Montag, 1. Dezember 1941 00 02 „Alarm“ vor Flugzeug. Boot ist noch zu schwer. Trotz starker Achterlastigkeit.

Lesen Sie auch:Weitere Hintergrundartikel im „Das Boot“-Spezial von NWZonline.de

00 11. Auf Grund bei T=55m. Stellen nun alle Umformer ab und horchen. Schraubengeräusche zunächst sehr schwach.

00 25 Schraubengeräusche werden lauter, sehr laut! 3 Fahrzeuge! Eines kommt schnell näher! Auch FT-Umformer (Funktelegraf) und GHG abstellen! Ruhe im Boot. Mit bloßem Ohr deutlich, sehr laut, das Mahlen der Bewacherschrauben zu hören! Es ist unheimlich! Da wir nichts machen können, ist das schon unangenehmer, wie wenn man durch Arbeit abgelenkt würde.

Der Bewacher steht über uns, langsame Umdrehungen! Oha, wenn der Wabos (Wasserbomben) wirft, dann also nur auf große Tiefe! Schlecht. Aber er läuft weiter mit Horchfahrt und wirft nicht! Atmen auf! Wie soll es aber nun weitergehen!? Stb (Steuerbord) Seite von Treibölb(unker) 1i macht starkes Zischen! Wunderbar, daß das nicht gehorcht wurde! Eigentlich unglaublich! Werden schnell schwerer! Dieselbilge voll Öl-Wasser, da laufend entw. (entwässert) werden muß. 1i reißt sonst ins Boot. Zum Heulen. Stb Seite GHG (Horchgerät) unklar! Legen nun schlafen, was nicht gebraucht wird, und wollen nach Monduntergang, wenn wegen der Bewacher möglich, auf S und W (Süd und West) ablaufen.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Nach 2 Stunden werden mit dem teils klaren GHG festgestellt, daß Bewacher weiter weg sind. Nun wird gelenzt mit Pumpe und Luftzusatz und getrimmt und geschleust. Zentrale wird von achtern, Diesel her, mit Wasser vollgepumpt. Dann in Regelbunker. Lenzen etwa 12 to Wasser. Erst jetzt fängt das Boot 04 40 an zu steigen.

04 45 Auftauchen! BeimAusblasen: Geht nicht! Kein Druck auf Ausblaseverteiler! Also Anblasen, bis Boot gerade weit genug raus ist. Verdichter laufend angestellt! Wackelt stark auf den gerissenen Fundamenten! Oha! Hoffentlich geht das klar! Vertrauen auf unser Glück. Und es geht! Haben mehrere Male Bewacher und Lichter von ihnen achteraus und an den Seiten! Stoppen dann und gehen an, wenn es einigermaßen klarzugehen scheint.

Am Morgen bei Hellwerden Tauchen und ab 08 00 bis 19 00 Unterwassermarsch. Müssen Kalipatronen atmen und O2 (Sauerstoff) anstellen! Haben öfter Horchergebnisse. Bleiben aber in 30 m Tiefe. Gehen wegen Leck des Druckkörpers nicht tiefer. Hoffentlich haben wir dadurch keine Ölspur. Gegen 13 Uhr hinter uns 3 Serien Wabos, dann wieder 13 45, 14 00, 15 Uhr. Ob die uns gesehen haben wollen?! Wohl nicht! Entfernung nach Schätzung etwa 8-10.000 m.

19 Uhr Auftauchen! Frische Luft! Tauchen vor Flugzeug! 20 Uhr Auftauchen Boot durchlüften! Weitermarsch über Wassere nach 280°. Diesel sind heil. Bb. Propeller schlägt stark! Stb Dieselkupplung wird heiß. Sehen in der kommenden Nacht noch 4mal Flieger.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Die Straße von Gibraltar verbindet Atlantik und Mittelmeer. Der Wasserspiegel des Mittelmeeres liegt dabei anderthalb Meter tiefer. In Folge dessen gibt es eine sehr starke Oberflächenströmung vom Atlantik in das Mittelmeer hinein, darunter eine starke Tiefenströmung, mit der das Mittelmeerwasser in den Atlantik drängt. Nahe der afrikanischen Küste liegt U 96 in 55 Metern Tiefe auf Grund.

Zwölf Tonnen Wasser sind in das Heck des Bootes eingedrungen, ein für die Manövrierfähigkeit des U-Bootes unvorstellbar hohes Gewicht. Das gewässerte Heck liegt unten, der trockene Bug treibt oben – durch die extreme Schräglage kann sich jeder nur schwer im Boot bewegen.

Die Situation ist jetzt tatsächlich so dramatisch, wie sie das Buch „Das Boot“ beschreibt. Denn das viele Wasser muss raus, dringend; stetig laufen die Antriebsmaschinen im Heck des Bootes weiter voll.

Lesen Sie auch:Weitere Hintergrundartikel im „Das Boot“-Spezial von NWZonline.de

Die verfügbare Pressluft aber reicht nicht aus, das Boot mit diesem Zusatzgewicht nach oben zu bringen. Also wird per Hand zunächst in die Zentrale und von dort über die Reglerzellen mit der Pumpe außenbords gelenzt. Der Kommandant weiß, dass die Mannschaft dafür nur wenige Stunden Zeit hat. Denn nur bei Dunkelheit hat das beschädigte U 96 eine Chance, Gibraltar zu entfliehen – und diese wird in wenigen Stunden enden. Nach dem Krieg erinnert sich Heinrich Lehmann-Willenbrock: „In frühen Morgenstunden auftauchen und ablaufen: letzte Chance.“

Zum Glück für U 96 wird eine ansonsten tödliche Gefahr: eine Ölspur. Während Friedrich Grade hofft, dass U 96 keine habe, hatte der Kommandant sie schon nach dem ersten Auftauchen gesichtet. Nach dem Krieg schrieb er: „Stank schon beim Öffnen des Turmluks fürchterlich nach Öl. Riesenölspur.“

Tatsächlich zeigte sich später nach Wiederankunft in Saint-Nazaire, dass zusätzlich zu den zahlreichen Schäden einer der Treibölbunker gerissen war. Offenbar nahm die Unterströmung das Öl auf und brachte es in deutlicher Entfernung vom Boot an die Oberfläche. Was erklärt, warum die Bewacher an der

Oberfläche keine Wasserbomben warfen – sie suchten nach einer Ölspur, unter der sie U 96 vermuteten. Als sie schließlich fündig wurden, warfen sie sogleich „Wabos“, zwischen 13.45 Uhr und 15 Uhr mehrfach an diesem 1. Dezember 1941, wie das Tagebuch Friedrich Grades berichtet.

Die von ihm bezeichnete Entfernung von circa 9000 Metern dürfte der Auftriebspunkt des Öls von U 96 gewe sen sein. Zu diesem Zeitpunkt schleppt sich das Boot bereits zurück zu seinem Flottillenstützpunkt Saint-Nazaire.

In der Werftbegutachtung wurde klar, dass der Bombenwurf nur geringfügig näher am Boot zu dessen Vernichtung geführt hätte. Nicht nur waren der außenbords liegende Treibölbunker gerissen, der Geschützturm zum Teil weggefegt und das Boot im Heckbereich leckgeschlagen, auch sämtliche Leitungen außenbords waren abgerissen.

Der Werftbericht wird im Ganzen 110 Stellen allein am Außenkörper von U 96 aufzählen, an denen es zu schweren Beschädigungen gekommen war.