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Frage: Missbrauch, Vernachlässigung, Misshandlung: Die Hemmschwelle, jemanden anzuzeigen, ist groß. Wann sollte man handeln und einem Kind helfen? Was sind Hinweise auf eine Kindeswohl-Gefährdung? Wo kann man sich melden, wenn es einen Verdachtsfall gibt? Wen spreche ich an?
Matthias Sturm: Wichtig ist zunächst, Betroffenen zuzuhören und im Kontakt zu bleiben, um neben Entlastung eventuell Ratschläge anbieten zu können. Manchmal ist auch die Begleitung zum Gespräch mit anderen Beteiligten (beispielsweise Eltern, Verwandten, Freunden) zur Klärung einer schwierigen Situation hilfreich für ein Kind oder einen Jugendlichen. Bürger können sich erlebten Situationen oder Hinweisen aus Kontakten (auch bei schlechtem Bauchgefühl; ein Kind ist eventuell betroffen oder wird nicht ausreichend versorgt) an unterschiedliche Fachstellen in und außerhalb des Landkreises wenden.
Kontakte sind beispielsweise im Jugendhilfeportal des Landkreises oder im „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ online aufgeführt. Das Jugendamt, Beratungsstellen und andere Fachkräfte sind zur Reflexion (auch in anonymisierter Form) ansprechbar. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf bundesdeutscher Ebene ist zudem telefonisch (kostenfrei und anonym) unter der Nummer 0800/2255530 zu bestimmten Zeiten zu erreichen. Daneben gibt es noch die „Nummer gegen Kummer“ 116111 und die Internetseite www.trau-dich.de.
Frage: Was unternimmt die Behörde, was passiert nach einer eingegangenen Anzeige?
Sturm: Bei eingehenden Meldungen bezüglich einer möglichen Kindeswohlgefährdung (anonym oder persönlich) findet eine Überprüfung der Sachlage nach gesetzlichen Grundlagen statt. Hier können Dritte (beispielsweise Schulen und Kindergärten) zum Informationsabgleich einbezogen werden. Je nach Grad des Gefährdungsrisikos werden direkt oder mit zeitlichem Vorlauf Maßnahmen zur Sicherung des Kinderschutzes ergriffen und weitergehend überprüft.
Frage: Wie häufig kommt es vor, dass sich Leute beim Jugendamt/Landkreis melden und einen möglichen Missbrauch anzeigen? Mit wie vielen Misshandlungs- und Missbrauchsfällen hat das Jugendamt im Jahr zu tun?
Sturm: Die Anzahl der Meldungen in diesem Bereich wächst durch vermehrte Aufklärung der Bürger und Diskussionen über Zivilcourage in den letzten Jahren stetig an, wobei die Dunkelziffer gerade im Bereich der sexuellen Übergriffe sicherlich als hoch einzustufen ist. Präventive Angebote an Kinder und deren Eltern, beispielsweise in Institutionen wie Schulen und Kindergärten, sind wertvolle Instrumente zur Sensibilisierung. Meldungen zu unterschiedlichsten Themenbereichen erreichen das Jugendamt täglich von Seiten vielfältiger Institutionen oder Privatpersonen mit sehr unterschiedlichen Zielrichtungen, zum Beispiel um schwierige Lebenslagen von Kindern zu verbessern oder aber um aufgrund eines persönlichen oder finanziellen Streits andere Personen zu diffamieren. Daher werden jegliche Inhalte besonders sensibel und unter hohen datenschutzrechtlichen Anforderungen bearbeitet.
Frage: Ein Kind wird missbraucht: Der Täter kommt häufig aus dem Umfeld der Familie. Warum darf ein Kind dann trotzdem in der Familie bleiben und wie wird die Familie weiter betreut?
Sturm: Jede Meldung wird als Einzelfall betrachtet. Pädagogische Fachkräfte des Jugendamtes entscheiden je nach Sachstand und unter vielen abwägenden Gesichtspunkten über das weitere Vorgehen. Handlungsleitend ist immer die Frage, inwieweit der Schutz des Kindes vor Ort oder an anderem Ort sichergestellt ist beziehungsweise werden kann.
Frage: Gibt es Spezialisten in der Wesermarsch, die sich in so einem Fall langfristig um die psychologische Betreuung eines betroffenen Kindes kümmern?
Sturm: Neben ansässigen Kinder- und Jugendlichen­therapeuten innerhalb (und außerhalb) des Landkreises können speziell geschulte und erfahrene Fachkräfte in den Beratungseinrichtungen genannt werden. Wichtig ist hier ein Netzwerk für betroffene Menschen zu gestalten.

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Jugendamt | Nummer gegen Kummer e.V.