Feuer Frei Für U 96
Tödlicher Feindkontakt

Das „Boot“ wird zum ersten Mal zur tödlichen Waffe und greift einen Geleitzug der Alliierten an. Auch hilflose Passagierdampfer sind nicht tabu.

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Freitag, 31. Oktober 1941 Um 7.15 Uhr FT (Funktelegramm) von Topp: Er hat nordgehenden, also einlaufenden Geleitzug gesichtet. Er meldet laufend weiter. Gehen auf GF (Große Fahrt) und müssten am Geleit, wenn Topp’s Beobachtungen stimmen, morgen früh dran sein! Gegen Mittag sehen wir 3 Masten: Zerstörer anscheinend! Drehen erst ab, dann wieder hinterher. Verlieren die Sicht und stoßen blind nach. Bin selbst nach dem Ersten (1. Offizier) oben und entdecke Bb (Backbord) voraus etwas wie einen Masten, aber viel dicker. Ganz wenig zuerst, dann deutlich zu sehen. Kdt erfaßt dieses Objekt auch, aber es ist anscheinend eine Luftspiegelung, denn nach wenigen Minuten ist gar nichts mehr zu sehen! Es ist rein toll(?). Stoßen erstmal hinterher, aber erfolglos und operieren dann weiter auf den Topp’schen Geleitzug.

Buchheim ist noch immer vollauf mit seinen Berichten + Photos beschäftigt. Dengel paßt sich dem Betrieb an und filzt gerne und lange. Für ihn ist es übrigens nicht allzu sonnig, hier an Bord als zweiter Mann mitzufahren. Überlasse ihm die Alarme und die Tiefensteuerung auf Wunsch des Kdten, behalte aber die volle Verantwortung für den ganzen Betrieb.

Eine Stunde, nachdem die Masten wieder weg sind, ist der Geleitzug da! Mehrere Gruppen Rauchfahnen, später Masten. Sonst keine Nachsicherung festzustellen. Halten Fühlung und beschließen Angriff für die Nacht, obwohl der Mond strahlend hell scheint! Gehen in der Dämmerung ab 21.30 Uhr näher und näher ran. Kommen kurz vor 23 Uhr zu 4 gezielten Bug-Einzelschüssen! Spannung und Ruhe herrscht in der Zentrale und im Boot. Drei Stoppuhren laufen und sollen die Detonationszeiten festhalten. Vernehmen aber zunächst gar nichts. Plötzlich „Alarm“! Ein Bewacher hat mit Artillerie auf uns geschossen. Zwei Geschosse sausten über das Boot weg, sagt der Kdt , als er nach dem Fluten in die Zentrale kommt. Schnell sind wir auf T=70. Mache in diesen Momenten, wo es auf alles ankommt, meinen „Kram“ noch selber, gebe, nachdem die Wabos (Wasserbomben), wie es sein muß, gekommen sind, die Tiefensteuerleitung an Dengel ab. Die Wabos sind weit weg, 400-600m! Kein S-Gerät (Sonar) zu hören. Während wir in die Tiefe stürzen, ist die erste Detonation des 1. Torpedos zu hören. Noch später nach ca. 13‘, eine zweite Torpedodetonation!

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Krebsen nun vor dem forschenden, uns verfolgenden Zerstörer oder Kanonenboot in der Tiefe herum. Die Wabos haben uns garnichts gemacht. Nur leicht geschüttelt! Die „Neuen“, auch PK (Buchheim), zucken aber deutlich sichtbar zusammen, wenn es bummst. Nur schön zu sehen, wenn die beiden, Stricker und Carstensen, die in der Flut- und Lenzecke sind, auf meinen Befehl jedesmal beim Rummsen in aller Ruhe, aber flink, die Hpt Lenzpumpe anstellen. Denn wir haben während des Tieftauchens nicht schnell genug lenzen können.

Nach 1 Stunde schon kann man sagen: „Wir sind wieder allein.“ Tauchen dann auch bald auf, wenig angeblasen und da sehen wir dann einen Passagierdampfer stark brennend hilflos auf dem Wasser liegen, bei ihm noch 3 Bewacher, von denen 2 nach ½ Stunde abhauen. Sind beim Auftauchen etwa 4 sm (Seemeilen) ab. Machen FT an BDU, nachdem wir vor dem Angriff schon gemeldet hatten, daß Geleitzug in Sicht wäre. Melden ihm nun das Ergebnis: „Von Kanonenboot WaboVerfolgung. 4 gezielte Einzelschüsse. 8000 Passagierdampfer brennt aus, 5000 BRT sinkend gehorcht.“

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

„8000 BRT Passagierdampfer, 5000 BRT sinkend gehorcht“. Das Zählmaß der U-Boot-Waffe waren die versenkten Bruttoregistertonnen (BRT): Flugzeuge, Fahrzeuge, Kriegsmaterial aller Art, Rohstoffe, Treibstoff.

Hinter dem heutigen Tagebucheintrag Friedrich Grades steht konkret die Versenkung der „Bennekom“: Acht Menschen sterben, 47 überleben. Von Dezember 1940 bis März 1942 versenkt U 96 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Heinrich Lehmann-Willenbrock 26 Schiffe mit insgesamt 215 000 BRT. Dabei sterben mindestens 1278 Menschen, mindestens 1511 überleben.

Seit dem Kriegseintritt Englands und Frankreichs am 3. September 1939 ist es erklärtes Ziel der deutschen Marineführung, die Seeversorgung des englischen Mutterlandes aus seinen Kolonien vor allem mittels der U-Boote zu zerstören. Zu Kriegsbeginn stehen dafür nur ein Dutzend U-Boote zur Verfügung. Das VII C-Boot wird erst ab Sommer 1940 in Dienst gestellt, U 96 war das vierte überhaupt. Ende 1940 besteht die deutsche U-Boot-Waffe aus 25 Booten, von denen im Schnitt acht Boote „am Feind“ standen, wie es damals hieß.

Im Zeitraum Juli bis November 1940 wird der Mythos der deutschen U-Boot-Waffe geboren. Die sehr kleine Anzahl von Booten versenkt 217 Handelsschiffe, nur zwei U-Boote werden versenkt. In Folge stellt die britische Marineführung auf die Geleitzugtaktik um: Kriegsschiffe und Flieger flankieren die Schiffsverbände und sollen die Sicherheit der für England lebenswichtigen Transporte erhöhen.

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Da die USA England mit Schiffen und Material massiv unterstützen, verlagert sich der U-Boot-Krieg von den englischen Hoheitsgewässern in den Nordatlantik. Hier steht einer stetig steigenden Anzahl von deutschen U-Booten ein stetig steigendes Volumen alliierter Transporte gegenüber. Ende 1941, dem Kriegseintritt der USA, operieren 81 deutsche U-Boote im Atlantik, eines von ihnen ist U 96. Insgesamt beträgt ihre Anzahl jetzt 288, von denen 122 einsatzfähig sind.

Im Herbst 1942 wird der Höhepunkt der Atlantikschlacht erreicht. Der November ist mit 700 000 BRT versenkter Tonnage der Monat mit der höchsten Versenkungs- und Vernichtungsrate. Jedes siebte U-Boot geht dabei verloren.

Intensiv arbeiten die Alliierten an ihrer militärischen Rudeltaktik, der Entwicklung des Radars und an der Dechiffrierung des deutschen U-Boot-Codes „Enigma“ zu abhörsicheren Kommunikation. Ab Mai 1943 ist der Code geknackt, das Radar entwickelt und die starke Geleitzugsicherung den deutschen Angreifern überlegen.

In Folge sinken die deutschen Versenkungszahlen bei signifikantem Anstieg der U-Boots-Verluste, die Schlacht um die Versorgung Englands ist zugunsten der Alliierten entschieden.

Der Tagebucheintrag des 31. Oktober 1941 „8000 BRT Passagierdampfer, 5000 BRT sinkend gehorcht“ ist ein Einzelwert, der sich bis Kriegsende auf insgesamt 14 333 082 BRT summieren wird. Mehr als 100 000 Menschen verlieren auf 2882 alliierten Frachtschiffen, 175 alliierten Kriegsschiffen und 784 deutschen U-Booten ihr Leben – weil eine nationalsozialistische Reichsregierung mit ihren faschistischen Bündnispartnern Italien und Japan der übrigen Welt einen verbrecherischen Krieg erklärt hatte.

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