Dortmund /Bremen Etwas heiser, endlich frisch geduscht, und mit einem Grinsen im Gesicht stellte sich Max Kruse auch nach Mitternacht noch vor die Kameras. „Das ist ein Gefühl, das kannst du nicht über eine Kamera vermitteln. Die Emotionen sind so überwältigend, sie müssen einfach raus. Das ist ein Moment, in dem du willst, dass die Zeit stehen bleibt.“

Der Kapitän von Werder Bremen meinte jenen Moment, in dem er mit dem letzten Elfmeter das DFB-Pokal-Drama bei Borussia Dortmund entschied. Kruse schob den Ball zum 7:5 nach Elfmeterschießen in die rechte untere Ecke, stürmte erst Torwart Jiri Pavlenka in die Arme, riss den Matchwinner mit auf den Zaun, um dort mit 8000 mitgereisten Bremer Fans das Ende eines verrückten Spiels zu feiern. „Das ist Wahnsinn, ich kann das alles gar nicht realisieren“, stammelte Maximilian Eggestein verlegen.

Die spontane Kabinenparty erreichte um kurz nach Mitternacht ihren Höhepunkt. Aus den Boxen dröhnte lautstark Musik, ein Kasten Pils wurde für die Pokalhelden um Elfmeter-Killer Pavlenka (zwei Paraden) bereitgestellt. „Das Finale in Berlin ist etwas Besonderes. Ich habe allen in der Mannschaft davon erzählt“, sagte Oldie Claudio Pizarro (40), der erst in der 108. Minute in technisch ganz feiner Manier das zwischenzeitliche 2:2 erzielte und später ebenso wie Maximilian Eggestein, Davy Klaassen und Kruse vom Punkt keine Nerven zeigte „Als ich die Schützen gesehen habe, da wusste ich, heute geht was“, sagte der Ex-BVBer Nuri Sahin.

Die Emotionen waren an einem denkwürdigen Abend, am dem es nach 90 ausgeglichenen Minuten 1:1 und nach 30 spektakulären Minuten Extrazeit 3:3 gestanden hatte, auch aus Trainer Florian Kohfeldt herausgeplatzt. Besonders in der Verlängerung bewies Werder eine enorme Willensstärke, als es durch die Joker Pizarro und Martin Harnik (119.) die Dortmunder Führungen durch Christian Pulisic (105.) und Achraf Hakimi (113.) zweimal ausglich.

„Ich muss meiner Mannschaft ein riesiges Kompliment machen, wie sie mit den Rückschlägen umgegangen sind“, lobte Kohfeldt. Sein Team habe den Kampf mit „Cleverness und Leidenschaft“ angenommen. Ein Lob gehört aber auch Kohfeldt, der seine Lehren aus der 1:2-Niederlage in der Liga beim BVB gezogen hatte und die Bremer deutlich tiefer agieren ließ, um den schnellen Dortmundern nicht zu viel Räume zu geben. Und der Coach bewies mit den Einwechslungen Pizarros und Harniks ein glückliches Händchen.

„Diese Emotionen sind Wahnsinn“, meinte indes Kruse: „Das haben wir uns total verdient. Es waren 120 Minuten pure Intensität und Leidenschaft.“

Zum Matchwinner wurde Pavlenka, der gegen Paco Alcacer und Maximilian Philipp parierte und der vor dem Elfmeterschießen wie einst Jens Lehmann bei der WM 2006 in einen Spickzettel blickte. „Ich weiß nicht warum, aber ich war mir sicher, dass ich die ersten beiden Elfmeter halte“, sagte der starke tschechische Keeper. „Wir sind in der nächsten Runde, das fühlt sich großartig an.“

Als Lohn steht für den sechsmaligen Pokalsieger am 2./3. April das Viertelfinale an. Für die Fans wäre natürlich ein Nordderby gegen den Zweitliga-Tabellenführer Hamburger SV reizvoll – und auch die Spieler scheinen so ein Duell herbeizusehnen. „Das hätte was“, sagte Maximilian Eggestein. Großes Ziel ist das Endspiel am 25. Mai in Berlin. Gutes Omen: 1989, 1999 und 2009 stand Werder jeweils im Pokalfinale – 2019 würde die Zehner-Serie ausweiten. „Da wollen wir jetzt hin. Aber es ist noch ein langer Weg“, meinte Pizarro.

Nach dem Pokal-Highlight wartet zunächst jedoch an diesem Sonntag (15.30 Uhr) mit dem Heimspiel gegen den FC Augsburg der graue Liga-Alltag. Werder steht nur auf Platz zehn, für das Ziel Europapokal brauchen die Bremer einen Heimsieg gegen den Abstiegskandidaten.

NWZ Bundesliga-Tippspiel 20/21
Wer wird Tippspiel-König 20/21? Am besten gleich mittippen und jeden Spieltag um einen 50€-Gutschein von Möbel Weirauch spielen!

Lars Blancke Redakteur / Sportredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.