Donnerstag, 27. November 1941 Im Morgengrauen, gegen 09 00 Uhr in geringer Küstennähe, nahe Vigo Schiff mit gesetzten Lichtern in Sicht. Vorsichtshalber „Alarmstufe“, aber kein Tauchen. Im Näherkommen ein Spanier! Fordern ihn zum Stoppen auf, er tut es und dreht zu uns hin. Auf unser „aaa“ gibt er seinen Namen. Da er neutral ist, lassen wir ihn fahren, unter Deck können die klarstehenden Geschützleute wegtreten. Lassen die „Castilla“ fahren. Stehe selbst auf der Brücke und mache mit Scheinwerfer ein: „Buen Viaje“ d.h. „Gute Reise“ rüber. Er dankt mit „gracias“.

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Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Wir nehmen Scheinkurs und entfernen uns selbst. Das Feuer von Finistere war seit 6 Uhr zu sehen. Um 14 Uhr tauchen und laufen durch Nordeinfahrt ein. Viele Fischer! Um 16.40 legen wir uns auf Grund. Mache das selbst. Haut prächtig hin und lege das Boot auf Grund, ohne daß es irgendwo im Boot bemerkbar ist.

20 30 Auftauchen und Einlaufen. Es ist ein heimliches Sich-hinein-mogeln. Viele Fischerboote erschweren das Vorhaben. Müssen oft ausweichen, stoppen, mit E-Maschinen leise Bogen schlagen. Lautlos gleiten wir an der hellerleuchteten Stadt vorbei. Sie ist nicht abgeblendet. Ein herrlich schönes Bild, vor allem deshalb so reizvoll, weil für uns ungewohnt.

Um 21 15 Uhr liegen wir fest. Übernehmen schnell und lautlos. Um 02 00 Uhr sind wir fertig, lassen uns mit dem Ablegen aber noch Zeit bis zum Monduntergang. Trinken dafür noch die guten Biere. – Man sagt, wir liefen das nächstemal nach Specia, Italien, ein! Das könnte wohl so sein.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

„Dommes ist schon im Mittelmeer und fordert einen Lotsen an.“ Der Leitende Ingenieur von U 96, Oberleutnant zur See (Ing.) Friedrich Grade, und der Kommandant von U 431, Kapitänleutnant zur See Wilhelm Dommes, kennen sich recht gut. Dommes hatte U 96 auf der zweiten Feindfahrt im Januar 1941 als Kommandantenschüler begleitet.

U 431 und U 96 sind zwei von insgesamt 30 deutschen U-Booten, die im November 1941 aus dem Atlantik abgezogen und ins Mittelmeer verlegt werden. Jedem dritten Boot misslingt der Durchbruch durch die von den Alliierten gut bewachte Straße von Gibraltar: Vier Boote werden versenkt, fünf müssen schwer beschädigt umkehren. Ein solches Boot ist U 558, das am 2. Dezember 1941 schwer getroffen von Gibraltar seinen Rückweg nach Brest antreten muss.

Am 27. November 1941 werden gleich zwei U-Boote für den Gibraltar-Durchbruch ausgestattet. U 652 nimmt in Cadiz Proviant, Treibstoff und Munition an Bord und passiert am 4. Dezember erfolgreich Gibraltar. U 96 ist zeitgleich und planmäßig in Vigo, dem zweiten der drei spanischen Geheimstützpunkte der deutschen Kriegsmarine, angekommen.

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Hier ankert U 96 an der „Bessel“, die im Buch und im Film „Das Boot“ zur „Weser“ wird. Die Einträge im privaten Tagebuch Friedrich Grades und im offiziellen Kriegstagebuch (KTB) des Kommandanten sind dabei bis auf einige Details identisch. So meldet der „LI“ das Tauchen für 14 Uhr, im Kriegstagebuch wird 13.28 Uhr vermerkt. Während Friedrich Grade das Ende der „lautlosen“ und „schnellen“ Verproviantierung um „02 00 Uhr“ und danach noch Zeit für „die guten Biere“ vermerkt, trägt der Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock für den Zeitraum von 22.05 Uhr bis 3.45 Uhr in das Kriegstagebuch ein: „Versorgung durchgeführt, Oberdeckstorpedo vorn ins Boot geholt.“

Das bedeutet, dass wohl kaum Zeit für ein pompöses weihnachtliches Büfett an Bord des Versorgers blieb, wie in Buch und Film geschildert. Und statt lauter Geschäftigkeit galt: „Übernehmen schnell und lautlos“.

Äußerst subtil schreibt der Kriegsberichter und spätere Autor des Bestsellers „Das Boot“, Lothar-Günther Buchheim, an seiner eigenen Legende weiter. In seinem Buch verschmilzt Buchheim als Ich-Erzähler im nächtlichen Glanz der „Weser“-Szene quasi mit dem „Alten“, als der Kapitän des Versorgers zunächst ihm und nicht dem „Kaleun“ Heinrich Lehmann-Willenbrock, die Hand geben will: „Jemand erfaßt meine Rechte: Herzlich willkommen, Herr Kapitänleutnant!“, beschreibt Buchheim die Verwechslung.

Der Autor zeichnet mit den Romanfiguren von U 96 äußerst subtil das Bild heroischer U-Boot-Fahrer. Diese fahren weiter, auch wenn es heißt: „Drei Boote haben hier schon versorgt. Zwei davon gingen verloren.“

Dank des privaten Tagebuchs Friedrich Grades, das diese Zeitung exklusiv veröffentlicht, wissen wir, dass zumindest für U 96 dieser Heroismus nicht galt: „Man sagt, wir liefen das nächstemal nach Specia, Italien, ein! Das könnte wohl so sein“, schreibt Friedrich Grade unaufgeregt kurz vor dem Auslaufen von U 96 Richtung Gibraltar.

Im Film wurde die von Buchheim erfundene Verwechslungsszene übrigens geändert: Hier drückt der „Weser“-Kapitän zuerst dem Ersten Offizier die Hand, der – im Gegensatz zum „Alten“ – in kompletter Uniform an Bord des Versorgers gekommen ist.