Sonntag, 30. November 1941 Sehen des öfteren Flieger und tauchen bis zum Dunkelwerden 4mal vor Flugzeugen - und Booten. Kommen schnell an die Gibraltarstraße heran. Am Nachmittag im Westen mehrere Rauchfahnen wie Geleitzug. Nach 1 ½ Std. Jagen stellt sich heraus: Bewacher, der wie üblich „pupt“. Also zurück nach SO.-

Kommen gut voran. Absicht: Soweit wie möglich in die Straße über Wasser rein, dann evtl. wegen der Mondhelligkeit tauchen und bei dem ziemlich starken Strom getaucht durchlaufen. Es kommt anders. –

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Bin während des Tages fast immer auf Brücke gewesen und habe 3x zuerst Flieger entdeckt. Bin auch nach Dunkelwerden oben. Immer noch Flieger! Tauchen einmal kurz weg und laufen dann mit 2x HF (Halbe Fahrt) weiter, Kurs Ost. Die Spanische Küste an Bb (backbord), die Afrikanische an Stb (steuerbord) liegen höchstens noch 3 sm (Seemeilen) ab. Eigenartig, erst an Bb, dann später auch StB, anscheinend an Land ein eigenartig glitzernder Gegenstand, wie ein Tannenbaum zu sehen, als wir näherkommen. Ebenso komisch ist plötzliches Erscheinen beleuchteter Fahrzeuge unter der afrikanischen Küste! Gegen 22 genau achteraus Blinken eines Bewachers! Müssen zum 2.mal während dieser Nacht tauchen vor Flieger. Es ist unheimlich hell! Vollmond! Wolkenlos. Stehe selbst auf der Brücke, um die Küste zu betrachten. Außer der Wache (2. Wache, der kleine Hermännchen – Wittmann – Hass -Melchert) ist der Kdt selbst auch mit oben. Diese sagenhafte Helligkeit ist sehr unangenehm!

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

22 35 Uhr sieht Melchert dicht, sehr dicht Doppeldecker genau achteraus, Lage O°! „Alarm“! Es fällt alles nach unten, steige vor Hermännchen + Kdt. ein und lasse mich in den Turm rechtsraus fallen. Kdt., auf der Brücke, noch vor dem Einsteigen, befiehlt schon „Fluten“. 5 war schon vorgeflutet! 3 rauscht gerade. Sehe, wie der Kdt. sich ans Luk hängt, in diesem Moment kriegt das Boot einen unheimlichen Schlag. Dem Kdt. wird das Luk erst aus der Hand nach oben gerissen, dann umso stärker zugeworfen. Noch während er zudreht, wenige Bruchteile von Sekunden nach der Detonation, eine zweite ebenso heftige! Nun geht alles Licht aus!

Habe selbst keine eigentliche Empfindung und weiß nur, jetzt mußt du ins Boot runter und sehen, was alles ausgefallen ist und was zu machen ist. Also in die Zentrale. Dengel hat Gottseidank Lampen klar und läßt die Tiefenruder umschalten auf Hand. Können das Boot halten. Es stinkt im Boot nach Pulverqualm. Ausfälle sind wesentlich! Alles Licht! Beide E-Maschinen vorübergehend, solange Batterie Hpt Schalter ausgefallen. Im U-Raum stinkt es nach ausgelaufener Säure. Neben WC, anscheinend Treibölbunker, der Druck hat, starkes Zischen von eindringendem Wasser. Lautsprecher natürlich unklar. Im Heckraum reißt eine Leitung von außenbords ab. Heftiger Wasserstrahl hinter Hi Schalttafel 1a. Notzuluftventil springt und bleibt auf. Natürlich kommt aller Mist und alles was irgendwie nicht ganz absolut fest gehaltert ist, von oben. Farbe natürlich auch in Mengen. Die Leute verhalten sich ruhig und richtig. In der Kombüse sprang bei den Bomben das Luk auf und machte Wasser am ganzen Umfang. Katter, sehr beherzt und kaltblütig, springt ran und zieht die Sicherungen nach. Im Vorschiff selbst keine wesentlichen Ausfälle.

Banges Warten: Szene mit Jürgen Prochnow als Kommandant (mit weißer Mütze) und Klaus Wennemann als „LI“ (rechts daneben) aus dem Film „Das Boot“. (Bild: dpa/Copyright KPA)

Nach Minuten der ersten Überraschung läßt sich die Lage des Bootes einigermaßen übersehen. Die Elektrik hat die zahlreichsten Ausfälle. Aber Gottseidank ist die FT mit den Röhren und sonstigen feinempfindlichen, aber gut erschütterungsfrei aufgehängten Geräten ziemlich, ja, sogar sehr gut dabei weggekommen.

Was klarzumachen geht, wird klargemacht. Scherben bleiben zunächst liegen.

Schon nach 30 Minuten, um 23 00 Uhr Auftauchen, da im GHG (Horchgerät), das z.T. noch arbeitet, keine Geräusche in unmittelbarer Nähe zu hören sind. Kurs auf Küste 23 15, Flugboot mit Laternen Alarm! Sind stark vorlastig. Fallen durch. Anblasen nutzt nichts! Fallen weiter. Plötzlich heftiger Stoß. Sind auf Grund T=80 m. Weiter Störungen beseitigen. Friessner macht Kreisel klar, d.h. er wechselt Sicherungen aus, Mutter ist klar und läuft richtig! Steuern aus Heckraum nach Anweisung aus Zentrale. Bleiben erstmal unten liegen.

23 48 Auftauchen. Lenzen mit allen Pumpen! Ölspur! – Verdichter müssen Druckluft pumpen. Stellt sich heraus: Beide Fundamente glatt durchgerissen! Stützen gegen Decke mit Balken. 23 55 Flugboot wieder zu sehen. Stoppen, zeigen schmale Silhouette. Sieht uns zunächst nicht.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

U 96 ist um 22.35 Uhr auf Höhe und in relativer Nähe von Kap Spartel. Der marokkanische Küstenstreifen ist der südliche Eingangspunkt zur Straße von Gibraltar, dem nordwestlichstem Zipfel Afrikas. Sechzig Kilometer ostwärts beschließt der englische Kriegshafen Gibraltar die Meerenge im Norden, das spanische Ceuta im Süden. Sie misst vor Kap Spartel 44 Kilometer Breite, an ihrem engsten Punkt kurz vor Gibraltar nur 14 Kilometer.

Der Plan des „Kaleun“, zunächst bei relativer Breite möglichst viele Kilometer bei maximaler Geschwindigkeit im Überwassermarsch zu machen, um sich dann in der Enge des Straßenhalses durchsacken zu lassen, wird durch den Doppeldecker verhindert. Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock kann nicht wissen, dass dieser mit der gerade erst entwickelten englischen Radartechnik ausgestattet ist. Sie ermöglicht Anflüge in großer Höhe, unsichtbar für das U-Boot, um dann im letzten Moment auf den Gegner hinab zu stoßen.

In der Regel wurden bei diesen Angriffen die U-Boote vernichtet. Es existiert kein Augenzeugenbericht eines überlebenden U-Boot-Fahrers einer solchen radargestützten Flugattacke. Mit Ausnahme des Zeugnisses von U 96. In einer Nachkriegserinnerung schreibt der Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock: „Ich hörte das Brummen und dachte, es sei eine fernab heimfliegende Maschine.“ Was er tatsächlich hört, ist der Anflug des Doppeldeckers in großer Höhe.

Als dieser hinunterstößt, ist er auch schon hinter dem UBoot, „dicht, sehr dicht“, wie Friedrich Grade schreibt.

Der „LI“ und die Brückenwache verschwinden sofort, nicht aber der Kommandant, der doch eigentlich schon den Befehl zum Tauchen gegeben hat, „fluten“.

Maximal 22 Sekunden braucht U 96 laut den privaten Tagebüchern Friedrich Grades im schnellsten Fall, um von der Oberfläche zu verschwinden. Der Kommandant hat zwischen „Alarm“ und Verschwinden also etwa die Hälfte, zehn Sekunden, Zeit. Keine Sekunde zu spät hat er sich entschieden.

Die Mannschaft bleibt ruhig: „Die Leute verhalten sich ruhig und richtig“, notiert der „LI“. Er selber „habe keine eigentliche Empfindung“ und kümmert sich um die technische Lage im Boot. Auch beim Kommandanten dominieren nicht persönliche Gefühle: „Unser Befinden spielt dann auch nicht die Rolle“, schreibt er nach dem Krieg. In der üblichen Stellungnahme des „Befehlshabers der U-Boote“, die dieser über jedes Boot und jede Feindfahrt verfasste, heißt es: „Besonders hervorgehoben wird das ruhige und sichere Arbeiten der Besatzung nach den schweren Fliegerbomben am 30.11. gez, Dönitz.“

Recht schnell taucht U 96 wieder auf – sowohl in zeitgenössischer Realität als auch im Roman „Das Boot“. Jetzt folgt die entscheidende Veränderung. In der Realität sackt „Das Boot“ kurz vor Mitternacht dieses 30. November zwar durch und stößt auf Grund, laut Tagebuch von Friedrich Grade in „T=80 m“. Doch schon eine halbe Stunde später, um 23.48 Uhr, gelingt das Auftauchen erneut.

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Im Buch geht es stattdessen melodramatisch auf Tiefe: „Der Zeiger steht auf der Zahl zweihundertachtzig. Ich starre den Zeiger an, als würde ich es selber nicht glauben: zweihundertachtzig. So tief war noch kein Boot.“ Und so lange lag auch noch keines auf dem Grund eines Meeres. Im Bestseller „Das Boot“ wird U 96 nach 24 Stunden wiederauftauchen.

In der Realität ist erst der dritte Tauchgang von U 96 nach den Bombentreffern der längste. Unmittelbar nach Mitternacht wird er vollzogen. Das private Tagebuch Friedrich Grades wird morgen exklusiv in dieser Zeitung darüber berichten.