Samstag, 1. November 1941 Stoßen nun nach, finden bis zum Hellwerden jedoch nichts. Gegen Mittag ist der Geleitzug wieder da. Sehen sogar die Mastspitzen. Ab und zu taucht ein Zerstörer voraus auf, dem wir ausweichen. Bleiben schön am Geleitzug und funken die Fühlungsmeldungen an den BDU. Soweit alles o.k. Wollten vielleicht noch bei Tage ran und schießen, aber die Schiffe laufen jetzt so schnell, daß an ein schnelles Verfolgen kaum noch zu denken ist. So verlassen wir uns auf die Dämmerung, die gegen 20.30 eintritt.

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Gegen 19 Uhr „Auf Tauchstationen!“ Der neue Matrose Rost hat nicht aufgepaßt und einen Zerstörer nicht gesehen. Nun versuchen wir mit AK (Äußerste Kraft voraus) abzulaufen. Gelingt nicht, der Verfolger ist schneller und kommt schnell über die Kim. Kdt beschließt Angriff! Auf Seerohrtiefe laufen wir nun, um in Angriffsposition zu kommen. Bis Lage 60° auf 3000m Entfernung kommt er mal, da dreht er zu und so bleibt es. Bis auf 500m kommt er ran und dreht genau auf uns zu. Kdt fährt das Seerohr ein und ruft runter: „Schnell runter! Alles klar!? Gleich kommt der Segen!“

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Und wir sind noch nicht auf 20m. Oha! Das kann ja heiter werden! Mit „Alle Mann voraus“ kippt das Boot aber schnell an. Und es geht. Auf T=50 kommt der erste Segen, 2 Stck nur! Na, der hat wohl nicht mehr da?! Dann fallen 3 Echolote oder sowas. Dann wieder in größerer E (Entfernung) einige Wabos (Wasserbomben). Aber es ist nicht so schlimm. Der Zerstörer bleibt immer hinten dran. Aha! S-Gerät (Sonar) hat er auch, das er sparsam benutzt. Kdt befiehlt nun, dass achtern „geflutet“ wird. Mache das. – Bis 21 Uhr sind wir auch diesem „Komischen Vogel“ entwischt!

Aber da, beim Auftauchen plötzlich und überraschend Geräusche in 50°, die schnell lauter werden. Wandern nach vorn aus, dann schneller nach Bb (Backbord) und achtern. Haben keine nähere Erklärung. Als die Horchortung nach 1 Stunde leise geworden ist, tauchen wir vorsichtig auf und laufen ab. Der Zerstörer ist wenig zu sehen. Vor uns werden in diesem Augenblick Sterne geschossen. Laufen also schnell hin. Bei hellem Mondschein ist die Sicht gut. Hatten nachmittags FT gemacht von „müder Sicherung“. Machen nun schlicht an BDU „Abgedrängt! Stoßen nach in 200°!“

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

„Wabos!“ Der Ruf lässt in Buch und Film „Das Boot“ das Blut gefrieren: Schweiß, Entsetzen, Todesangst, Gebrüll, Nervenversagen. Die Macht der entsetzlichen Film-Bilder hat die Wahrnehmung des U-Boot-Krieges geprägt.

Friedrich Grade und die Crew von U 96 erlebten die Verfolgung durch gegnerische Kriegsschiffe und den Einsatz von Wasserbomben anders, wie das private Tagebuch des Leitenden Ingenieurs veranschaulicht, das diese Zeitung exklusiv veröffentlicht.

Die „Wabos“ hätten „uns garnichts gemacht. Nur leicht geschüttelt!“, schreibt der „LI“. Selbst nach den schweren Bombentreffern bei Gibraltar, durch die U 96 beinahe versenkt wurde, wird Friedrich Grade am 30. November notieren: „Die Leute verhalten sich erfreulich ruhig und reagieren richtig.“

Dank der privaten Tagebücher Grades ist eine einzigartige Stimmungs-Schilderung einer schweren, mehrstündigen „Wabo“-Verfolgung erhalten. Am 22. Februar 1941 heißt es:

„Der Zerstörer läuft nun ab und sucht weiter. Wir drücken uns, wenn seine Geräusche näher kommen, mit hart Steuerbord oder hart Backbord an die andere Seite. Herrgott, das geht doch mit der Zeit auf die Nerven. Man hockt hier bei ganz anormalen Umständen mit viel zu schwerem und dauernd noch schwerer werdendem Boot in großer Tiefe und kann nur hoffen, daß die Wabos nicht treffen. Hundsgemein ist das. Einigen Leuten ist ihr Unwohlsein doch anzusehen. Bleich und bedrückt harren sie der Dinge, die da noch kommen können. Und sie kommen weiter. Ganze Ketten von je 6 Wabos werden nun geworfen aber – wir danken dem Schicksal, das es gut mit uns meint – in größerer Entfernung, vielleicht 100 – 200 m ab. Immerhin aber doch nahe genug, daß einige Stopfbuchsen dabei leck werden.“

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Unwohlsein ja, Panik und Lautstärke offenbar nein. Ruhe und Konzentration sind in der Gefahrensituation lebenswichtig. Denn U-Boote können beim leisesten Geräusch geortet werden. So ist auch die lebenswichtige Befehlskette im Wasserbombeninferno eine Flüsterkette. Sie verbindet die Zentrale in der Bootsmitte, wo sich der Kommandant und die Offiziere aufhalten, mit den Unteroffizieren der einzelnen Abteilungen im vorderen und hinteren Schiffsbereich.

Unmittelbar nach der Uraufführung der Kinofassung von „Das Boot“ (1981) sagte der ehemalige Obersteuermann und spätere U-Boot-Kommandant Alfred Radermacher in einem Interview: „Bei Wabo-Angriffen wurde das Boot längst nicht so stark geschüttelt. Und Angst-Schreiereien und Panik unter völlig durchgedrehten Männern gab es schon gar nicht. Das hätte sich der Kommandant gar nicht gefallen lassen, wir haben in solchen Situationen nur geflüstert oder lagen mucksmäuschenstill in der Tiefe.“

Friedrich Grade bestätigt das im exklusiven Interview: „Erregung oder Aufregung gab es nicht. Hätte der Alte bei einem Neuen so etwas bemerkt, zum Beispiel bei Buchheim, hätte er sich ihn zur Brust genommen, um kein falsches Bild an die Mannschaften zu geben.“

Lothar-Günther Buchheim, Autor des Bestsellers „Das Boot“, ist vor genau 75 Jahren als Kriegsberichterstatter neu an Bord von U 96. Auch er reagiert bei seinem ersten „Wabo“-Angriff nicht panisch, sondern „zuckt“ mit den „Neuen deutlich sichtbar zusammen, wenn es bummst“, notiert Grade am 31. Oktober.

Seinen späteren Lesern präsentiert Buchautor Buchheim in „Das Boot“ indes eine andere, fiktionale Stimmung aus Schweiß, Todesangst und Gebrüll.

Der Höhepunkt ist der Nervenzusammenbruch des Dieselmaschinisten „Johann“: „Der Dieselobermaschinist ist inzwischen durch den Schottrahmen gestiegen und steht nun, den Tauchretter in der Hand, halb hinter den Sehrohrschacht geduckt, in der Zentrale. Er zeigt sein Gebiß, als wolle er einen Affen nachmachen, hell leuchten seine Zähne aus seinem dunklen Bart. Zum „Hihihi“ kommt ein stoßartiges Schluchzen.“

„Johann“ hieß „Johannsen“ mit Nachnamen und war tatsächlich Obermaschinist an Bord von U 96. In einem Nachkriegs-„Vermerk“ zu den offiziellen Kriegstagebüchern hebt der ehemalige Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock in Erinnerung an die 7. Feindfahrt den „LI“ „Fritz“ Grade, dessen Nachfolger Dengel, den 2. Wachoffizier Herrmann, den 3. Wachoffizier Radermacher und den Obermaschinisten Johannsen hervor: „Nicht zu vergessen: der Dieselmaschinist, Obermaschinist Johannsen, der nach einer weiteren Reise Ing Offz wurde, später mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde und auch Krieg und Gefangenschaft überlebte.“

Dreißig Jahre später errichtete ihm der Autor Lothar-Günther Buchheim ein gegenteiliges Denkmal. Wie auch seine „Wabo“-Schilderungen offenbar in einiger Distanz zur Realität an Bord stehen.

Mit den privaten Tagebüchern Friedrich Grades, dem letzten Augenzeugen von U 96, ist erstmals der Vergleich zwischen der Realität an Bord und der späteren Fiktion in Buch und Film „Das Boot“ möglich.