Nordenham Es ist ein lauer Sommerabend – endlich. Die vier Lehrer der King‘s School aus der englischen Kleinstadt Grantham sitzen entspannt in den Gartenstühlen vor der Nordenhamer Jugendherberge und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Die meisten ihrer 36 Schüler kicken auf dem Bolzplatz. Einige sind aber auch schon mit dem Packen beschäftigt, denn am nächsten Morgen in aller Früh werden sie nach vier Tagen die Heimreise antreten. „It‘s time to say good bye“, sagt Björn Finke. Er blickt auf das Jugendherbergsschild und ist hin- und hergerissen zwischen Melancholie und Wut. Seit fünf Jahren begleitet der ehemalige Stadlander Jung und heutige Lehrer für Deutsch und Philosophie an der King‘s School die Jahrgangsfahrten nach Nordenham. „Wir sind von der Jugendherberge hier begeistert“, bedauert Björn Finke das Aus der Einrichtung.

Björn Finke findet es sehr schade, dass die Nordenhamer Jugendherberge aufgegeben werden soll. BILD: Christian Schöckel
Björn Finke findet es sehr schade, dass die Nordenhamer Jugendherberge aufgegeben werden soll. BILD: Christian Schöckel

Erste Englandreise führt nach Peterlee

Obwohl der Lehrer für Deutsch und Philosophie an der King’s School, Björn Finke, noch keine 40 Jahre alt ist, liest sich seine Vita spannend. In Bremen geboren, wuchs er in Stadland auf, da sein Vater im Kernkraftwerk Unterweser arbeitete. Während seiner Schulzeit am Nordenhamer Gymnasium lernte er sein heutiges Zuhause England kennen, als er mit dem Freundeskreis Nordenhams Partnerstadt Peterlee besuchte. Seine Sprachkenntnisse besserte er in den USA während eines Auslandsjahres auf, das ihm sein damaliger Englischlehrer Stefan Tönjes vermittelt hatte.

Nach seinem Abitur 1998 in Nordenham studierte Björn Finke Germanistik, Italianistik und Philosophie in Heidelberg und Leipzig. Und was wollte er damals werden? „Alles, nur nicht Lehrer“, sagt Björn Finke heute. Doch es kam ganz anders. In Argentinien gab er Deutschunterricht an einer Sprachschule, in Island verlegte er Roll-Rasen, in Italien verkaufte er Plastikpaletten. Als er erfuhr, dass in England Lehrer gesucht werden und die Möglichkeit bestand, als Quereinsteiger innerhalb eines Jahres den Masterstudiengang zu absolvieren, entschloss sich Björn Finke zu diesem Schritt und schrieb sich in Leeds ein.

Nach seinem erfolgreichen Abschluss bekam er 2007 die Stelle an der King’s School in Grantham, unweit von Nottingham. An dem Knaben-Gymnasium mit über 1200 Schülern unterrichtet er Deutsch und Philosophie. „England ist zu meinem Lebensmittelpunkt geworden“, sagt Björn Finke, „ich liebe dieses Land.“

„Alle kommen uns hier so herzlich und freundlich entgegen“, schwärmt der Lehrer, „und das Haus liegt so ideal.“ Auch die Schüler seien immer wieder begeistert. Noch nie habe es Beschwerden gegeben. Ganz anders als zum Beispiel in Boppard am Rhein. Dort in der Jugendherberge waren die Gruppen aus Grantham in den vier Jahren davor untergekommen. Doch zu viel Tourismus sei dort gewesen, zu viel Anonymität. „Wir fühlten uns wie durchgeschleust.“

Kein Verständnis

Daraufhin entschied sich die King‘s School für die Jugendherberge am Nordenhamer Weserstrand als neues Ziel. Hier fühlen sich alle gut aufgehoben. „Ohne zu zögern wären wir in den nächsten Jahren wiedergekommen“, sagt Björn Finke. Für die vom Jugendherbergsverband Unterweser-Ems wirtschaftlichen Gründen angekündigte Schließung zum 31. Dezember dieses Jahres hat er kein Verständnis. Dabei hat er Mühe, seinen Groll im Zaum zu halten.

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Die Jungen des siebten Jahrgangs der staatlichen King‘s School haben wieder die Zeit in Nordenham und Umgebung genossen. Sie sind Schüler eines 1528 gegründeten, ehrwürdigen Knaben-Gymnasiums, eine der letzten English Grammar Schools.

Einst, von 1655 bis 1659, hatte dort der berühmte Naturforscher Isaac Newton die Schulbank gedrückt. Und im benachbarten Mädchen-Gymnasium ging die ehemalige Premierministerin des Vereinigten Königreichs, Margret Thatcher, zur Schule.

Die 36 jungen Nordenham-Besucher aus England, die Deutsch und Französisch als Pflichtfremdsprachen lernen, waren für diese Tour aus über 100 Bewerbern des Jahrganges ausgelost worden. „Das Interesse ist immer riesig,“, berichtet Björn Finke.

Das Besuchsprogramm folgte wieder dem bewährten Konzept: Strandspaziergang mit Besuch von Fußgängerzone und Störtebekerbad sowie Eis-Essen in Nordenham, Klimahaus, U-Boot und Mediterraneo in Bremerhaven, Universum, Dom, Bleikeller und Schnoor in Bremen, Schulschiff „Deutschland“ in Vegesack und schließlich Spiel und Spaß im Heidepark Soltau.

Notgedrungen Straßburg

Was steht als Fahrtziel nach Schließung der Nordenhamer Jugendherberge im nächsten Jahr auf dem Plan? „Die Jugendherberge in Straßburg-Kehl mit dem Besuch des Europa-Parlaments“, sagt Mr. Finke, „notgedrungen.“ Vielleicht aber auch ganz interessant in Zeiten des Brexit.

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