Autor dieses Beitrags

ist der NWZ-Redakteur Jens Milde, der seit zwei Jahrzehnten den Ellwürder Karneval als Berichterstatter begleitet und noch immer begeistert ist, was der Bürgerverein Ellwürden Jahr für Jahr auf die Beine stellt. Die Geschichte auf den nächsten beiden Seiten ist bereits in der Chronik zum 125-jährigen Bestehen des Bürgervereins erschienen.

Ich verschweige an dieser Stelle mal, wo ich meine ersten Erfahrungen mit dem Thema Karneval gemacht habe. Nur so viel: Ich erinnere mich an eine Abfolge fürchterlich langweiliger Büttenreden, an abgestandene Witze, die von den Besuchern wohlwollend, aber in der Hoffnung, das Prozedere möge bald ein Ende haben, mit verhaltenem Beifall bedacht wurden. Deshalb war ich nicht unbedingt mit euphorischer Erwartung erfüllt, als ich zum ersten Mal, es muss so in den späten Neunzigern gewesen sein, das Ellwürder Narrenfest besuchte. Was ich erlebte, als ich kurz vor 20 Uhr den Friedeburg-Saal betrat, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Die „Sitzung“ hatte noch nicht einmal begonnen, da tanzten die Leute schon auf Tischen und Stühlen, pusteten in ihre Tröten, tanzten, sangen, kreischten und jubelten.

Lärm und Konfetti

Eine Piratenbraut wollte mich mit ihrem Gummisäbel offensichtlich zum Duell auffordern. Ich lehnte lächelnd ab (schließlich hatte ich keine adäquate Waffe, um mich zu verteidigen) und bahnte mir meinen Weg ganz nach vorne vor die Bühne, wo ein Platz für mich reserviert war. Staunend sah ich mich um. Ich fühlte mich, als wäre ich in ein Parallel-Universum katapultiert worden, weit entfernt vom trüben, kalten Nordenhamer Februar und noch weiter entfernt von meinen bescheidenen Vorerfahrungen in Sachen Fasching. Eine Welt aus ohrenbetäubendem Lärm und Konfetti. Etwas Vergleichbares hatte ich bis dahin nicht erlebt. Die Geräuschkulisse ist schon einmal gemessen worden. Bis zu 100 Dezibel zeigte das Gerät an. Eine Kettensäge und ein Winkelschleifer machen ähnlich viel Lärm.

Vermutlich hätten sich auch die Pioniere des Ellwürder Karnevals nicht träumen lassen, dass ihre Idee in der platten Marsch – also weit entfernt von den Narrenhochburgen am Rhein – auf so fruchtbaren Boden fallen würde. Ich möchte mich kurz halten, was die Anfangsjahre des Ellwürder Karnevals angeht. Aber ein Name muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Richard Hartfil. Nachdem bereits 1959 bei der Kaffeetafel des Vereins die ersten Narrenkappen zu sehen waren, hatte er die Idee, in Ellwürden eine Karnevalsfeier auf die Beine zu stellen. Richard Hartfil und seine Mitstreiter, zu denen vor allem August Wessels und Herbert Bühring gehörten, organisierten im Jahr 1964 den ersten Kinderkarneval im Vereinslokal Appelhoff.

Richard Hartfil hatte einige Jahre in Gelsenkirchen und Wuppertal gelebt und dort den Karneval kennen und lieben gelernt. In Ellwürden griff er die Idee auf, um in dem zu der Zeit ziemlich überalterten und mitgliederschwachen Bürgerverein eine neue Attraktion für Kinder einzuführen und damit ganze Familien anzusprechen. Während von der älteren Generation viele eher reserviert waren, fand der Vorsitzende August Hedenkamp den Gedanken super und unterstützte ihn. So entstand der Kinderkarneval, aus dem sich später auch der Erwachsenenkarneval entwickelte. Die Feiern und auch die Proben fanden damals im Saal der damaligen Gaststätte Appelhoff (Ellwürder Dorfkrug) statt.

Ellwürden helau

An Samstag, 10. Februar, heißt es einmal mehr „Ellwürden helau“ in der Friedeburg. Um 20 Uhr beginnt der Ellwürder Karneval. Tickets gibt es allerdings nicht mehr. Die Veranstaltung ist längst ausverkauft. Anders sieht’s beim Kinderkarneval aus, der am Samstag um 14 Uhr beginnt – ebenfalls in der Friedeburg. Karten gibt es ausschließlich an der Tageskasse.

Es dauerte nicht lange, bis das Karnevalsfieber auch bei den Erwachsenen ausbrach. Ihre erste Karnevalssitzung in Ellwürden fand 1969 statt. Otto Lübsen und Waldemar Wippich moderierten im Dorfkrug ein zweistündiges Programm, das bei den Besuchern prima ankam. Und spätestens jetzt war in Ellwürden eine Karnevalstradition geboren. Die Darbietungen, ob Tanz, Gesang oder Büttenschnackerei, wurden von Jahr zu Jahr besser. Der Ellwürder Karneval wurde zu einem Hit, zu einem Freudentag, dem viele im Doppeldorf Abbehausen-Ellwürden entgegenfieberten.

1979 zog der Ellwürder Karneval in die Stadthalle Friedeburg nach Atens um. Den Ellwürder Dorfkrug gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, der Saal der Gaststätte Logemann in Abbehausen war für den Karneval zu klein. Die Friedeburg bot ideale Bedingungen. Bis heute wird der Ellwürder Karneval in der Stadthalle gefeiert, die alljährlich aus allen Nähten platzt, wenn die Ellwürder Narren hier das Kommando übernehmen und ihr dreifaches „Ellwürden Helau“ in den Saal rufen.

Mit Bravour gemeistert

Natürlich hat sich in all den Jahren vieles verändert. 1969 sang Heintje „Heidschi Bumbeidschi“, die Beatles stimmten „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ an, heute gibt’s Techno und Helene Fischer. Damals gab’s Peter Frankenfeld und Heinz Erhardt, heute Stefan Raab und Mario Barth. Die Musik hat sich verändert, der Humor, der Geschmack des Publikums ebenso. Und die Technik hat einen Quantensprung gemacht. Mit diesen rasanten Entwicklungen Schritt zu halten und dabei immer noch zielgenau den Nerv des Publikums zu treffen, ist eine Riesenherausforderung, die der Bürgerverein mit Bravour gemeistert hat.

Es gibt Programmpunkte beim Ellwürder Karneval, von denen einige seit mehr als zwei Jahrzehnten feste Größen sind. Was wäre der Ellwürder Karneval zum Beispiel ohne das Männerballett? Die Herrschaften, die im Karnevalsprogramm für den krönenden Abschluss sorgen, gleichen ihren Mangel an Geschmeidigkeit mit einer gehörigen Portion Sex-Appeal aus. Wenn schweißnasse Oberkörper im Scheinwerferlicht der Friedeburg glänzen, lösen die Herren Ballerinas vor allem bei den Frauen im Publikum eine Hysterie aus, bei der selbst die Jungs der Band Tokio Hotel blasser würden, als sie es eh schon sind. Auch wenn Eleganz und Taktgefühl manchmal ein bisschen auf der Strecke bleiben, sind die Choreographien und die akrobatischen Einlagen noch immer so ambitioniert, dass sie ein Höchstmaß an Konzentration und körperlicher Fitness erfordern.

„Wir wollen nicht perfekt sein, das wäre langweilig“, sagt Heinrich Schröder, der nicht nur Chef des Männerballetts ist, sondern auch stellvertretender Vorsitzender des Vereins und sich gemeinsam mit Dorit Schlack um die Gesamtorganisation des Karnevals kümmert. Der Kartoffelhändler aus Ellwürden sorgt dafür, dass beim Narrenfest alle Räder ineinander greifen.

Schwerpunkt Tanz

Und er ist dankbar, dass es neben dem Männerballett andere Gruppen gibt, die als feste Größen beim Karneval nicht mehr wegzudenken sind. Tanzdarbietungen bilden seit vielen Jahren den Schwerpunkt des Programms. Die Garde des Bürgervereins ist für die traditionelle, aber modern angereicherte Karnevalschoreographie zuständig. Alle Mädchen, die hier das Bein schwingen, haben bereits langjährige Erfahrungen im Kinderkarneval gesammelt. Für sie ist die Garde der Einstieg in den Erwachsenenkarneval.

Heinrich Schröder ist schwer beeindruckt davon, wie die Gruppe Jahr für Jahr die Messlatte für rasante Tanzdarbietungen immer höher legt. Unter dem Namen Jive United machen sie – in etwas anderer Besetzung – gewaltig Dampf. Und wer nach dem Garde-Auftritt noch nicht auf Karnevalsbetriebstemperatur ist, kommt spätestens jetzt auf Touren.

Eine feste Größe im Programm ist auch die Showtanzgruppe, die einst aus der Rock-‘n‘-Roll-Abteilung des TSV Abbehausen hervorgegangen ist. Hier gibt’s vor allem Paartanz in Formation zu bestaunen. Dazu akrobatische Einlagen. Die Gruppe beeindruckt immer wieder mit tollen Ideen und Kostümen.

Hinzu kommt, dass am Abend die Gruppe der älteren Kinder des Kinderkarnevals ihren Auftritt hat. Für viele von ihnen ist das ein ganz besonderes Ereignis.

Zu den Veränderungen, denen sich der Ellwürder Karneval zwangsläufig anpassen muss, gehört, dass es Wortbeiträge zunehmend schwerer haben, bei einem Publikum in geradezu überbordender Feierlaune Gehör zu finden. Aber der Bürgerverein will daran festhalten, obwohl die klassische Büttenrede, bei der jede Pointe mit einem kräftigen „Tätä“ untermalt wird, wohl so langsam auszudienen scheint. Die Sketchgruppe von Heinrich Schröder und dem 1. Vorsitzenden des Vereins, Norbert Hartfil, peppt ihre satirischen Jahresrückblicke auf lokal- und weltpolitische Ereignisse deshalb gerne mit Action-Einlagen und auf die große Leinwand projizierten Fotocollagen auf, um den Aufmerksamkeitspegel im Publikum möglichst lange oben zu halten. Und das gelingt den beiden prima.

Ebenfalls etabliert hat sich inzwischen die aus der Karnevalsjugend hervorgegangene Sketchgruppe, die mit ihrem „gespielten Witz“ super ankommt beim närrischen Auditorium.

Verzichten muss das Publikum seit 2013 auf die Ellwürder Spatzen. 13 Jahre lang hatten die Männer und Frauen in ihren Liedern lokale Ereignisse zum Thema gemacht. Das Ergebnis waren wunderschön gereimte, satirisch angehauchte Verse zu politischen Absurditäten aller Art.

Natürlich gehört zu jeder Karnevalssitzung auch ein Siebenerrat, und zu jedem Siebenerrat gehört ein Karnevalspräsident, der das Programm moderiert. Diesen Part, der in den Anfangsjahren des Ellwürder Narrenfestes ausschließlich Frauen vorbehalten war, hat Michael Wehming übernommen.

Zu den Höhepunkten des Ellwürder Karnevals gehört für viele die Kostümprämierung. Was sich die Besucher einfallen lassen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, versetzt Heinrich Schröder immer wieder in Staunen. „Viele Gäste investieren genauso viel Zeit und Mühe in die Kostümierung wie die Akteure auf der Bühne“, freut sich der Karnevalskoordinator. „Ich habe das Gefühl, dass in Sachen Kreativität jedes Jahr noch ein bisschen draufgesattelt wird.“

Nicht von der Stange

Recht hat er: Bei den Gästen kommt fast nichts von der Stange. In mühevoller Kleinarbeit wird gebastelt, genäht und gemalt. Lametta, Stoff, Kartoffelsäcke, Bandagen, lustige Hüte, Perücken und literweise Schminkfarbe werden verarbeitet. Es gibt nichts, was ich noch nicht gesehen habe beim Ellwürder Karneval: eine ganze Zebraherde zum Beispiel, Senftuben, Ballonfahrer, Pusteblumen, debil grinsende Steinzeitmenschen, die sich mit Gummiknüppeln fortwährend gegenseitig auf die Omme hauen, junge Frauen, die sich aus Aldi-Plastiktüten schicke Kleider geschneidert haben und, und, und... „Die Besucher feiern sich in gewissem Sinne selbst. Und das ist auch gut so“, sagt Heinrich Schröder.

650 Besucher passen beim Ellwürder Karneval in die Friedeburg und auch nur deshalb, weil inzwischen der Balkon und der Wilhelm-Müller-Saal mitgenutzt werden. Im Wilhelm-Müller-Saal können die Besucher auf einer Videoleinwand das Bühnengeschehen verfolgen. „Wir haben wohl den einzigen Karneval mit Public Viewing“, freut sich Heinrich Schröder.

Legendäre Feten

Der Ticketverkauf ist für den Bürgerverein schon immer ein ganz besonderes Ereignis gewesen. Heinrich Schröder erinnert sich an die Neunzigerjahre, als sich nachts um 1 Uhr die ersten Leute vor der OLB in Ellwürden einfanden, um sich eine günstige Ausgangsposition für den am nächsten Morgen beginnenden Kartenverkauf zu sichern. Da lag es nahe, das gemeinsame Warten mit einer Party zu verbinden. „Diese Feten sind noch heute legendär“, sagt der Narrenfest-Koordinator.

Inzwischen läuft die Ticketvergabe etwas anders. Gruppen, die beim Ellwürder Karneval dabei sein wollen, müssen sich „bewerben“. Und wer gute Argumente hat, hat auch gute Chancen einen schönen Platz zu ergattern. Für Heinrich Schröder und seine Mannschaft gehört der Sonntag des Ticketverkaufs zu den stressigsten des ganzen Jahres. Bisher musste der Bürgerverein noch niemandem eine Absage erteilen. Gleichwohl sind die 650 Tickets für die Narrenfete in der Friedeburg innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Die Bühnenshow ist das Ergebnis mühevoller Arbeit, die schon Monate vorher beginnt und an der vom Büttenredner bis zum Lichttechniker viele Karnevalsverrückte beteiligt sind. Alle haben sie das Ziel, ihrem Publikum ein unterhaltsames Programm zu bieten. Heinrich Schröder freut sich, dass der Karneval ein generationsübergreifendes Ereignis ist. „Es gibt nicht viele Veranstaltungen, bei denen Eltern und ihre Kinder gemeinsam feiern und gemeinsam Spaß haben.“

Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.