Hartwarderwurp Für einen Frühherbst ist es noch erstaunlich warm. Dennoch muss jetzt dicht am Bronzezeithaus Feuer gemacht werden; aber nicht mit dem Feuerzeug, sondern genau wie damals vor 5000 Jahren.

Ein Fünftklässler schlägt zwei Steine gegeneinander, einen aus Katzengold, der in der Sonne funkelt, und einen aus Eisenstein. Aber ein paar Funken machen noch kein Feuer. Gebraucht wird ein Material, das schnell brennt, aber auch von einem Wanderer auf weiten Strecken mitgenommen werden kann. Gästeführer Wilfried Sagkob will den Gymnasiasten einen Tipp geben und sagt einen kurzen Satz, den sie vollenden sollen: „Es brennt wie. . .“

Was ist Zunder?

„Wie Hulle“, sagt ein Schüler spontan. Nur gut, dass Wilfried Sagkob keine Zensuren vergibt. Denn es heißt „wie Zunder“. Zunder? Davon haben die Schüler des Gymnasiums Langen im Kreis Cuxhaven noch nie etwas gehört. Zunder, erklärt Sagkob, ist ein Baumpilz. In der Steinzeit ernteten ihn die Menschen, zogen die oberste Schicht ab und trockneten den Rest. „Der sah dann aus wie Wildleder“, schildert der Gästeführer.

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Und jetzt lässt er noch einen Prominenten aus der Jungsteinzeit auftreten: Ötzi. Der war vor 5200 Jahren bei einem Pfeilkampf in den Ötztaler Alpen im heutigen Südtirol getötet und dann unter einem Gletscher zur Eismumie geworden. Anfang der 90er Jahre tauchte der Leichnam geschrumpft, aber gut erhalten wieder auf, weil der Gletscher wegen des Klimawandels zurückgegangen war. Auch Ötzi, sagt Wilfried Sagkob, hatte Zunder bei sich.

Worauf Ötzi gepinkelt hat

Und weil die lebendige Geschichtsstunde am Bronzezeithaus ganz auf auf starke Eindrücke setzt, verschweigt Wilfried Sagkob seinen Zuhörern auch nicht dieses unappetitliche Detail: „Ötzi hat auf den Zunder gepinkelt.“ Er wusste, was er tat: Nachdem der Urin getrocknet war, blieb Harnstoff übrig, und der ließ den Zunder noch besser brennen. Wie Hulle, sozusagen.

Während die Schüler noch mit Steinen und dann mit Holz und einer Bogensäge Feuer zu machen versuchen, raucht es ein paar Meter weiter schon: Ilona Gradic, die Vorsitzende des Bronzezeithausvereins, und die Gästeführerin Bärbel Hinrichs haben das Feuer ganz modern mit Grillkohle gemacht. Ötzi wäre neidisch gewesen. Wohl auch auf den bronzezeitlichen Eintopf, der im großen Kessel brodelt. Er enthält Rindfleisch, Bohnen, Porree, Sellerie, Möhren, Kohl und Kohlrabi – genau wie damals vor 3000 Jahren. Gewürzt wurde mit Kräutern aus dem Garten.

Dieses Jahr noch zwei Mal geöffnet

Das Bronzezeithaus öffnet alljährlich von Karfreitag bis zum letzten Sonntag im Oktober – in diesem Jahr also bis zum 28. Oktober. Besucher sind an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr willkommen.

Angebote für Kinder sind ein Schwerpunkt der Einrichtung, die als „außerschulischer Lernort“ anerkannt ist. Dazu gehören sowohl Aktionstage für Vorschulkinder als auch für Schüler. Die Kinder können nicht nur die Steinzeit und die Bronzezeit mit allen Sinnen erleben, sondern erfahren auch, wie unsere Lebensmittel erzeugt werden.

Die Anlage ist der Nachbau des ältesten bisher nachgewiesenen Bauernhauses in der deutschen Küstenmarsch.

Im Internet ist die Einrichtung zu finden unter www.bronzezeithaus.de.

Wenn sich die 57 Gymnasiasten aus zwei fünften Klassen eine gute Stunde später den Eintopf auf der Zunge zergehen lassen, schwirren ihnen 250 000 Jahre Menschheitsgeschichte im Kopf herum. Mit weniger geben sich die Ehrenamtlichen am Bronzezeithaus nicht zufrieden.

Eine Viertelmillion Jahre – so alt ist das Vorbild für den unscheinbaren Speer mindestens, der am Geräteschuppen des Bronzezeithauses lehnt. Das Vorbild ist einer der Schöninger Speere. Schöningen liegt bei Helmstedt im äußersten Südosten Niedersachsens, und die Speere, die hier gefunden wurden, haben das Bild von den frühen Menschen revolutioniert. Das etwa 2,50 Meter lange Wurfgeschoss, das es mit modernen Wettkampfspeeren aufnehmen kann, beweist, dass Menschen schon vor mehr als 250 000 Jahren organisiert Jagd auf Wild gemacht haben. Sie mussten also vorausschauend denken und kommunizieren können. Die Schöninger Speere sind das älteste Jagdinstrument der Menschheit.

Eine komplexe Jagdwaffe

Doch die Jäger brachten die Tiere nur dann zur Strecke, wenn sie sie in die Enge treiben konnten, etwa in einer Schlucht oder, wie in Schöningen, an einem See. Es dauerte fast eine Viertelmillion Jahre, ehe ein pfiffiger Jäger einen besseren Speer erfand: die Speerschleuder, das erste komplexe Jagdinstrument der Menschheit. 18 000 Jahre ist das jetzt her. Damals war Eiszeit, die niedrigen Pflanzen boten dem Jäger wenig Tarnung. Er brauchte also eine Waffe, die schneller flog und weiter trug.

Vermutlich mit einem Hirschgeweih, dass zunächst parallel zum Speer lag und dann mit Schwung in die Senkrechte befördert wurde, gelang es, den Speer entscheidend zu verbessern – zum Nachteil des Beutetiers. Sechs Mal darf jeder Schüler den Speer schleudern. Doch das Ziel – kein Mammut, das wegrennt, sondern eine Scheibe, die sich nicht vom Fleck rührt – bleibt meistens unversehrt.

Als die Eiszeit vor 10 000 Jahren endete, begannen die Wälder wieder zu wachsen – und die Speerschleuder wurde unnütz. Erst jetzt erfand der Mensch Pfeil und Bogen.

Und erst gegen Ende der Jungsteinzeit wurde der Mensch sesshaft. Er entwickelte Ackerbau und Viehzucht – und errichtete vor 3000 Jahren das Bronzezeithaus. Auf die Jagd geht er seitdem fast nur noch aus Leidenschaft, aber kaum mehr aus Notwendigkeit.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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