Sonntag, 23. November 1941 Nun erwägen wir die Möglichkeit, evtl. in Bernardo auszusteigen und sich von da nach St. Naz. (Saint Nazaire) auf den Weg zu machen. Das wird schwierig sein. Aber möglich müßte es sein! Es wäre ja so schön, wenn ich doch noch zu Weihnachten zuhause wäre! Zwischen Hoffen und Zweifel verbringe ich den Tag.

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Die FT´s (Funktelegramme) „M-Offizier“ werden seit gestern nicht alle. So erfahren wir, daß wir zur Entlastung der Tobruk oder Nordafrika-Front eingesetzt werden sollen. Nach unserer Meinung und Kenntnis werden sämtliche Boote ins Mittelmeer verfrachtet.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Code „Bernardo“, Ausstiegswunsch, Weihnachten, neue Funktelegramme, neue Inhalte. Heute vor 75 Jahren niedergeschrieben an der „Back“ der Offiziersmesse oder in der Koje von U 96. Sätze mit Bleistift auf karierten Seiten in einem dunkelgrünen Oktavheft.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Dessen Zustand ist erstklassig, wie auch der der anderen zumeist schwarzen Oktavhefte der ersten sechs Feindfahrten von U 96. Der Zustand der Hefte deutet darauf hin, wie sorgfältig der „LI“ Friedrich Grade mit ihnen umging. Offenbar nahm er sie nur für den täglichen Eintrag in die Hand. Denn im Gegensatz zu den Tagebuch-Oktavheften sind die Technik-Oktavhefte, die der Leitende Ingenieur bei sich trug und die ebenso erhalten sind, abgegriffen und durchblättert, sichtlich abgenutzt.

Ein Satz wie der von heute, „Nach unserer Meinung und Kenntnis werden sämtliche Boote ins Mittelmeer verfrachtet“, ist wie viele Borddetails des privaten Tagebuches Friedrich Grades von großer Brisanz. Denn die Information darüber haben exklusiv er, der Kommandant und die zwei weiteren Offiziere über „M-Offizier“ erhalten, den supergeheimen Funkschlüssel, der ausschließlich für Offiziere bestimmt ist.

Im Gegensatz zu normalen Funktelegrammen (FT), die vom Bordfunker entschlüsselt wurden, waren „M“-Telegramme an U 96 im Wesentlichen der Schiffs- und Flottillen-Führung und dem Admiralsstab des „Befehlshabers der U-Boote“ vorbehalten. Diese Art der Funktelegramme hatte sogar ein eigenes Vernichtungsverfahren: Bei geringster Wasserberührung lösten sie sich sofort auf. Das papierne Tagebuch des Friedrich Grade hätte sich bei Wasserkontakt dagegen nicht sofort aufgelöst.

Im April 1940 waren beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Dänemark und Norwegen geheime Informationen von Bord eines U-Boots in die Hände der Alliierten gelangt. Damals waren sämtliche U-Boote der Kriegsmarine aus dem Atlantik abgezogen und als Vorpostenboote entlang der norwegischen Küste stationiert worden. Ein U-Boot wurde gebombt und die auf einer Karte verzeichneten Standorte der deutschen U-Boote fielen den Engländern in die Hände – woraufhin diese die gezielte Jagd einleiteten.

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Das Tagebuch Friedrich Grades in „Feindeshand“ hätte England für den Nordatlantik „freie Fahrt“ seiner Geleitzüge gemeldet und für Gibraltar höchste Alarmstufe für die englische U-Boot-Bekämpfung. In diesem zeitgenössischen Zusammenhang müssen die uns heute so harmlos anmutenden Sätze verstanden werden, die Codename, Fahrtgrund, Fahrtziel und allgemeine U-Boot-Lage verraten.

Das menschlich einzig erklärende Motiv für diese selbstmörderische Offenheit – hier drohte wegen „Geheimnisverrats“ die Todesstrafe – findet sich in einem Tagebuch-Satz der ersten Feindfahrt von U 96, am 9. Dezember 1940. Dort schreibt Friedrich Grade: „Mein Fell ist so dick und stramm!“