Frage: Frau Woltmann-Mehrens, welchen Kindergarten haben Sie selbst eigentlich besucht?

Heike Woltmann-Mehrens: Ich bin bis zu meinem vierten Lebensjahr in Elsfleth aufgewachsen, und da bin ich auch in den Kindergarten gegangen, und zwar am Rittersweg. Das war so eine kleine Baracke, und da bin ich immer gern hingegangen. Es war zu der Zeit, Mitte der Fünfzigerjahre, aber selten, dass Kinder den Kindergarten besuchten.

Frage: Wie haben Sie die Betreuung empfunden?

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Woltmann-Mehrens: Ich erinnere mich wenig daran, aber es war damals noch ganz anders. Die Erzieherinnen hatten weiße Schürzen um, und es war wirklich nur Betreuung. Wir haben mit den Frauen gespielt, gebastelt, gesungen – und das war‘s.

Frage: Was hat Sie motiviert, Erzieherin zu werden?

Woltmann-Mehrens: Kinder habe ich immer gern gemocht. Wenn kleinere Kinder bei uns zu Besuch kamen – ich hatte zwei jüngere Brüder –, dann habe ich mich immer um sie gekümmert. Ich war immer die, die schon die Große war.

Frage: Was ist das Faszinierende am Beruf der Erzieherin?

Woltmann-Mehrens: Bei mir war es immer die Integration. Die hat mich von Anfang an begleitet, und ich habe immer eine Dankbarkeit gespürt, bei den Eltern und bei den Kindern. Diese Kinder erinnern sich lange an einen. Die anderen gehen dann in die Schule und wissen nicht mehr, wer die Erzieherin war – und das ist auch gut so. Aber ein behindertes Kind erinnert sich immer daran, dass man es akzeptiert und auch gemocht hat. Die brauchten meine Hilfe mehr als Kinder aus behüteten Verhältnissen. Ich habe mich auch außerberuflich immer für dieses Thema interessiert und mich beispielsweise in den Rodenkircher Igel-Verein von Eltern behinderter Kinder eingebracht. Durch diese Vernetzung habe ich viele Menschen kennengelernt, die mein Leben bereichert haben. Ich bewundere Menschen, die solche Herausforderungen annehmen und meistern.

Frage: Die Leitung im Kindergarten Schwei haben Sie dann übernommen, um noch mehr in diese Richtung arbeiten zu können?

Woltmann-Mehrens: Walter Lübben, der damals in der Gemeindeverwaltung dafür zuständig war, hatte mich gefragt – und ich habe das Thema dann mit meiner Familie diskutiert. Und die sagte, da kannst du mehr bestimmen, in welche Richtung es geht. Und so bin ich nach Schwei gegangen, obwohl ich nicht mehr Stunden und nicht mehr Geld bekam. Aber mit der Euphorie, dass ich die Integration jetzt umsetzen kann. Und dann hatte ich das Glück, dass ich Kolleginnen vorgefunden habe, auch ältere, die das mitgetragen haben.

Frage: Sie haben auch Fortbildungen besucht?

Woltmann-Mehrens: Ich wollte nicht auf einem Punkt stehenbleiben. Gerade die Pädagogik muss sich an den Veränderungen in der Gesellschaft orientieren. Ein Thema, mit dem sich auch die neue Landesregierung befasst, sind bedarfsorientierte Öffnungszeiten – beispielsweise für Alleinerziehende im Schichtdienst, aber auch für die vielen anderen berufstätigen Frauen. Da sehe ich in Zukunft das Angebot einer Samstags- oder Nachtbetreuung. Generell sind die Länder im Norden und im Westen – Frankreich, besonders Schweden – da schon weiter. Wichtig ist zudem, dass Kinder das eigenständige Arbeiten lernen – darauf haben wir auch in Schwei schon geachtet.

Frage: Sich selbst zu beschäftigen, aber auch sich selbst zu motivieren?

Woltmann-Mehrens: Nur den Motivationsgrund, den muss ein guter Pädagoge anbieten. Ich habe mich in der Reggio-Pädagogik damit beschäftigt . . .

Frage: Wie Reggio di Calabria?

Woltmann-Mehrens: Genau, das kommt von da, aus Süditalien. Die sagen, dass der Raum auch ein Erzieher ist. Wir haben in Schwei ein Atelier angeboten, aber in Reggio sind sie schon einen Schritt weiter, und ich denke, darauf wird es bei uns über kurz oder lang auch hinauslaufen. Das klingt ein bisschen hochgestochen für Kindergartenkinder, aber Sie glauben gar nicht, wie begeistert die sind, wenn mit ihnen ein Bild besprochen wird.

Frage: In den letzten 16 Monaten Ihres Berufslebens haben Sie etwas ganz Neues gewagt und die Position einer Qualitätsbeauftragten für Kindertagesstätten in Stadland übernommen. Warum wird Qualität im Kindergarten gebraucht – und worin besteht sie eigentlich?

Woltmann-Mehrens: Als ich anfing, war Stadland in der Wesermarsch Vorreiter. Das zeichnet Stadland selbstverständlich aus, hatte aber für mich den Nachteil, dass ich mich hier an niemandem orientieren konnte. Dann bin ich nach Friesland gefahren, wo eine junge Kollegin Qualitätsmanagement für den ganzen Landkreis mit 40 Kitas betreibt. Die waren schon viel weiter als wir, aber auch schon lange dabei. Bei dem Besuch habe ich gelernt, dass ich die Arbeit nicht in der verbleibenden Zeit schaffen werde. Für uns war es wichtig, dass sich die Kindergärten unterscheiden und nicht jeder das Gleiche anbietet. Hier war die Grundidee, dass sich jeder Kindergarten ein Leitbild sucht. Jede Einrichtung horchte in sich hinein und überlegte, was ist richtig für uns? Die Arbeit, die in der Tagesstätte geleistet wird, bleibt im Grunde gleich, nur sie orientiert sich am Leitbild. Und ich habe immer die Einrichtungen auf Fortbildungen zu ihrem Thema aufmerksam gemacht. Wenn eine Einrichtung ein Spektrum bedienen muss, verzettelt sie sich leicht. Aber unter dem Schirm eines Leitbildes geht das leichter. Dann haben wir für jeden Kindergarten ein Faltblatt mit den Angeboten erstellt, das sich Interessierte greifen können.

Frage: Gibt es auch etwas Offizielles?

Woltman-Mehrens:

Ziel ist eine Zertifizierung, ein Qualitätssiegel für jede Einrichtung. Außerdem muss jede Einrichtung ein Qualitätshandbuch erstellen, in dem sie ihre eigenen Qualitätsansprüche festlegt. Das kann man nicht für alle sechs Einrichtungen machen, weil sie zu unterschiedlich sind. Ich habe ihnen Hinweise gegeben, was darein gehört, und dann müssen sie das Buch mit einem externen Fachberater erstellen.

Frage: Nach rund 16 Monaten ist Ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Was fehlt?

Woltman-Mehrens: Da muss die Gemeinde ein Unternehmen beauftragen, das die Tagesstätten prüft – so ähnlich wie der TÜV die Autos. Wenn die geforderten Kriterien erfüllt sind, wird ein Qualitätssiegel vergeben. Wer das hat, kann sich aber nicht zurücklehnen, sondern es gibt weitere Überprüfungen. Am besten ist es, wenn sich die Einrichtungen immer weiter entwickeln. Stillstand ist Gift. Ich bin aber zuversichtlich, dass es weitergeht, denn es stehen ja einige Wechsel an, ich bin ja nicht die Einzige, die in den Ruhestand tritt. Und ich denke, dass das Qualitätsmanagement für jüngere Kollegen ein Weg sein kann, zu dem sie Lust haben.

Frage: Die Landesregierung will den Besuch der Kindergärten kostenfrei stellen. Das wird vermutlich mehr Kinder in die Tagesstätten bringen. Wo sollen die Erziehrinnen herkommen?

Woltmann-Mehrens: An der Fachschule für Sozialpädagogik in Elsfleth bestehen jedes Jahr 30 junge Leute ihren Abschluss – und nicht alle bleiben in der Wesermarsch. Daher müssen diesen jungen Leuten Anreize geboten werden – nicht nur bei den Konzepten und Themen, sondern auch finanziell.Es gibt schon jetzt Kommunen, die über Tarif zahlen, um Kräfte zu gewinnen.

Frage: Und Sie – wie geht es bei Ihnen persönlich weiter?

Woltmann-Mehrens: Ein bisschen mit Angst, das gebe ich zu. Ich bin nicht diejenige, die sich so maßlos auf ihren Ruhestand freut. Deshalb bin ich bemüht, noch etwas zu tun. Ich möchte gern in diesem Bereich bleiben und habe da schon meine Fühler ausgestreckt – etwa in den Bereichen Erwachsenenbildung und Unterstützung der Tagesmütter.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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