Montag, 24. November 1941 Mache FT (Funktelegramm) an BdU (Befehlshaber der U-Boote) wegen Bernardo und frage Aussteigemöglichkeit PK (Buchheim) an. Antwort läuft gegen 20 Uhr ein. Aussteigen nicht möglich. Also mit Weihnachten und Neujahr ist nichts!

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„Mohr“ (33er / interne Bezeichnung für den Eintrittsjahrgang in die Reichs- beziehungsweise Kriegsmarine) hat möglicherweise Kreuzer „D“-Klasse im Südatlantik versenkt.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Es ist der Moment kurz nach dem Kursbefehl Richtung Mittelmeer mit Versorgung in „Bernardo“, dem geheimen U-Boot-Versorgungsstützpunkt im spanischen Vigo. Im Bestseller „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim und im gleichnamigen Film erzählt der „Alte“ von der Ausbombung der Familie des Leitenden Ingenieurs in Rendsburg, von der unmittelbar bevorstehenden Niederkunft von dessen Ehefrau: „Die ist schon mal bei ner Geburt fast draufgegangen. Da war das Kind tot.“

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Eine Stunde später nimmt der Kommandant den Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim beiseite: „Ich will Sie in Vigo absetzen – Sie und den LI“. Den Einspruch Buchheims bügelt der „Alte“ ab: „Machen Sie nicht in Heroismus. Ich knoble noch am Funkspruch.“

Der Kriegsberichter Buchheim also, der quasi vom Kommandanten gezwungen werden muss, U 96 zu verlassen als Begleitung für den Leitenden Ingenieur in tragischen Privatumständen.

Das Melodrama um die Ausbombung und die Risikoschwangerschaft der Ehefrau ist jedoch frei erfunden.

Der echte Leitende Ingenieur von U 96, Friedrich Grade, dessen privates Tagebuch der 7. Feindfahrt diese Zeitung exklusiv veröffentlicht, lebt mit seiner Frau im Jahr 1941 nicht in Rendsburg, sondern in Eckernförde. Weder sind die Grades ausgebombt worden noch haben sie ein Kind verloren. Am Vorabend der 7. Feindfahrt von U 96, auf Heimaturlaub im Oktober 1941, hatte der „LI“ zwar von der zunächst problematischen ersten Schwangerschaft seiner Frau erfahren, die im November 1941 aber kein Problem mehr ist. Das erste Kind der beiden kommt im April 1942 gesund zur Welt.

Zudem funkt nicht der Kommandant das Ausschiffungs-Gesuch an den BdU, sondern Friedrich Grade persönlich, wie wir aus dem Tagebuch-Eintrag vom 24. November 1941 erfahren. Im offiziellen Kriegstagebuch (KTB) von U 96 sind sämtliche Funktelegramme mit Uhrzeit und Unterschrift des Kommandanten verzeichnet. Um 11.54 Uhr dieses Tages erhält das Boot per Geheimcode „M-Offizier“ die Nachricht: „Durchführung der Versorgung Bernardo in der Nacht von 28.11. bis 29.11. anstreben.“ Um 15.25 Uhr antwortet „FT Offizier“: „Stehe am 27. nachmittags bei Bernardo. Frage Ausschiffungsmöglichkeit PK Buchheim, Material erschöpft.“ Um 19.28 Uhr kommt die Antwort: „An Lehmann! Bernardo wird für Nacht vom 27. – 28. November vorgesehen. Abgabe PK-Mann nicht möglich.“

Vom „LI“ war im Funkverkehr nie die Rede – auch wenn sich Friedrich Grade durchaus wünschte, das Boot zu verlassen, wie seine Tagebuch-Einträge verraten. Seine Hoffnung war schließlich, Weihnachten zu Hause zu sein.

Lothar-Günther Buchheim setzte sich im Bestseller „Das Boot“ also sein eigenes Denkmal – das eines heroischen U-Boot-Soldaten, der um jeden Preis die Stellung halten will, aber auf Befehl des Kommandanten von Bord soll. Weil er dem „Leitenden“ helfen soll, diesem „abgekämpften Mann, der mehr Sorgen herumschleppen muß als irgendein anderer der Besatzung“.

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In der Realität funkte der Leitende Ingenieur selbst das Telegramm vom 24. November 1941, in dem es ausschließlich um Lothar-Günther Buchheim ging, der als Kriegsberichter Gast an Bord von U  96 war – und seine Erlebnisse später in einer Mischung von Dichtung und Wahrheit in dem Bestseller „Das Boot“ niederschrieb.