Brake Ein Jahr und acht Monate auf Bewährung – so lautet das Urteil gegen Michael W. Der frühere und langjährige Leiter des Alten- und Pflegeheims Christophorus-Haus in Brake wurde am Mittwochvormittag vom Amtsgericht Brake wegen gewerbsmäßiger Untreue in 41 Fällen verurteilt. In der Bewährungszeit muss W. zudem Geld an eine soziale Einrichtung zahlen. Auch wurde die Einziehung des Wertersatzes beschlossen, soll heißen: Er muss das veruntreute Geld zurückzahlen. Das Gericht folgte mit dem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. (Az.: 2Ds 250 Js 69031/17 (43/19))

Der Vorwurf

Dem 45-Jährigen war vorgeworfen worden, zwischen November 2012 und September 2017 Geld von Konten des Christophorus-Hauses abgehoben zu haben und damit das Diakonische Werk als Träger um 217 500 Euro geschädigt zu haben. Er soll das Geld für private Zwecke gebraucht haben, um sich seinen Lebensstil zu finanzieren. Unter anderem sagte W. vor Gericht aus, von dem Geld ein Fahrzeug (einen VW Tiguan) gekauft zu haben, zwei Kreuzfahrten (W.: „keine besonderen“) und Anschaffungen sowie Renovierungen des Hauses damit finanziert zu haben.

Als Einrichtungsleiter hatte W. die Vollmachten über die Konten. Warum die Abbuchungen über einen so langen Zeitraum (weitere Taten sollen sich schon vor November 2012 ereignet haben, sind strafrechtlich aber verjährt) allerdings unbemerkt blieben, war kein Thema im Prozess. Nach Informationen der NWZ hatte W. das Passwort für das Buchungssystem und konnte die Barabhebungen so verschleiern. Mittlerweile erfolgt die Buchhaltung in Oldenburg, eine solche Tat könne sich nicht wiederholen, betonte Uwe Kollmann, kaufmännischer Vorstand der Diakonie im Oldenburger Land.

Der Strafprozess

Zum Prozessauftakt am Mittwochvormittag hatten sich viele Besucher eingefunden. Unter ihnen waren auch zahlreiche Mitarbeiterinnen des Christophorus-Hauses. Sie konnten den Sitzungssaal im Amtsgericht aber bereits nach 15 Minuten wieder verlassen: Das Gericht unterbrach die Sitzung für 45 Minuten. Nachdem die Vertreterin der Staatsanwaltschaft aus der Anklageschrift alle Fälle mit Abbuchungen zwischen 2000 und 15 000 Euro von zwei Konten vorgetragen hatte, schlug die Verteidigung ein Rechtsgespräch vor. Darin loteten die verfahrensbeteiligten Juristen eine Verständigung aus sowie einen möglichen Strafrahmen. Eine Zeugenvernehmung sowie eine weitere komplizierte Beweisaufnahme war damit unnötig geworden.

Die Taten

W. gab vor Gericht zu, zwischen November 2012 und September 2017 in 41 Fällen Geld von den Heim-Konten abgehoben zu haben. Damit habe er seinen privaten Lebensstandard verbessern wollen, begründete sein Verteidiger die Taten. W. habe „den Erwartungen genügen wollen, denen er sich ausgesetzt sah“. Seine Kontosituation beschrieb W. als „immer eng“. Durch die Untreue habe der Angeklagte, so rechnete es die Staatsanwältin vor, sein monatliches Nettogehalt von zuletzt rund 2800 Euro um 3600 Euro aufgestockt. Sie attestierte dem Angeklagten angesichts der sich über fast fünf Jahre erstreckenden Taten „eine gewisse kriminelle Energie“.

2004 habe er gemerkt, dass Barabhebungen ungeprüft blieben und nicht weiter hinterfragt würden, sagte W. aus. Er sprach leise und mit ruhiger, leicht brüchiger Stimme. Die ersten Entnahmen (die wegen Verjährung nicht mehr angeklagt werden konnten) hätten unter 1000 Euro betragen. Seinerzeit sei er in einer finanziellen Notlage gewesen.

Als er bemerkte, dass die Barentnahme niemandem auffiel, folgten weitere. Im Dezember 2012 waren es 15 000 und 16 000 Euro, in den Folgejahren fast monatlich zum Teil mehrere Abhebungen zwischen 2000 und 10 000 Euro. An vier Tagen hob W. am selben Tag Geld von beiden Konten ab. Einen Teil gab er sofort aus, einen anderen zahlte er auf sein privates Konto ein.

Angst aufzufliegen habe er schon gehabt, räumte W. ein. Besonders vertuscht habe er die Abhebungen aber nicht. Er sei heute „selbst über mich erschrocken“. Es sei für ihn schlimm, was er sich damit alles verbaut habe. „Ich verstehe nach wie vor meinen Antrieb nicht. Heute komme ich mit wenig Geld aus. Und das geht auch.“

Das Urteil

Das Urteil erging nach dem Rechtsgespräch zwischen Richter, Staatsanwaltschaft und den beiden Verteidigern. Wegen gewerbsmäßiger Untreue in 41 Fällen wurde W. zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. Diese wurde zur Bewährung ausgesetzt. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. In dieser muss W. jeden Wohnortwechsel melden (einen solchen hat er im Prozess angekündigt) und 11 000 Euro an die Jugendhilfe Wesermarsch zahlen – in monatlichen Raten von 360 Euro. Auch das veruntreute Geld muss W., der im Softwarebereich einen neuen Job gefunden hat, in Raten zurückzahlen. Zudem trägt er die Kosten des Verfahrens.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Verteidigung und Staatsanwaltschaft können binnen einer Woche Berufung oder Revision einlegen.

Die Begründung

Richter Martens ließ dem Urteil eine ausführliche Begründung folgen, auch um den zahlreich anwesenden Diakonie-Mitarbeitern das Zustandekommen zu erläutern. So seien nicht etwa alle Einzelstrafen – je nach Geldsumme zwischen sechs und zehn Monate – zu addieren, sondern die höchste Einzelstrafe „angemessen zu erhöhen“. Dies sei mit einer Verdoppelung auf 20 Monate erfolgt.

W. habe die Taten begangen, „zur Finanzierung eines Lebensunterhaltes, den er sich sonst nicht leisten konnte“. Zu Lasten des Angeklagten sei der „nicht unerhebliche Schaden“ sowie der Zeitraum von fast fünf Jahren zu werten. Strafmildernd habe sich vor allem ein sofortiges notarielles Schuldeingeständnis ausgewirkt, das W. nach Auffliegen seiner Taten noch vor Aufnahme der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen unterschrieben hatte. Dieses wurde durch ein von seinem Verteidiger verlesenes Geständnis zu Beginn des Verfahrens gestützt. Auch eine günstige Sozialprognose, vor Gericht geäußerte Reue und die Tatsache, dass er bereits an der Rückzahlung des Geldes arbeite, hielt Strafrichter Fabian Martens W. zugute. „Dass Sie sich darum kümmern, sticht hervor.“

Das Schlusswort

„Ich habe einen großen Fehler begangen, das weiß ich“, sagte Michael W. „Ich habe eine schlimme Zeit hinter mir und auch noch vor mir. Es tut mir leid. Ich werde alles tun, den Schaden wieder gut zu machen.“

Markus Minten Redaktionsleitung Brake / Redaktion Brake
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