Rodenkirchen Dass plattdeutsches Theater nicht nur für Komödien geeignet ist, sondern auch ernste Themen überzeugend auf die Bühne bringen kann, hat der Theaterverein Spiel-Art mit seinem Gastspiel am Samstagabend in der St.-Matthäus-Kirche in Rodenkirchen bewiesen. Mit der Aufführung des Zwei-Personen-Dramas „Nacht, Mudder“, bei dem es um das Tabuthema Selbstmord geht, feierte das Rodenkircher Gotteshaus zugleich eine gelungene Premiere als Theater-Spielstätte.

Weil das Plattdeutsche eine sehr bildreiche, leicht nachvollziehbare Sprache sei und die Kirche auf die Kraft des Wortes setze, habe der Gemeindekirchenrat entschieden, den Versuch mit einem niederdeutschen Kammerspiel zu wagen. Das machte Pastorin Birgit Naß bei der Begrüßung der rund 50 Besucher deutlich. Das Thema des Dramas begegne der Kirche im wahren Leben sehr oft.

Theaterverein Spiel-Art

Ein Kammerspiel der besonderen Art, das unter die Haut gehe, kündigte Regisseur Thomas G. Willberger an. Er hatte auch bei den Freilichtaufführungen der Inszenierung „Dude und Gerolt“ 2009 auf dem Rodenkircher Marktplatz die Regie geführt. Thomas G. Willberger nutzte die Gelegenheit, um den 2017 gegründeten gemeinnützigen Theaterverein Spiel-Art vorzustellen. Der besteht aus professionellen und semi-professionellen Theaterfachleuten und an innovativer Theaterarbeit interessierten Amateuren. Spiel-Art sei das einzige Ausbildungstheater in Niedersachsen und ein überregional agierendes niederdeutsches Tourneetheater. Der Verein wolle aufzeigen, dass sich das niederdeutsche Theater hinsichtlich Inhalt und Qualität nicht hinter dem hochdeutschen Schauspiel zu verstecken brauche,

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„Nacht, Mudder“ heißt im Original „Night, Mother“ und stammt aus der Feder der amerikanischen Drehbuchautorin Marsha Williams Norman. Das mehrfach preisgekrönte Stück mit autobiografischen Zügen wurde von Inske Albers-Willberger, Ehegattin des Regisseurs, ins Plattdeutsche übersetzt. Sie spielte in Rodenkirchen auch die Rolle der Mutter, die ihre Tochter Jule (Kerstin Umierski) wie ein unmündiges Kind behandelt.

Jule ist nach einer gescheiterten Beziehung depressiv geworden, darüber hinaus seit frühester Kindheit an Epilepsie erkrankt und in ihr Elternhaus zurückgekehrt. In sich gekehrt und einsam erträgt sie das von Banalitäten geprägte Leben mit ihrer oberflächlichen Mutter Selma, die sich nicht wirklich für ihre Tochter interessiert.

Selmas Mann ist gestorben, der Sohn ausgezogen. Nun ist sie froh, dass Jule wieder bei ihr wohnt. Die Mutter schaut fern, telefoniert und häkelt, während es ihrer Tochter immer schlechter geht.

Jule sieht für sich bald keine Perspektiven mehr. Sie beschließt zu sterben. Dafür holt sie die alte Pistole ihres Vaters vom Dachboden. Ruhig, als würde sie über einen Wochenendurlaub sprechen, teilt sie ihrer Mutter ihre Absichten mit, während sie die Pistole putzt und ölt. Selma begreift nicht, wie ernst es der Tochter ist.

Jule hat alles genau geplant. Sie hat aufgeschrieben, was ihre Mutter danach tun soll, wer anzurufen ist. Sie will ihr sogar vorher noch eine Maniküre machen und teilt ihr mit, wie sie die Angelegenheiten regeln soll. Und dass sie auf keinen Fall, wenn sie tot ist, in ihr Zimmer kommen darf. Wegen Blut und so.

Selma schnattert und schnattert, kocht Kakao, um ihre Tochter auf andere Gedanken zu bringen – vergeblich. Sie bringt zwar das Eingeständnis mütterlicher Liebe über die Lippen, aber es kommt nicht von Herzen.

Auch Jule scheint das zu wissen. Ungerührt zieht sie ihre Vorbereitungen durch, geht schließlich wie selbstverständlich aus dem Zimmer. Ein Knall zerreißt die Stille, so dass dem Publikum beinahe das Blut in den Adern gefriert. Das Geräusch des Pistolenschusses hallt noch lange nach. Und was macht Mudder Selma? Sie telefoniert, wie ihre Tochter es ihr aufgetragen hat.

Großartige Inszenierung

Der Beifall des Publikums ließ nach der einstündigen Aufführung angesichts des beklemmenden Themas zunächst etwas auf sich warten. Er galt dann aber doch der großartigen Inszenierung und der brillanten schauspielerischen Leistung von Inske Albers-Willberger und Kerstin Umierski. Sie hatten nicht nur mit ihrer sprachlichen Ausdrucksform des Plattdeutschen, sondern auch mit ihrer Mimik und Gestik überzeugt.

Rolf Bultmann Nordenham / Redaktion Nordenham
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