Frage: Herr Mengers, was waren früher die Ziele des Rüstringer Heimatbundes und wo liegen heute die Schwerpunkte?
Hans-Rudolf Mengers: Sammeln, Forschen, Bewahren und Verbreiten sind unsere Schwerpunkte. Das ist von Anfang an unser Auftrag gewesen und ist es auch heute noch.
Frage: Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
Mengers: 1892 gab es geradezu eine Euphorie, sich in die Heimatgeschichte zu stürzen. Mitglied wurde, wer die Zeit aufbringen konnte, sich aktiv am Vereinsleben zu beteiligen: Großbauern, Lehrer, Pastoren, Ärzte, Betriebsleiter. Die Sitzungen begannen meist am am späten Nachmittag. 1892 ist eine lange Zeit zurück. Aber die Ausrichtung und die Grundaufgaben des Heimatbundes sind weitgehend gleich geblieben.
Frage: Wie haben sich die Mitgliederzahlen entwickelt?
Mengers: Im Gründungsjahr 1892 hatten wir 110 Mitglieder. Über lange Zeit hielt sich das in diesem Rahmen. Ab 1910 ging es nach oben auf um die 400. Einen großen Aufschwung gab es, als Enno Hansing in den 1970er-Jahren den Vorsitz übernahm. Aber den Höchststand hatte der Verein im Jahr 2007 mit 1624 Mitgliedern. Das war schon zu meiner Zeit. Heute sind es etwa 1450.
Frage: Wie sieht es mit dem Altersdurchschnitt aus? Leidet der Rüstringer Heimatbund unter dem demografischen Wandel?

Hermann Allmers die Treibende Kraft

Der 6. April 1892 gilt als Gründungstag des Rüstringer Heimatbundes. An dem Tag wurde in einer Versammlung im Friesischen Hof der erste Vorstand mit dem Blexer Christian Mengers an der Spitze gewählt.

Treibende Kraft bei der Gründung des Rüstringer Heimatbundes war der Marschendichter Hermann Allmers aus Rechtenfleth auf der anderen Weserseite.

Sein Jubiläum feiert der Rüstringer Heimatbund am Freitag, 7. April, bei einer Festveranstaltung in den Nordenhamer Weserterrassen.

Mengers: Wir sehen es bei unseren Versammlungen und auch in unseren Arbeitsgruppen, dass die Älteren überwiegen. Ich schätze, dass der Altersdurchschnitt bei über 60 Jahren liegt. Das Eintrittsalter dürfte etwas darunter sein.
Frage: Warum ist es so schwierig, junge Leute für den Heimatbund zu begeistern? Am Beitrag kann es ja nicht liegen, der kostet ja nur 12 Euro im Jahr...
Mengers: Wir sind kein Sportverein. Wir bieten keine Aktivitäten zum Mitmachen an. Sondern wir sind ein Verein, der sich allgemein einsetzt. Man muss schon zu uns kommen und sich dafür interessieren, wenn wir einen Vortrag haben. Das fällt vielen jungen Leuten schwer.
Frage: Interessieren sich junge Leute überhaupt noch für Heimat und Tradition?
Mengers: Ich denke schon. Zum Beispiel besuchen viele Eltern mit ihren Kindern die Moorseer Mühle. Besonders auswärtige Gäste machen das mit Begeisterung.
Frage: Aber sie werden deswegen nicht Mitglied Ihres Vereins...
Mengers: Nein, sie fahren danach wieder nach Hause. Aber wir brauchen die Unterstützung durch die Mitglieder. Wir leben letztlich davon, dass wir viele Mitglieder haben. Auch wenn man Wünsche hat oder in Verhandlungen steht, ist das schon ein Unterschied, ob man 150 oder 1500 Leute hinter sich hat.
Frage: Muss der Heimatbund vielleicht moderner und jünger auftreten?
Mengers: Das ist eine Idee, die wir schon vor längerer Zeit von einem unserer Vorstandsmitglieder nahegelegt bekommen haben. Der Ansatz ist, etwas für Kinder anzubieten, um damit auch deren Eltern, also die jungen Erwachsenen, anzusprechen. Das könnte etwas werden. Aber dazu gehört auch die Frage, wer das übernehmen soll.
Frage: Zum Jubiläum arbeitet der Rüstringer Heimatbund seine eigene Geschichte auf und spart dabei auch die NS-Zeit nicht aus. Das ist ganz schön mutig...
Mengers: An dem Projekt arbeitet der Historiker Dr. Joachim Tautz aus Oldenburg. Er beleuchtet den Zeitraum von 1920 bis 1950. Er beschreibt, wie der Heimatbund in der Zeit gewirkt hat, welche Protagonisten es gab und was damals geschehen ist. Das Risiko, dass dabei Dinge herauskommen, die man nicht erwartet hat, gehen wir ein. Wir sind der Meinung, dass es notwendig und jetzt die richtige Zeit dafür ist. Bequem ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nie. Da zitiere ich gerne unsere Bundestagspräsidenten Norbert Lammert: Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann mit Sinn gestalten.
Frage: Wann liegt das Ergebnis vor?
Mengers: Zum Ende dieses Jahres soll die Dokumentation fertig sein. Dazu gehört auch eine Ausstellung. Weil es sich um einen Forschungsauftrag handelt, muss sehr präzise vorgegangen werden. Das Projekt ist eine bisher einmalige Sache für einen ländlichen Heimatverein. Es kann eine Vorbildfunktion für andere haben.
Frage: Wie schätzen Sie die Zukunft des Rüstringer Heimatbundes ein? Wird der Verein auch sein 150-jähriges Bestehen feiern können?
Mengers: Davon gehe ich stark aus. Ich denke, dass man solche Organisationen wie einen Heimatbund auch braucht. Wer sonst soll all die Tätigkeiten übernehmen, die wir heute ausüben? Wer soll das Museum und die Moorseer Mühle betreiben oder das Archiv verwalten? Ohne den Heimatbund wäre da eine große Lücke.
Frage: Da steckt viel ehrenamtliche Arbeit hinter. Haben Sie auf lange Sicht genug Freiwillige, die mitanpacken?
Mengers: In unseren Arbeitsgruppen hat das bisher immer gut geklappt. Ich denke, dass es immer Leute geben wird, die sich für solche Themen interessieren und auch mitmachen.
Frage: Wie sind Sie persönlich zum Rüstringer Heimatbund gekommen.
Mengers: Das ist ganz lange her. Meine erste Begegnung mit dem Heimatbund hatte ich Ende der Siebziger Jahre in Stollhamm bei einem Vortragsabend mit Hans-Hermann Francksen. Hinterher kam ich mit dem Vorsitzenden Enno Hansing ins Gespräch, der mich zum nächsten Klönabend einlud. Da bin ich dann auch hingegangen und wenig später in den Heimatbund eingetreten. Die andere Schiene war das Plattdeutsche. Ich hatte als Lehrer den plattdeutschen Lesewettbewerb für Schüler betreut.
Frage: Seit wann sind Sie Vorsitzender?
Mengers: Seit 1999.
Frage: Haben Sie schon festgelegt, wie lange Sie das Amt noch ausüben wollen?
Mengers: Nein. Ich stelle mich jetzt wieder für zwei Jahre zur Wahl. Danach sehen wir weiter.
Frage: Unterstützen die Stadt Nordenham und der Landkreis Wesermarsch den Heimatbund genügend?
Mengers: Die Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Landkreis bezüglich der Betreuung der Moorseer Mühle und des Museums Nordenham könnte gar nicht besser sein. Das klappt reibungslos. Da kann ich mich nur lobend äußern.
Frage: Nur Ihr Wunsch, in der ehemaligen Nordenhamer Leichenhalle ein Kunst- und Kulturhaus einzurichten, ist nicht in Erfüllung gegangen.
Mengers: Das ist nicht unser Wunsch oder unsere Forderung gewesen. Wir haben nicht gesagt, dass wir als Heimatbund das brauchen. Sondern anders herum: Wenn es denn geschieht, dann können wir einen Auftrag annehmen. Es wäre schön, wenn wir in der Wesermarsch eine solche Einrichtung als Ort der Identifikation hätten. Dort könnte Kunst aus der ganzen Wesermarsch zusammenkommen. Dafür wären das Gebäude und der Stadtort ideal. Aber das ist meine private Meinung.
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Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
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