Autor dieses Beitrages ist Lars Blancke. Der 35-jährige Sportredakteur berichtet seit 2014 für unsere Redaktion über Werder Bremen.
Etliche Nachrichten haben mich seit Samstag von Freunden erreicht. Einige waren wütend, andere hämisch (lieben Gruß an alle HSV-Fans), die meisten einfach geschockt. Eine spezielle Nachricht möchte ich hier zitieren, weil sie so viel aussagt über die Bindung, die Zehntausende Fans im Nordwesten zu Werder Bremen haben. „Ich habe so viele Erinnerungen. Mein erstes Spiel 1994 gegen Bayern mit Papa. 1999 gegen Schalke vor dem verschlüsselten Premiere gesessen. Domshof-Double-Feier 2004. Juventus 2006. Die HSV-Wochen 2009. This is Osterdeich. Ich bin einfach nur traurig. Werder kommt vielleicht nie wieder.“

Ich habe diese Nachricht bestimmt acht, vielleicht auch zwölf oder 20 Mal gelesen seitdem. Weil ich sie extrem gut nachvollziehen kann. Er ist 35, ich bin 35. Seitdem wir leben, war Werder immer erstklassig. Es war Normalität. Wir kommen aus der gleichen Generation, auch wenn er bis heute kaum nachvollziehen kann, warum ich mein Fan-Herz früh an Eintracht Frankfurt und eben nicht an Werder Bremen vergeben habe.

Mein erstes Werder-Spiel als kleiner Fußballfan war auch 1994. Auch mit Papa. Auch im Weserstadion. Gegen Frankfurt. Werder gewann 2:0. Wladimir Bestschastnych, dieser bleiche Mittelstürmer, traf zweimal in mein Eintracht-Herz, das hinten in der Westkurve, vom Rasen getrennt mit einer Tartanbahn, laut pochte. Aber die Treffer waren nicht so hart. Es war Werder. Es war okay. Das Stadionerlebnis war eh viel beeindruckender als das Spiel.

Alles, was mein Freund danach geschildert hat, habe ich auch erlebt, wenn auch mit mehr Distanz. Aber lassen wir die Vergangenheit. Es bringt ja nichts.

Die Gegenwart ist trist. Nein, trist ist geschönt. Sie lässt angst und bange werden. Den schleichenden Niedergang habe ich seit 2014 aus einer anderen, der journalistischen Perspektive erlebt. Trainer kamen und gingen, was für Werder-Verhältnisse unüblich ist. Robin Dutt, Viktor Skripnik, Alexander Nouri, Florian Kohfeldt, für ein Spiel Thomas Schaaf. Außer Dutt stehen sie alle für den Werder-Weg. Jener Weg, der den Verein in eine Sackgasse geführt hat. Denn nichts anderes ist die Zweite Liga. Kommentare à la „Das ist die Chance für einen Neuanfang“ kann ich nicht nachvollziehen – das Risiko für einen kompletten Absturz ist doch viel größer. Schönrederei à la „Die Zweite Liga ist mit den großen Traditionsvereinen und vielen Nordclubs viel attraktiver“ kann ich noch weniger verstehen – wenn Achtjährige, so wie wir damals, jetzt das erste Mal mit ihrem Papa ins Weserstadion gehen, sehen sie Sandhausen, Aue, Paderborn, Rostock oder Heidenheim. Baut das auch so eine Bindung auf?

Viel bedrückender aber ist, dass ich keinen schnellen Weg aus der Zweiten Liga sehe. Viele Leistungsträger (kann man sie so nennen?) werden den Verein verlassen. Werder ist – auch, aber nicht nur wegen Corona – finanziell miserabel aufgestellt. Es fehlt ein Trainer, es fehlt ein Kader. Diesen ohne Kohle aufstiegstauglich aufzustellen, ist unwahrscheinlich. Bleiben wollen dagegen alle Führungsköpfe und Entscheider – ist das der richtige Weg? „Der Fisch stinkt vom Kopf“ ist noch so eine Nachricht, die ich häufig bekommen habe. Es steckt viel Wahrheit drin.

„Werder kommt vielleicht nie wieder“, schrieb mein Kumpel. Ein Satz, den ich seit Samstag, etwa 17.25 Uhr, ständig höre. Von Freunden, auf allen Kanälen, in allen Medien. Dabei schreien doch – in normalen Zeiten – knapp 40 000 Heim-Fans im Weserstadion im Vereinslied „Werder, wir kommen wieder“. Das ist dann meist samstags, kurz vor 15.30 Uhr gewesen. Die neue Realität heißt Samstag, 13.30 Uhr. Oder Sonntag, 13.30 Uhr. Ich wünsche mir sehr, dass die normalen Zeiten schnell wieder zurückkehren. Mit Fans im Weserstadion. Mit Werder in der ersten Liga. An Letzteres zu glauben, fällt mir aktuell sehr schwer.

Lars Blancke Redakteur / Sportredaktion
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