Berne „Ich leb´allein in mir und meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied.“ (Friedrich Rückert). Die beiden ausgezeichneten Konzerte zum IV. Liederpfingsten in der Konzertkirche St. Marien am Weserdeich standen ganz im Zeichen der Romantik. Sopranistin Ania Vegry von der Staatsoper Hannover beeindruckte am Sonntagabend mit fünf Rückert-Liedern von Gustav Mahler. Mit schlanker, biegsamer und ausdrucksstarker Tongebung gestaltete sie die großen Melodielinien intonationssicher und in feiner dynamischer Abstufung.

Ihr Gesang von Weltliebe und Weltabgewandtheit gipfelte in dem innigen, wohlklingenden „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“

Mit dem herrlichen, harmonisch farbenreichen Liederzyklus „Das Mädchen aus den Bergen“ von Edvard Grieg sang sie in norwegischer Sprache acht Lieder von Liebessehnsucht und Naturliebe. Der Bergbach wird in der Dichtung von Arne Garborg zum Symbol des Schicksals und die blauen Berge zum sehnsuchtsvollen Ort einer anderen Daseinssphäre. Auch hier überzeugte Ania Vegry mit romantisch-expressiver Tongebung bei den Wagnerschen Melodiewendungen und ebenso beim humorvollen, spielerischen „Tanz der Zicklein“, der mit einem temperamentvollen norwegischen Tanzrhythmus im Klavier unterlegt war.

Pianist Nicholas Rimmer zeigte sich als fantastischer Begleiter, der die Griegschen Triller und Arpeggien und den harmonisch reichen Akkordsatz mit feinen Anschlagsnuancen ausgestaltete. Auch bei Mahlers orchestralen Klangbildern ging ihm kein Detail verloren. Sehr aufmerksam atmete er in Übereinstimmung mit der Sängerin und entlockte zudem dem Flügel manch ungewohntes, farbintensives Klangdetail.

Geheimer Star: der Flügel

Überhaupt: Der geheime Star dieses Liederpfingstens war der Erard-Flügel von 1850, im Hause Rosenkranz in Oldenburg von Klavierbaumeister Ulrich Punke aufwendig und originalgetreu restauriert. Dieses 2,48 Meter lange Instrument hat einen ganz anderen Klang als heutige Konzertflügel. Es ist weniger obertonreich und der Ton verklingt schneller, dafür aber ist es äußerst transparent, weich und warm im Klang.

Dass Nicholas Rimmer sich mit diesem Instrument ausgesprochen verbunden fühlte, wurde auch bei seinen diversen Solobeiträgen deutlich: Die drei Mazurken von Frédéric Chopin gefielen besonders durch die singende Mittellage des Erard-Flügels und bei den sechs „Liedern ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy war es der elastisch dargebotene, auch melodisch klingende Akkordsatz. Düstere Tremoli erzeugten zudem in „La lugubre gondola“ von Franz Liszt ein geheimnisvolles und nebulöses Klangbild.

Wiegenlied als Abschluss

Dessen Kunstlied „Die drei Zigeuner“ wurde lebhaft und sprachgewandt interpretiert vom Bariton Ronan Collett, langjähriges Ensemblemitglied der Oper in Stuttgart. Die Klanggewalt in seiner Stimme wird sicher manchem Orchester standhalten, ist aber für eine Liedinterpretation nicht unbedingt gewinnbringend. Dem gewichtig gesungenen „Atlas“ aus Franz Schuberts Heine-Liedern „Schwanengesang“ hätte mehr Differenzierung in der Lautstärke sicherlich gut getan. Eindrucksvoll hingegen gelang ihm „Der Doppelgänger“ mit gedrosselter, fast gehauchter Stimme.

Beim zweiten Konzert am Montagabend gelang Ronan Collett bei einem Abstecher in den musikalischen Impressionismus eine ausgezeichnete Interpretation von Maurice Ravels „Tiergeschichten“, welche er mit Charme und Humor sowie vielfältig schattiertem Ausdruck vortrug. Im farbenreichen Klavierpart waren die charakterlichen Gesten der einzelnen Tiere deutlich zu hören. Da konnten beispielsweise Glissandi das Rad des Pfaus illustrieren oder glitzernd-perlende Klangfiguren den Flug des Eisvogels.

Beim h-Moll Nocturne von Gabriel Fauré kamen noch einmal die unterschiedlichen Klanglagen des Erard-Flügels besonders schön zur Geltung. Dieses letzte Klavierwerk Faurés besticht in seiner konsequenten kompositorischen Anlage: Die in sich kreisenden Motive steigern und verdichten sich bis hin zu einer prachtvollen, schillernden sinfonischen Klangfülle.

Vom größten Kunstliedkomponisten des späten 19. Jahrhunderts, Hugo Wolf, sang Ania Vegry einige mitreißende Mörike-Vertonungen, darunter die temperamentvolle, rhythmisch prägnante „Begegnung“ und das stimmungsvolle „Um Mitternacht“. Um es mit Eduard Mörike selber zu sagen: „Laßt dies Herz alleine haben seine Wonne, seine Pein!“

Nach zwei Duetten von Johannes Brahms verabschiedeten sich die drei Künstler mit dem „Wiegenlied“, das als Zugabe nochmals gemeinsam mit dem Publikum gesungen wurde. Diese beiden hervorragenden Konzerte zeigten, in welch großer sprachlicher und musikalischer Vielfalt das Kunstlied lebt.

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