierte der diesmal etwas andere Gothe-Abend, der musikalisch von der Harfenistin Lilo Kraus und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt gelungen untermalt wurde. Sie schmunzelten und genossen. „Nicht zum Brüllen, aber sehr, sehr angenehm“, kommentierte eine Besucherin zufrieden.

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