Seghorn /Bockhornerfeld Die alte Blechdose seiner Großmutter Anna Brunken war Jan Meyer immer ein Geheimnis. Keiner wusste, was darin war. Sie hütete sie wie einen Schatz und bei jedem Gewitter hielt sie die Blechdose fest umklammert. Erst 30 Jahre nach ihrem Tod fand Jan Meyer die Dose auf dem Dachboden seines Hauses in Bockhornerfeld und sollte erfahren, was sich in der alten Dose befand: ein Feldpostbrief vom August 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges.

17 Millionen Tote

Im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) fielen fast zehn Millionen Soldaten; die Anzahl der zivilen Opfer wird auf weitere sieben Millionen geschätzt. Im Deutschen Reich leisteten 13,25 Millionen Männer Militärdienst, davon starben zwei Millionen. Der Krieg hinterließ dramatische Lücken in der Bevölkerung Deutschlands und erzeugte eine große soziale Not bei Kriegswaisen und -witwen.

Für die Serie zum Ersten Weltkrieg sucht die Redaktion des Gemeinnützigen Zeugnisse, Dokumente, Fotos, Tagebücher und Erinnerungen. Kontakt: Tel. 04451/99 882 500 oder E-Mail an red.varel@nordwest-zeitung.de

Geschrieben hatte den vierseitigen Brief Unteroffizier Berger, der Kamerad ihres Mannes Bernhard Brunken. Er teilte ihr mit, dass ihr Mann bei einem Angriff der Engländer auf dem Schlachtfeld in der Picardie in Nordfrankreich gefallen ist. „Ein mörderisches Artilleriefeuer stampfte das ganze Gelände nieder“, berichtete er. Bernhard Brunken habe am Nachmittag gemeinsam mit drei Kameraden Deckung gesucht – vergebens. „Ihr werter Mann ist an dem Tage ein Opfer fürs Vaterland geworden“, schrieb der Unteroffizier. Er habe dem schwer Verwundeten nicht mehr helfen und ihn auch nicht vom Schlachtfeld bergen können. „Wir mussten das Gelände den Tommies überlassen“, schrieb er. Er könne jetzt nur noch eins für ihn tun, ihr seine letzten Worte ausrichten: „Sag meiner Frau, dass ich sie sehr lieb gehabt habe.“

Dieser Brief vernichtete den Lebenstraum der damals 30-jährigen Anna Brunken. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem ältesten von vier Brüdern, hatte sie seinen Bauernhof in Seghorn bewirtschaftet. Nach seinem Tod musste sie mit der gemeinsamen Tochter Klara, die damals vier Jahre alt war, den Hof verlassen.

Die junge Witwe kam zunächst bei ihren Eltern in Grünenkamp unter, fand aber schon bald eine Stelle, um sich und ihre Tochter selber ernähren zu können. Sie arbeitete als Hauswartin und Handarbeitslehrerin an der Grundschule Grünenkamp. 20 Jahre lang wohnte sie in der kleinen Schule, bis der Zweite Weltkrieg ihren Einsatz forderte. Als ihr Schwiegersohn Anton Meyer eingezogen wurde, zog sie zu Tochter Klara und den drei Enkeln nach Bockhornerfeld, um auf dem Bauernhof zu helfen.

„Die beiden Kriege haben sie unerschrocken werden lassen“, erinnern sich ihre Enkel an die Großmutter. „Wenn der Ortsgruppenleiter auf den Hof kam und anordnete, dass unser Mädchen Eva aus Polen und Jan, der Franzose, nicht mit uns am Tisch sitzen dürfen, bekam er von unserer Oma die passende Antwort“, erinnert sich Jan Meyer: „De arbeit för us, de eet mit us und dormit basta.“ Niemand wagte, der resoluten Frau zu widersprechen.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 lebte Anna Brunken auf dem Bauernhof an der Dorfstraße in Bockhornerfeld. Geheiratet hat sie nie wieder.


Mehr Infos unter   www.nwzonline.de/erster weltkrieg 
Traute Börjes-Meinardus Varel / Redaktion Friesland
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.