Brake „Die übliche Post in der Vorweihnachtszeit“, denke ich, als ich den Umschlag aus dem Briefkasten nehme. Mal sehen, was die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS, mir als kleine Anerkennung schenkt, wenn ich im Gegenzug etwas Geld locker mache. Namensaufkleber oder doch die obligatorischen Weihnachtskarten? Nichts dergleichen. Nur ein einfaches Schreiben. Und kein Überweisungsformular. Betreff: „Ihre Bereitschaft zur Lebensspende“.

„Sie sind in der DKMS registriert“, lese ich weiter. Tatsächlich. Das stimmt. Ist aber schon sehr lange her. Und irgendwie in Vergessenheit geraten. „Bei ihrer Aufnahme in die DKMS wurde ein Teil ihrer Gewebemerkmale ... ausgewertet und gespeichert. Da ihr Befund mit den Daten eines Patienten übereinstimmt, kommen sie eventuell als Lebensspender in Frage.“ Bauchgrummeln setzt ein. Ich könnte vielleicht mit einer Knochenmarkspende einem anderen Menschen helfen – diese frühe Weihnachtspost hat es buchstäblich in sich.

Blutkrebs – und wie eine Knochenmarkspende helfen kann

Blutkrebs ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks bzw. des blutbildenden Systems, wie zum Beispiel Leukämie. Dabei kann das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen.

1991 wurde die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) gegründet. Sie hat ihren Sitz in Tübingen. Knochenmarkspender kann jeder werden, der zwischen 18 und 55 Jahren alt ist und nicht unter Krankheiten wie Diabetes, Hepatitis B oder C oder schwerem Asthma bronchiale leidet.

Wer für eine Spende zur Verfügung stehen will, muss zunächst an einer Typisierung teilnehmen. Sie besteht aus einer kleinen Blutentnahme; schon 5 Milliliter Blut reichen aus, um vier von sechs für die Knochenmarkspende wichtigen Gewebemerkmalen zu erfassen.

Seit 2013 werden alle neu aufgenommenen DKMS-Spender in sechs transplantationsrelevanten HLA-Genorten typisiert.

HLA steht für Humane Leukozyten-Antigene („Gewebemerkmale“). Bei den HLA-Merkmalen handelt es sich um Strukturen auf den Oberflächen der Körperzellen, anhand derer das Immunsystem zwischen eigenem und fremden Gewebe unterscheidet. Bei der Blutstammzelltransplantation ist es wichtig, dass die HLA-Merkmale zwischen Spender und Patienten möglichst identisch sind. So werden Abstoßungsreaktionen vermieden.

Knochenmark wird nach zwei Verfahren entnommen, die je nach gesundheitlichem Zustand des Spenders ausgewählt werden. Es gibt die so genannte Entnahme peripherer Stammzellen, bei der dem Spender über fünf Tage hinweg ein hormonähnlicher Stoff unter die Haut gespritzt wird. Bei einem darauf folgenden Aderlass, ähnlich einer Blutspende oder Dialyse, werden die Stammzellen aus dem Blut gefiltert. Das andere Verfahren ist die Knochenmarkentnahme, bei der dem Spender operativ unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm, einer Knochenplatte oberhalb des Gesäßes, entnommen wird.

Die Chance auf Übereinstimmung der Gewebemerkmale zwischen Spender und Patient beträgt zwischen 1:20 000 und eins zu mehreren Millionen.

Und dann kommen die Erinnerungen wieder. Es war im Jahr 2005. Die damals 18-jährige Jana Bock aus Brake war an Leukämie (Blutkrebs) erkrankt. Das Schicksal der jungen Frau, die das Fachgymnasium an den Berufsbildenden Schulen Brake besuchte, bewegte die Menschen, nicht nur in der Wesermarsch. Schnell fanden sich Helfer, die eine Typisierungsaktion organisieren wollten. Und noch viel mehr Menschen, die sich daran beteiligen wollten.

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Ihre Klassenkameraden sammelten Spenden, Vereine und Verbände und viele Einzelpersonen stellten allerhand auf die Beine, um Geld zu sammeln. 25 000 Euro wurden benötigt, um die kleinen Blutspenden (siehe Info-Box) typisieren zu lassen.

Das Deutsche Rote Kreuz verkaufte Klaben, Schauspieler Norbert Pfeiffer ging mit der Drehorgel durch die Fußgängerzone, Die Niederdeutsche Bühne setzte eine zusätzliche Aufführung an und spendete das Eintrittsgeld, in den Kirchen wurde in Gottesdiensten gesammelt, die Happy German Bagpipers, die Dudelsackspieler aus der Gemeinde Jade, und Helmut Debus, Brakes plattdeutscher Songpoet, traten bei einem Benefizkonzert im Forum des Berufsbildungszentrums auf.

Das war nur ein kleiner Ausschnitt der vielen, vielen Hilfsaktionen, mit denen Geld gesammelt wurde – schließlich kamen insgesamt mehr als 50 000 Euro zusammen. Die Typisierungsaktion war also finanziert. Am 14. Januar 2006, es war ein Sonnabend, waren die Braker und alle, die Jana Bock unterstützen wollten, aufgerufen, ein bisschen Blut für die Gewebebestimmung abzugeben.

Die NWZ -Redakteure hatten über das Schicksal von Jana Bock und über die vielen Menschen, die ihr helfen wollten, ausführlich berichtet – und so war es für die damals in der Braker Redaktion arbeitenden Kolleginnen und Kollegen Ehrensache, sich ebenfalls registrieren zu lassen. Seitdem habe ich meinen Spenderausweis mit der Nummer 3091096. Ich habe ihn stets in der Geldbörse bei mir. Aber erst, nachdem ich das Schreiben der DKMS bekommen habe, habe ich ihn nun, nach zehn Jahren, wieder hervorgeholt.

Mehr als 1100 Menschen haben sich an diesem Sonnabend registrieren lassen. Tatsächlich wurde schließlich in der weltweiten Knochenmarkspenderdatei ein geeignet Spender gefunden.

Ende gut, alles gut? Leider nein. Trotz der Spende kam die Krankheit nach zwei Jahren wieder. Zwar wurde auch diesmal ein geeigneter Spender gefunden – aber am Ende war die Leukämie stärker. Jana Bock ist mit 21 Jahren am 7. November 2008 verstorben.

Zwei Knochenmarkspenden – und doch war Jana nicht zu retten. Ist es also bloß eine trügerische Hoffnung, wenn man spendet? Zumal es bei mir noch lange nicht sicher ist, dass ich als Spender tatsächlich in Frage komme. Zurzeit werden weitere Gewebemerkmale untersucht. Erst danach stellt sich heraus, ob die Gewebemerkmale mit dem mir unbekannten Patienten tatsächlich hinreichend übereinstimmen.

Viele Frage-, aber auch ein Ausrufezeichen! Mir fällt Monique Rockel ein. Die Brakerin war vor drei Jahren, da war sie 17 Jahre alt, zum dritten Mal an Leukämie erkrankt. Auch ihr Schicksal hat weit über die Wesermarsch hinaus die Menschen bewegt. Monique hat in diesem Jahr ihre Spenderin Nadja Lehmann (33) getroffen.

Das macht mir Hoffnung: Wenn ich tatsächlich der genetische Zwilling eines Menschen in Not bin, dann, kein Zweifel, werde ich helfen.

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Torsten Wewer Kanalmanagement / Redakteur
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