Brake /Jaderberg Erst vor Kurzem wurden die letzten Abiturprüfungen abgelegt, derzeit laufen in der Wesermarsch die Entlassfeiern. Beides wird es 2020 nicht geben.

Niedersachsen ist das erste Bundesland, das wieder zum Abitur nach 13 Jahren umstellt. Erst 2011 wurde auf zwölf Jahre reduziert, so dass es damals zwei Abschlussjahrgänge gab. Dafür wird es 2020 keinen geben. 2021 erlangen erstmals wieder Schüler vom Braker und vom Jade-Gymnasium nach 13 Jahren das Abitur. Doch was bringt diese Umstellung mit sich, welche positiven Effekte gibt es, welchen Aufwand?

Warum zurück zum Abitur nach 13 Jahren?

Da man bei dem G8-Modell bereits nach acht Jahren am Gymnasium seinen Abschluss erlangte, hatte man für (fast) die gleiche Menge an Lernstoff ein Jahr weniger Zeit. Dies war nur zu bewältigen mit einer hohen Anzahl an Wochenstunden. Vor allem für die Fahrschüler sei dies fatal gewesen, weiß Silvia Warns, stellvertretende Schulleiterin des Gymnasiums Brake. Nach der achten Stunde Unterricht, die um 15.15 Uhr endet, folgten noch der Weg nach Hause sowie die Hausaufgaben. Viel Freizeit blieb da nicht.

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Nun sorgt die Umstellung auf G9 für ein Schuljahr mehr und eine niedrigere Wochenstundenzahl, so dass der Unterricht bereits täglich nach der sechsten Stunde um 13.15 Uhr enden kann. Dies sorgt bei den Schülern für mehr Entspannung, was die Elternschaft ebenfalls sehr begrüße. Zwar sind die Schüler dann nach dem Erlangen ihres Abschlusses ein Jahr älter, aber diese zwölf Monate sieht Warns als „Reifejahr“.

Werner Oeltjen, stellvertretender Schulleiter des Jade-Gymnasiums, betrachtet das Thema aus zwei Sichtweisen. Wenn man die Schulzeit als Qualifikationsinstanz, also quasi als Etappe zum nächsten Schritt wie Berufsleben oder Studium, sieht dann sei das G8 gut. Besonders gut für die leistungsstarken Schüler, die schnell in die akademische Laufbahn einsteigen wollen. Fachkräfte seien so länger im System, man wirke dem demografischen Wandel entgegen und die Menschen zahlen ein Jahr länger in die Rentenkassen ein. Zumindest sei das die Theorie. Oftmals führte das Schulende nach zwölf Jahren aber eher zu einer Orientierungslosigkeit. Viel mehr junge Leute nutzten das Jahr eher für eine Auszeit in jeglicher Form (FSJ, Work and Travel) anstatt für den vorzeitigen Einstieg ins Berufsleben. Sehe man die Schule hingegen als persönliche Reifungszeit, so Oeltjen, dann habe man durch diese Entschleunigung nun „mehr Zeit zum Lernen und zum Leben“. Den Schülern bleibe mehr Zeit für außerschulische Aktivitäten wie Ehrenämter, Mitgliedschaft in Vereinen oder Hobbys – und gerade das sei enorm wichtig. Bildung ist seiner Meinung nach mehr als nur Wissen. Bildung ist auch Empathie, Toleranz und Teamfähigkeit – dies seien Eigenschaften, die Unternehmen sehr schätzen und die man oftmals außerhalb der Schule in anderen Lebensbereichen erlerne. Soziale Kompetenz sei ebenso wichtig wie die sachliche Kompetenz.

Wie reagieren Schüler auf die erneute Änderung?

Jann Lübbers, Schülervertreter des Gymnasiums Brake, befindet sich zur Zeit in Klasse 10 und somit im ersten Jahrgang, der nach 13 Jahren Abi macht. „So hat man mehr Zeit, den Stoff zu lernen, auch wenn man eigentlich mal dachte, man ist 2020 fertig mit dem Abitur.“ Pia Bothe und Elicé Arndt sind bereits Elftklässler, sie sind froh, dass sie noch ein Jahr weniger zur Schule müssen als nachfolgende Generationen, obwohl dies auch wenig Freizeit und viel Stress bedeutet. Grundsätzlich finden sie aber das G9-Modell besser, weil sie merken, dass viele in ihrem Jahrgang noch gar nicht wissen, was sie nach dem Abi machen wollen.

Cäcilie Müller, Schulsprecherin des Jade-Gymnasiums, befindet sich ebenfalls im elften Jahrgang und berichtet, dass das G9-Modell bei den Schülern super ankomme. In ihrem Jahrgang herrsche auch keine Angst vor dem Sitzenbleiben beim Abitur nächstes Jahr. Der entfallende Nachmittagsunterricht für die Schüler von der fünften bis zur elften Klasse sorgt ebenfalls für mehr Entspannung.

Was bedeutet die Umstellung für den Schulalltag ?

Vor allem Personal und Räumlichkeiten werden in Brake benötigt. Die Landesschulbehörde ist für die Planung des Personals zuständig und wird wohl nach und nach aufstocken. Für die Raumplanung habe man sich mit dem Landkreis als Schulträger abgesprochen, berichtet Silvia Warns. Stundenpläne und Kerncurriculum müssten angepasst werden wie sonst auch, es sei nur eben mehr zu verteilen. Das einzige Problem hierbei seien die Schulbücher. Man habe nicht genug Zeit gehabt, um genügend Geld anzusparen, um einen kompletten Jahrgang mit Büchern auszustatten. Den Eltern habe man auch nicht mit horrenden Leihgebühren für Bücher zur Last fallen wollen. Nun müsse man sehen, wo es angemessen ist, dieselben Bücher ein weiteres Jahr zu verwenden und wo dringend neue benötigt werden. Man stockt dann nach und nach auf.

Die Sekundarstufe I durchläuft man nun von der fünften bis zur zehnten Klasse und die Sekundarstufe II von der elften bis zur dreizehnten. Ebenfalls neu: Der elfte Jahrgang wird in Klassen unterrichtet, Kursunterricht gibt es erst im zwölften und dreizehnten. Eine weitere Besonderheit ist, dass es die neu zur Verfügung gestellte Zeit in der elften Klasse ermöglicht, das Thema Berufsorientierung in den Fokus zu rücken. Die „freie Zeit am Nachmittag“ kann mit der Teilnahme an AGs genutzt werden, hier soll das Angebot ebenfalls weiter ausgebaut werden.

Dem Personal und den Räumlichkeiten stehen am Jade-Gymnasium keine grundlegenden Veränderungen bevor. Man habe genug Räume, und nach dem Personal müsse wie jedes Jahr auch geschaut werden. Für die Schulbücher des zusätzlichen Jahrganges hat man hier ebenfalls genug Geld zur Verfügung. In Jade wird die Sekundarstufe quasi noch zweigeteilt, da der elfte Jahrgang als Einstiegsphase noch in Klassen unterrichtet wird und die elften und zwölften als Qualifikationsphase in Kursunterricht. Zusätzlich kehrt man nun in der Qualifikationsphase wieder zum 5-und-3-System zurück. Damit ist gemeint, dass die Leistungskurse mit fünf und die Grundkurse mit drei Stunden die Woche unterrichtet werden. Somit ist eine klarere Profilierung möglich.

Was passiert mit den Schülern, die 2019 das Abitur nicht bestehen?

Florian Röller, Oberstufenkoordinator des Gymnasiums Brake, erklärt, wie das „Mini-Sonderabitur“ 2020 funktioniert: Wer sein Abitur 2019 nicht besteht, geht zurück in den zwölften Jahrgang (der dann erstes und zweites Halbjahr der Qualifizierungsphase ist), wird aber mit Themen aus dem dritten und vierten Halbjahr unterrichtet und kann dann 2020 erneut zum Abi antreten. Dies bedeute zwar viel Aufwand für die Schüler und Lehrer. Aber so müsse niemand bei einem Patzer zwei Jahre wiederholen. Außerdem handele es sich voraussichtlich nur um Einzelfälle, da die Schüler im Vorfeld sehr gut beraten würde und es viele individuelle Möglichkeiten gebe.

Zur Zeit sei es so, dass das Jade-Gymnasium nach dem Regelfall handelt, es behalte sich jedoch Änderungen vor sobald der neue Schulleiter seinen Posten einnimmt. Zunächst einmal sei es das Ziel, alle Schüler so zu qualifizieren, dass alle in der Lage sind, das Abitur zu bestehen, betont Werner Oeltjen. Gibt es trotz dessen Schüler, die 2019 das Abi nicht bestehen, können diese erst 2021 wieder zum Abitur antreten – und hätten dann 14 Jahre gebraucht. Dies kommt daher, dass es 2020 noch keinen 13. aber einen 12. Jahrgang gibt. Wer nicht besteht, muss also die 12. wiederholen und die 13. Klasse absolvieren, um wieder zum Abi antreten zu können. Im Vorfeld werde es aber genügend Zeit zur Beratung der Schüler durch den Oberstufenkoordinator, die jeweiligen Tutoren und die Schulleitung geben, so dass die Schüler nach eingehender Beratung selber entscheiden können welchen Weg sie gehen möchten.

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