Ein Grund Zum Feiern
Im Heimathafen

Im Film wird das U-Boot nach dem Einlaufen beschossen und sinkt. In der Realität endete die Fahrt mit einer Ehrung des Kriegsberichters Lothar-Günther Buchheim.

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Samstag, 6. Dezember 1941 Sind schon morgens vor „N1“. Nebel! Verfehlen zunächst den Punkt nach N, finden ihn gegen 10 30. Vorpostenboote stehen schon da. Wollen uns holen, Machen ihnen aber rüber, daß wir auf Flachsenberg warten, der heute mit einlaufen soll, und daß wir FT (Funktelegramm) haben, um 17 Uhr Geleit zu laufen. Legen uns auf Grund. Sehr felsig auf 31 m! Rumsen äußerst stark. Fürchte für das Boot. Unhaltbar auf Grund wegen Strömung. Auftauchen und laufen 1-2 sm (Seemeilen) ab auf Sandboden. Bleiben da bis 15 30 liegen.

Lesen Sie auch:Weitere Hintergrundartikel im „Das Boot“-Spezial von NWZonline.de

Mittags Offz.-Besprechung! Feierlichst wird PK (Buchheim) die „Führung“ übergeben. Anschl. Cocktail, selbst gemixt aus Rum, Sirup und Zitronenextrakt. Mit Geleit Einlaufen. Jäger begleiten uns und sichern. Packe meine Sachen in den Koffer. Reicht aber nicht. Schleuse gegen 18 30. Müssen 5 Minuten davor warten. OT („Organisation Todt“) in Unmengen. Machen Mordslärm. – Flo-Ing (Flottillen-Ingenieur) Sattler ist schon weg. Kptl. Schulz (U 71) ist Vertreter, bis Ehrhard da ist. Vatti Römer und Niewerth sind da. Post kommt an Bord. Mit v. Freeden und Kdt. ins „Celtic“-Hotel. Sehr schönes Zimmer. Nach dem Essen im „Majestix“ in die Badewanne. Bart fällt endlich.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Ähnlich dem Ritual der Äquatortaufe ist dem „Badegast“ und Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim am Ende der 7. Feindfahrt von U 96 „die Führung“ des Bootes mit einem Cocktail symbolisch übergeben worden. Eine Geste der Anerkennung unter Offizieren: Der „PK“-Mann und Leutnant zur See Buchheim ist jetzt „einer von ihnen“, ein U-Boot-Mann geworden.

Auch aus dieser symbolischen Ehrung in der Mittagsrunde dieses 6. Dezember 1941 leitet Lothar-Günther Buchheim eine quasi lebenslange Deutungshoheit des U-Boot-Krieges im Zweiten Weltkrieg ab. U 96 und dessen 7. Feindfahrt vom 27. Oktober 1941 bis zum 6. Dezember 1941 werden dabei stets im Mittelpunkt stehen.

Der Anfang wird sofort gemacht: Mit Bildern, Fotografien, Artikeln und dem Buch „Jäger im Weltmeer“ (1943). Dieser Anfang folgt in der Ästhetik der Bilder und der Wortwahl der zeitgenössischen NS-Propaganda zum U-Boot-Krieg, deren Teil der „PK-Mann“ Buchheim ist.

Dann wird es eine Weile still, bis August 1973. „Ein Buch wie ein Orkan“ wird der Roman „Das Boot“ angekündigt, und sein weltweiter Erfolg macht es zum Bestseller. Auch inhaltlich gestaltet Buchheim die 7. Feindfahrt von U 96 zu einem Orkan um, der Personen und Geschehnisse aus der zeitgenössischen Realität hinwegspült und eine neue Fiktion erschafft.

Mit am deutlichsten wird das an diesem Tag, dem 6. Dezember 1941: In Buch und Film „Das Boot“ läuft U 96 in La Rochelle ein und wird durch einen plötzlichen Fliegerangriff im Hafenbecken zerstört. Der Kommandant sieht in der letzten Szene das Boot sinken und bricht dann selbst tot zusammen.

In Wahrheit wurde kurz vor dem Einlaufen in St. Nazaire auf den Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim feierlich angestoßen.

Die Kraft seiner Worte und seine Fantasie ließen später die Fiktion zu einem allgemein gültigen Bild des U-Boot-Krieges in Deutschland werden. Der Anspruch Buchheims auf Deutungshoheit spiegelt sich im Bestseller „Das Boot“, in seinen Bildbänden zum U-Boot-Krieg, im Film „Das Boot“ und in den Folgeromanen „Die Festung“ und „Der Abschied“ wider. Vermutlich wird die Neuverfilmung von „Das Boot“ von den Bavaria-Filmstudios und dem Bezahlsender Sky die Fiktion von U 96 als „Das Boot“ in ein oder zwei Jahren fortsetzen.

Dank des privaten Tagebuches des Leitenden Ingenieurs von U 96, dem damaligen Oberleutnant zur See (Ing.) Friedrich Grade, das diese Zeitung genau 75 Jahre nach der 7. Feindfahrt exklusiv abgedruckt hat, können wir nun zeitgenössische Realität und Nachkriegs-Fiktion recht gut voneinander unterscheiden.

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Vor allem verstehen wir, wie wörtlich Lothar-Günther Buchheim den „Führungs“-Akt dieses 6. Dezembers 1941 vor genau 75 Jahren nahm: Im Roman entwickelt er sich als Ich-Erzähler zum leibhaftigen U-Boot-Fahrer, wie die Propaganda ihn erfand: ohne Angst und Zögern.

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