Berlin Am Ende verneigt sich Herbert Grönemeyer (59) im Berliner Ensemble vor den singenden Schauspielern. Nach mehr als vier Stunden hat das Publikum bei der Premiere von Goethes „Faust I und II“ als Musical-Version noch nicht genug und fordert vehement Zugaben. US-Regisseur Robert Wilson (73) drückt dem leicht widerstrebenden Grönemeyer (aktuelles Album: „Dauernd Jetzt“) ein Mikrofon in die Hand - und erstmals ist am Abend von Grönemeyers und Wilsons großer „Faust“-Show der Sänger und Komponist selbst zu hören. Ein Gänsehaut-Moment.

Pop- und Rockstar Grönemeyer hat gemeinsam mit dem texanischen Theatermagier Wilson den größten deutschen Klassiker als aufwendiges Musiktheaterprojekt auf die Bühne gebracht - inhaltlich oft eher eine Art „Faust light“ mit blinkenden Broadwayshow-Lichtern. Musikalisch und stilistisch ist diese „Faust“-Neuinterpretation am Mittwochabend aber unglaublich vielfältig und sehr kurzweilig.

Der große Bilder-Zauberer Wilson, der am Berliner Ensemble zuletzt mit „Peter Pan“ entzückte, hatte vor der „Faust“-Premiere bereits angekündigt: „Ich möchte keinen schweren „Faust““. Das Stück als heilige Bibel hochzuhalten, das sei langweilig, so Wilson im Interview mit dem Berliner Magazin „Tip“. „Oft hat man in Deutschland bei „Faust“ den Eindruck: Die armen Schauspieler bekommen ihre Köpfe wohl nicht aus dem Textbuch raus!“

Das könnte den ein oder anderen an die 21-stündige, werkgetreue „Faust“-Inszenierung erinnern, die Peter Stein bei der Expo in Hannover im Jahr 2000 und später in Berlin und Wien zeigte. Ganz anders am Berliner Ensemble. Jutta Ferbers hat dort für Wilson und Grönemeyer eine sehr konzentrierte Textfassung erarbeitet, die die berühmten Faust-Aussprüche umfasst, dabei aber auch noch Platz für einige Neu- und Wiederentdeckungen im Werk von Goethe lässt.

Die lebendigste und aufregendste Figur in Wilsons formstrengem Bilder-Kosmos mit den ausgestellten Posen, Zeitlupen-Bewegungen und weiß geschminkten Gesichtern ist Mephistopheles - meisterhaft gespielt von Christopher Nell, der als Leibhaftiger schon bald der menschlichste Charakter ist. Dafür gibt es immer wieder Szenenapplaus für den Teufel-Darsteller in der schwarzen Lederkluft und mit den langen roten Haaren und den kleinen Hörnern auf dem Kopf.

Die gleich fünf jungen „Faust“-Darsteller im ersten Teil wirken dagegen etwas blass. Da nimmt die Zuschauer das Schicksal des von Faust verführten Gretchen, gespielt von drei verschiedenen Schauspielerinnen, schon mehr mit. Gretchens Verzweiflung, Fausts Ringen um Erkenntnis, Mephistos teuflische Spielereien und die vielen kuriosen Auftritte der Nebenfiguren - Grönemeyer interpretiert die Stimmungen und Wendungen der Geschichte mit Soundtracks und Songs, die alles bieten von Rock, Pop und kurzen Rap-Einlagen bis zu Jazz, Ragtime, Swing, sphärischen Klängen und melodiös Klassischem.

Bereits vor zwölf Jahren arbeiteten Grönemeyer und Wilson gemeinsam an einem Theaterprojekt: Ihre poetische Version von Büchners „Leonce und Lena“ mit Nina Hoss in der weiblichen Hauptrolle verzauberte damals das Publikum. Der „Faust“ ist zupackender, erdiger und mit einer großzügigen Portion Ironie ausgestattet. Erst im zweiten Teil lebt Wilson - der wie immer auch für das Bühnenbild und das ausgeklügelte Lichtkonzept zuständig ist - seine Leidenschaft für traumwandlerische Sequenzen sehr passend aus.

Das „Faust“-Projekt mit 19 Schauspielern und 8 Live-Musikern ist trotz kluger Verdichtung ein Kraftakt. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass die Premiere ursprünglich für den 9. April geplant war, dann aber verschoben wurde. Die Bühne habe Umfang und Komplexität des Unternehmens unterschätzt, hatte Claus Peymann, Direktor des Berliner Ensemble, die Verschiebung begründet.

Hier ein Ausschnitt der Inszenierung auf Youtube:

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