Bremen Was für ein Stein ihnen vom Herzen fiel, zeigten Leonardo Bittencourt und Milot Rashica überdeutlich. Es war kurz nach 23 Uhr, da nahmen sich die beiden Torschützen von Werder Bremen im Innenraum des Weserstadions von der ganzen Last befreit in den Arm. Eigentlich sollten sie nach dem begeisternden 3:2 im Achtelfinale gegen den hohen Favoriten Borussia Dortmund gerade Interviews geben, diesen Moment wollten die Protagonisten eines mitreißenden Abends aber genießen. Ein Blick in die Augen, eine Umarmung, ein Klaps auf die Schulter – dann erst erklärten die Fußballer, was eigentlich kaum zu erklären war.

Die Erklärungen

Ein total verunsichertes Bremen, in der Bundesliga tief im Abstiegskampf, hatte ein selbstbewusstes Dortmund, das von der Meisterschaft träumt, nicht nur besiegt. Es war in den ersten 45 Minuten sogar besser, zweikampfstärker, zielstrebiger. „Die erste Halbzeit war brillant, das habe ich der Mannschaft in der Kabine gesagt“, schwärmte Florian Kohfeldt. Auch für den zuletzt immer stärker in die Kritik geratenen Coach war es ein Abend der Befreiung.

„Manchmal versuchst du alles, aber der Ball will nicht rein. Heute haben wir super Tore erzielt“, meinte Rashica, der in der 70. Minute zum 3:1 traf. „Wir haben gezeigt, dass wir Qualitäten haben“, sagte Bittencourt, Traumtor-Schütze zum 2:0 (30. Minute) – und forderte für die nächsten Wochen: „Weniger reden, mehr machen muss das Motto sein.“ Kapitän Niklas Moisander, der sich in den ersten 45 Minuten mehrmals offensiv einschaltete, betonte: „Wir wussten, dass unsere einzige Chance ist, mutig zu spielen. Wir haben unseren Mut wiedergefunden.“

Die Trainer-Lobrede

Bittencourt, der auf der rechten Seite ackerte und grätschte, wo es nur ging, sowie die Fans mehrmals emotional anheizte, nutzte die Gelegenheit, um für seinen Trainer eine Lanze zu brechen. „Ich ziehe den Hut vor Flo“, meinte der 26-Jährige. Wie der Coach die Mannschaft einstelle, „und das vor jedem Spiel“, sei hervorragend. „Die Ansprache vor dem Spiel war super. Er hat die richtigen Worte gefunden, die haben uns befreit“, meinte Bittencourt. Was Kohfeldt gesagt habe? „Das kann ich euch doch nicht sagen“, grinste er in die Journalistenrunde.

Die Umstellungen

Ein Grund, warum Werder wie ausgewechselt im Vergleich zu den faden Liga-Vorstellungen aufspielte, waren auch die Umstellungen durch Kohfeldt in der Startelf. Dass Maximilian Eggestein im zentralen defensiven Mittelfeld neben Davy Klaassen arbeitete und dafür der zuletzt blasse Nuri Sahin auf die Bank musste, erwies sich als goldrichtig. Dass Yuya Osako zusammen mit Rashica und dem dritten Torschützen Davie Selke (16.) ein Angriffstrio bildete, tat Werder ebenso gut. Und dass der auf der linken Seite zurück ins Team gerückte Marco Friedl sein wohl bestes Spiel im Trikot der Bremer machte, passte zu diesem speziellen Abend. Für Kohfeldt war aber ein anderer Faktor entscheidend: „Wir haben unseren Fußball wiedergefunden“, freute sich der Trainer, der nach dem Abpfiff mit geballten Fäusten in Richtung Werder-Fans rannte, über die gelungenen Spielzüge auch in der Offensive: „Wir haben unseren Fußball gespielt und gezeigt, was wir können.“

Die Einordnung

Bei aller berechtigten Erleichterung versäumten es die Bremer nicht, den Sieg sachlich einzuordnen und die Euphorie zu bremsen. „Für die Bundesliga hat uns das tabellarisch nichts gebracht. Da sind wir in einer dramatischen Situation“, sagte Kohfeldt. „Gegen Berlin wird es viel schwieriger“, mahnte Bittencourt mit Blick auf das wichtige Heimspiel an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den Aufsteiger Union. Gegen die Dortmunder war Werder klarer Außenseiter und konnte recht befreit aufspielen. Gegen die „Eisernen“ sind die Bremer indes Favorit, müssen wohl das Spiel selbst gestalten und sind zum Siegen verdammt, um Boden im Abstiegskampf gutzumachen. „Das wird ein komplett anderes Spiel“, warnte Kohfeldt, während der in der Endphase überragende Torwart Jiri Pavlenka hoffte, Positives aus dem Überraschungscoup mitnehmen zu können. „Das war heute sehr wichtig für unser Gefühl. Jetzt brauchen wir unbedingt drei Punkte“, forderte der Tscheche.

Der Wermutstropfen

In all den Jubel mischten sich Sorgen, dass erneut ein Leistungsträger ausfallen könnte. Last-Minute-Zugang Selke zeigte in Halbzeit eins, wie wichtig er für Werder in der Rückserie werden kann. Selke spielte körperbetont, ging giftig in die Zweikämpfe und stand beim 1:0 da, wo ein Mittelstürmer stehen muss. Nach 49 Minuten musste der Ex-Berliner jedoch verletzt raus. „Der Hüftbeuger hat zugemacht“, sagte der 25-Jährige. Er habe kein Risiko eingehen wollen. Sportchef Frank Baumann glaubte zwar an „keine schlimmere Verletzung“, ein Einsatz Selkes am Samstag steht aber auf der Kippe. „Mein Gefühl ist, dass es für das Union-Spiel eng wird“, konstatierte Baumann. Der Verein konnte auch am Mittwoch noch keine Prognose abgeben, ob Selke ausfällt. Gerade gegen die defensiv zu erwartenden Berliner würde der Angreifer dem Bremer Spiel im Zentrum extrem fehlen.

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Lars Blancke Redakteur / Sportredaktion
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