Treffen Mit U-Boot
Eisbeinsessen unter Deck

Die See wird ruhiger, die Stimmung an Bord entspannt sich. Der Leitende Ingenieur fühlt sich ein wenig überflüssig.

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Mittwoch, 5. November 1941 Wenn man hoffte, daß es heute ruhiger würde, so ist man heftig getäuscht. Immer noch See 3-5. Gestern nachmittag trafen wir 572 (deutsches U-Boot unter dem Kommando von Heinz Hirsacker), Buchheim mit Photoapparaten und Teleobjektiven auf der Brücke und machte Aufnahmen. Wenn sie gelungen sind, dann ist das ganz phantastisch schön.

Lesen Sie auch:Weitere Hintergrundartikel im „Das Boot“-Spezial von NWZonline.de

In dem Seegang tanzte das Boot sehr stark. Es sah gefährlich aus und wir hatten den Eindruck, wie wenn es denen da drüben schlimmer erginge als uns selber, das ist aber eine Täuschung! Denn wir schaukeln ja genauso. Machte selbst auch Aufnahmen.

Tauchen von 06 00 bis 09  15 zum Horchen und ruhigem Frühstück. Oben ist es immer noch sehr frisch. Noch 73 m³ (Treibstoff). Haben ganz schön verbraucht. Hänschen Ey, Guggenberger und Raschke haben Karten für Mediterranée (Mittelmeer) mitzunehmen! Die See beruhigt sich gegen Abend ein wenig. Zu Mittag sind wir tauchen gewesen, denn das leckere Eisbeinessen mußte mit bestem Appetit verzehrt werden.

Gehe nun schon keine Tiefensteuerung mehr, das macht nun alles Dengel. Bei meinen Runden durch die Maschinen kommt er mit, denn da kann ich ihm doch eine Menge Neuigkeiten bieten, von denen er keine Ahnung hat. Haben noch rd. 72 m³. Es wird weniger, aber noch nicht sosehr, daß man mit 3 Wochen Unternehmungsdauer rechnen könnte.

Bin an Bord schon eigentlich überflüssig, denn ich tue ja wohl nichts mehr. Habe ich mir auch etwa so von vornherein vorgestellt. Stehen morgen wenig östlich der Azoren, in gleicher Breite. Das Wasser ist schön temperiert. 16°C ist doch eine Annehmlichkeit, nach der man sich doch wohl gerade jetzt in der kalten Heimat sehr sehnen wird! Im Boot ist es nun nicht schwer, ins Schwitzen zu kommen. Die beiden Geleitzüge mit S- und SO-Kursen haben wir aufgegeben. Machen morgen Randlinie für einen nordgehenden Geleitzug.

Buchheim macht immer noch unentwegt Bilder. Ich repariere laufend seine Contax und putze die Gläser dazu.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

Zwei Bootsbegegnungen an zwei Tagen im offenen Atlantik: Am 5. November 1941 die mit U 572, einen Tag später die mit U 69.

Gerade erst hatte Friedrich Grade, Leitender Ingenieur an Bord von U 96, verraten, dass sein Boot eines von 13 U-Booten ist, die auf einen Geleitzug operieren.

Die historische Aufnahme zeigt die Begegnung von U 96 mit einem anderen deutschen ­U-Boot mitten im aufgewühlten Atlantik. (Foto: privat)
Die historische Aufnahme zeigt die Begegnung von U 96 mit einem anderen deutschen ­U-Boot mitten im aufgewühlten Atlantik. (Foto: privat)

Seitdem die Alliierten ihre Transportschiffe nur noch in gesicherten Verbänden fahren ließen, stellte auch die deutsche U-Boot-Führung auf eine „Rudel-Taktik“ um und setzte mehrere U-Boote gleichzeitig in so genannten „Wolfsrudeln“ auf bestimmte Geleitzüge an.

Auf dem Höhepunkt der Atlantikschlacht des Zweiten Weltkriegs, im Herbst und Winter 1942/1943, machten in der Spitze bis zu 40 deutsche U-Boote Jagd auf einen Geleitzug.

Durch die Ballung von U-Boots-Rudeln in relativ kleinen Seeräumen kam es regelmäßig zu Sichtkontakten zwischen den Booten.

So trifft U 96 bereits am 25. August auf U 563. Zwei Tage später werden die „Bestecke“ mit U 567 und U 84 ausgetauscht. Am 3. September kommt es zu einem Treffen mit U 77, dessen Antrieb man am 4. November erneut in unmittelbarer Nähe horcht, wie Friedrich Grade in seinem Tagebuch berichtet.

Die Begegnung von U-Booten auf hoher See ist im Herbst 1941 offenbar die Regel, nicht die Ausnahme. Jedoch: Noch hat kein Kriegsberichter eine solche Begegnung fotografiert!

Den Fotos Lothar-Günther Buchheims vom 5. November 1941 wünscht Friedrich Grade: „Wenn sie gelungen sind, dann ist das ganz phantastisch schön.“ Wie wir wissen, gelangen die Bilder sehr wohl. Das Bild von der U-Boot-Begegnung wurde eines der markantesten Buchheim- und mithin U-Boot-Fotomotive. Es zierte unter anderem das Cover seines Bestsellers „Das Boot“.

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Die Einmaligkeit der Aufnahme wird im Buch „Das Boot“ mit der Sprachgewalt des Autors zusätzlich überhöht. Da „brüllt der Alte“, „stockt der Atem“: „Alle haben die Münder auf, sperrangelweit wie die Holzpuppen, denen man Stoffbälle in die Mäuler zielt – oder wie Vogelbrut, die wartet, daß die Vogelmutter anfliegt.“

Dank des privaten Tagebuches Friedrich Grades wissen wir dagegen, wie normal Begegnungen von U-Booten auf hoher See im Herbst 1941, vor genau 75 Jahren, gewesen sind.

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