Dienstag, 28. Oktober 1941 Heute wird es erst wichtigfür mich auf dem Boot, wo wir die vielen Kisten u. dergl. an Bord verstaut haben! Essen nun z.T. zu 6 Mann an der Back. Tolle Wooling! Mit Einräumen und so vergeht die Zeit. Nichts Neues sonst an Bord. Ach so: Haben statt der beiden Fähnriche Perkonig und Kasparek neue, 40er an Bord: Hass, einen Eckernförder und Schoop. In Russland geht es voran, die Russen geben zu, daß wir schon 65 km an Moskau heran sind.

Einordnung des Tagebucheintrags von NWZ-Mitarbeiter Gerrit Reichert

„Die Russen geben zu...“ Friedrich Grade hört, was von U 96 auf Mittel- oder Langwelle empfangen werden kann. Neben deutschen Soldatensendern sind das durchweg ausländische „Feindsender“ oder die Sicht „der anderen Seite“, wie er am 26. Juni 1941 notiert.

Friedrich Grade war Leitender Ingenieur an Bord von U 96. Durch Lothar-Günther Buchheims Buch und den Film „Das Boot“ wurde die 7. Feindfahrt des U-Boots im Zweiten Weltkrieg weltbekannt. Heimlich schrieb der Oberleutnant zur See und Herzens“-Oldenburger Tagebuch. Exklusiv veröffentlicht diese Zeitung nach 75 Jahren das Tagebuch des Einsatzes vom 27.Oktober bis zum 6. Dezember 1941. Der heute 100-jährige Friedrich Grade ist der letzte Augenzeuge von U 96.

Freimütig schreibt er einen Tag zuvor: „Im OKW-Bericht (Oberkommando der Wehrmacht) und in den Berichten vom „Sender der europäischen Revolution“ (unabhängiger sozialistischer Radiosender mit Sitz in London) ist vom Vordringen der deutschen Truppen und Rumänen die Rede. Radioempfangsverhältnisse sind hier ziemlich schlecht, nur die Engländer sind gut zu empfangen.“

So ist es die BBC, von der der Leitende Ingenieur (LI) am 2. Juli von einem Fliegerangriff auf seine Heimatstadt Oldenburg erfährt. Auf der 6. Feindfahrt schreibt er am 17. August 1941: „Radioempfang ist heute hervorragend, Amerika blendend zu hören, auch auf Mittel- und Langwelle. Prima Tanzmusik.“

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Mit Kriegsbeginn, dem 1. September 1939, war die Reichs-„Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ in Kraft getreten. Sie war eindeutig: „Das absichtliche Abhören ausländischer Sender ist verboten.“ Das Nazi-Regime drohte mit Zuchthaus, gar mit Todesstrafe „in besonders schweren Fällen“ von „vorsätzlicher Gefährdung der Widerstandskraft des deutschen Volkes“.

An Bord von U 96 war es völlig unmöglich, heimlich und ohne Wissen des „Alten“, des Kommandanten Heinrich Lehmann-Willenbrock, Radio zu hören.

Friedrich Grade hatte einen aus heutiger Allgemeinsicht unerwartet differenzierten Blick auf die Kriegsentwicklung. Zum Ende seiner 1. Feindfahrt, am 28. Dezember 1940, schreibt er: „Im Mittelmeer sieht es wohl nicht so blühend aus, wie es im Radio und in den Zeitungen immer zu sein scheint.“ Der NS-Propaganda über die Atlantikschlacht hält er am 18. April 1941 entgegen: „England kriegen wir mit den U-Booten – das kann man jetzt schon sagen – nicht klein.“ Der Tageseintrag gipfelt in dem aus damaliger Sicht undenkbaren, vor allem unschreibbaren Satz: „Der Führer scheint sich kein Bild von den jetzigen Schwierigkeiten des Ubootkriegs zu machen.“

Verbotenerweise schreibt Friedrich Grade heimlich. Er notiert aus damaliger Sicht gefährliche Gedanken. Inmitten des öffentlichen Raumes U 96, in dem verbotene Radiosender gehört werden – „prima Tanzmusik“. Und das alles vor den Augen und Ohren eines bootsfremden „Badegastes“, noch dazu ein Mitglied der Propagandakompanie, dem Leutnant zur See (PK) Lothar-Günther Buchheim. Das alles deutet auf ein distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus hin, naturgemäß geprägt durch die Bootsführung während bislang sechs absolvierter Feindfahrten.

Grades persönliche, relative Unabhängigkeit findet ganz offenbar einige Entsprechung in der Bootsführung des Kommandanten. Obwohl dieser, wie der „LI“ und die Besatzung dem nationalsozialistischen Kontext aus Gesetzen, gesellschaftlicher Beschaffenheit und vielseitiger Indoktrination unterworfen ist.

Zumindest formal: Das Tagebuch Friedrich Grades belegt, dass sich Einzelne auch Freiräume nehmen. Es wird sich sehr bald zeigen, dass der „Badegast“ an Bord, der Kriegsberichterstatter Lothar-Günther Buchheim, diese fast freigeistig anmutenden Umstände mit bemerkenswerten Geschichten zu bereichern weiß.