NORDENHAM Eine gelungene Inszenierung eines brisantes Stückes mit ausgezeichneten Schauspielern: Mehr als 420 Zuschauer aus allen Altersgruppen erlebten am Montagabend in der Friedeburg die Komödie „Der Biberpelz“. Der Vierakter von Gerhart Hauptmann gehört zu den populärsten Stücken auf deutschen Bühnen. Die Landesbühne Nord setzte den Stoff meisterhaft um.

Anno 1887, irgendwo in einem Vorort Berlins: Eisige Ostwinde haben tiefsten Winter über das ländliche Preußen gebracht. Die einfache Wäscherin Mutter Wolff (Heike Clauss) führt einen bescheidenen Hausstand und versucht mit Hilfe ihres nichtsnutzigen Mannes Julius (Johannes Simons), sowie ihrer beiden Töchter Leontine (Claudia Friebel) und Adelheid (Wibke Quast), die Familie über Wasser zu halten. Doch trotz aller Anstrengungen bleibt kaum etwas übrig. Kurzum greift die Matriarchin zu härteren Mitteln und versucht, mit Wilderei und illegaler Brennholzbeschaffung ihre Situation zu verbessern. Durch den greifbaren sozialen Aufstieg gelockt, stiehlt sie den Biberpelz des wohlhabenden Herrn Krüger (Stefan Ostertag). Der energische Rentner ist außer sich vor Wut und erstattet Anzeige beim bornierten Amtsvorsteher von Wehrhahn (hervorragend: Mathias Reiter), einem Abziehbild des typischen wilhelminischen Militaristen. Dieser interessiert sich als eifriger Monarchist viel mehr für die

Verfolgung von „staatsfeindlichen Elementen“ als für bürokratischen Kleinkram und schikaniert den völlig harmlosen Sozialdemokraten Dr. Fleischer (Axel Julius Fündeling). Es kommt zu einer absurden Schlussszene, in der von Wehrhahn Mutter Wolff als „ehrliche Haut“ von jedem Verdacht freispricht und Dr. Fleischer zugleich als „gemeingefährlich“ tituliert. Die lebenstüchtige Wolff kann ihr Glück kaum fassen: „Da weeß ick nu nich!“, berlinert sie den berühmten Schlusssatz und macht die Farce perfekt.

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Zum Missfallen seiner Zeitgenossen lässt Hauptmann sein Publikum nach vier Akten allein und sprengt damit den klassischen Dramenaufbau, der eine moralische Bewertung und Aufklärung im fünften Akt vorsieht. Als bedeutender Naturalist verzichtete Hauptmann jedoch auf die simple Rollenverteilung zwischen Gut und Böse und zeichnete ein sorgfältiges Gesellschaftsbild mit ambivalenten Figuren.

Regisseur Michael Blumenthal gelang die Umsetzung des Komödienklassikers souverän. Er konnte dabei auf eine durchweg hervorragende Besetzung zurückgreifen. Diane Pähler (Bühnenbild) visualisierte mit karger Kulisse und reichlich Kunstschnee jene gesellschaftliche Kälte, die im Stück vor allen von der herzlichen Mutter Wolff durchbrochen wird.

Die Brisanz des Stückes, in dem eine bornierte politische Elite lieber Jagd auf unsichtbare Staatsfeinde macht, als die dringlichen Probleme anzupacken, und eine Familie trotz harter Arbeit kaum genug zu leben hat, ist unübersehbar aktuell. Was das Publikum bei der Uraufführung 1893 hoch empörte, gilt heute zudem als Inbegriff der Moderne: „Der Biberpelz“ belehrt den Zuschauer nicht, sondern lässt ihn selbst ein Urteil fällen.

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