Montag, 17. November 1941 Gestrige und auch heutige Luftaufklärung erfolglos! Es ist zum Jammern! Marschierten gestern und auch bis heute noch mit LF (Langsame Fahrt), allen zur Freude, denn da wird der Brennstoff doch endlich merklich weniger. Wenn wir auch erst 3 Wochen in See sind, liegt doch Bedürfnis vor, den Heimmarsch anzutreten, denn 1.) war das Wetter bis vor wenigen Tagen noch so schlecht, 2.) scheinen alle unsere U-Boots-Operationen von vornherein hoffnungslos zum Mißglücken verurteilt! Seit nunmehr eben 2 Wochen hat kein Boot etwas gesehen. Keine Erfolge! Nichts! Ob die Engländer die Fts (Funktelegramme) mitkriegen?! Es muß wohl schon so sein, denn sogar die Luft kann nichts feststellen.

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Heute stoßen weitere 6 Boote zu unserer Gruppe „Störtebecker“. Brennstoff noch immer 38m³! Zum Verzweifeln viel. Mache Unterricht mit den Fähnrichen. Hass macht sich sehr gut an Bord. Zäh, ausreichend interessiert an allem, hat auch beim Kdten (Kommandanten) eine gute Nummer.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Friedrich Grades Befürchtung in seinem aktuellen Tagebuch-Eintrag, die Engländer könnten „die Fts (Funktelegramme) mitkriegen“, war berechtigt.

Alle Streitkräfte der deutschen Wehrmacht, so auch die Marine, arbeiteten mit der „Enigma“-Verschlüsselungstechnik. Diese war seit 1918 systematisch entwickelt worden. Jede Teilstreitkraft nutzte dabei eine eigene Variante, die sich vor allem durch die Zahl der Verschlüsselungsrollen unterschieden. Die deutsche U-Boot-Waffe nutzte im Herbst 1941 den Typ „Enigma M3“.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Die britischen Codeknacker arbeiteten beharrlich an der Entschlüsselung der deutschen Geheimtechnik. Im Mai war ihnen mit der Kaperung von U 110 eine komplette Enigma M3 mitsamt der Geheimdokumente in die Hände gefallen. Nur wenig später waren drei deutsche als Handelsschiffe getarnte U-Boot-Versorger auf hoher See bei der Übergabe von Proviant an U-Boote aus dem Nichts angegriffen und versenkt worden.

Die systematische Arbeit an der Dechiffrierung der deutschen „Enigma“-Technik war von polnischen Spezialisten seit Anfang der 1930er Jahre erfolgreich praktiziert worden. Ende Juli 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen, übergaben die polnischen Spezialisten ihr komplettes und weit entwickeltes Wissen bei einem Geheimtreffen an französische und britische Kryptoanalytiker. In Bletchley Park bei London wurde die Arbeit nach der Niederlage Polens fortgesetzt.

Nach Kriegsbeginn erbeuteten die Engländer im Februar und August 1940 einzelne Komponenten der Enigma M3, bis ihnen im Mai 1941 eine komplette Maschine in die Hände fiel. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurden so die „Fts“ von U 96 auf seiner 7. Feindfahrt im Herbst 1941 in London tatsächlich mitgelesen. Belegt ist, dass von diesem Zeitpunkt an bis Kriegsende rund eine Million Funksprüche der Kriegsmarine in London entschlüsselt wurden.

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Im Februar 1942 konnte die Wehrmacht das Leck noch einmal für ein knappes Jahr durch die Einführung der „Enigma M4“ schließen. Die Kaperung des deutschen U-Bootes U 559 im Oktober 1942 machte das englische Oberkommando ab Jahresbeginn 1943 wieder zu Mitlesern. Die Folge waren die größten Verluste in der deutschen U-Boot-Flotte und die endgültige Niederlage der Nazis in der Atlantikschlacht.