Berlin Die Lebensversicherung wird ausgezahlt, endlich fließt Geld! Doch viele Kunden sind enttäuscht, wenn sie nach Jahren des Sparens ihre Schlussabrechnung ansehen. Häufig ärgern sie sich aus zwei Gründen, berichtet die Zeitschrift „Finanztest“ (3/19). Erstens ist die Summe geringer als vorhergesagt und zweitens ist die Abrechnung intransparent.

Am Ende auf null

Lebensversicherungen sind eine komplizierte Anlageform. In ursprünglichen Berechnungen und jährlichen Mitteilungen informiert ein Versicherer über eine mögliche Auszahlungssumme. Sie setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: der garantierten Leistung, der laufenden Überschussbeteiligung und eventuell noch Schlussüberschüssen und Bewertungsreserven.

Kunden können auf einen Blick oft nicht erkennen, welche Bestandteile sicher sind und worauf sie überhaupt Anspruch haben. Dazu kommt: Jede Standmitteilung sieht anders aus, längst nicht überall sind alle Teile einzeln aufgeschlüsselt. Überschüsse sind aber in jedem Fall ungewiss. Dies gilt für eine Kapitallebensversicherung ebenso wie für eine private Rentenversicherung, Riester- oder Rürup-Rentenversicherung.

Außer Enttäuschung über eine geringe Überschussbeteiligung gibt es auch Streit zwischen Versicherern und Kunden über die Beteiligung an den Bewertungsreserven. Sie entstehen, wenn der Marktwert einer Kapitalanlage des Versicherers über dem Anschaffungspreis liegt – wenn also der Wert der mit dem Kundengeld erworbenen Immobilien, Aktien oder Zinspapiere gestiegen ist.

„Finanztest“ zeigt am Beispiel eines Vertrags, wie Versicherer rechnen. Der Kunde hat 29 Jahre lang eingezahlt – in eine Kapitallebensversicherung der Provinzial Nordwest. Doch mit der ausgezahlten Summe ist er nicht zufrieden.

Beim Abschluss 1988 bekam der heute 61-Jährige mit 3,5 Prozent einen guten Garantiezins – also einen guten Zins auf seine Spareinlagen nach Abzug von Kosten. Heute gibt es für neue Verträge nur 0,9 Prozent Garantiezins. Doch der in früheren Standmitteilungen in Aussicht gestellte „mögliche“ Schlussüberschuss sank im Vertragsverlauf um mehrere Tausend Euro – bis auf null am Vertragsende.

Der Kunde ist doppelt betroffen: Er bekam weniger Überschussbeteiligung und sein Anteil an den Bewertungsreserven wurde um 10 Prozent gekürzt.

Versicherer haben immer den Gesamtbestand aller Kunden im Blick. So auch beim Vertrag der Provinzial Nordwest. Sie hatte die laufende Verzinsung, also die Summe aus garantiertem Zins und Zinsgewinnanteil, für den Durchschnitt aller Verträge für das Jahr 2017, in dem der Vertrag endet, auf 2,25 Prozent festgelegt.

Auch in den Jahren davor war der Garantiezins des Vertrags von 3,5 Prozent besser als die vom Versicherer festgelegte laufende Verzinsung. Bittere Konsequenz für den Kunden: Weil seine Garantie höher war, strich ihm die Provinzial Nordwest „zum Ausgleich“, so ihre lapidare Begründung, den Schlussüberschuss und kürzte ihm die Beteiligung an den Bewertungsreserven. Diese Einschnitte macht das Unternehmen, um seine Garantieversprechen an alle Kunden zu erfüllen.

Weiteres Ärgernis ist die Intransparenz bis zum Schluss: Wie viel aus den verschiedenen Überschussquellen an den einzelnen Kunden fließt, schlüsselt der Versicherer nicht auf. Für die Gesamtheit aller Kunden gibt es dazu Angaben im Geschäftsbericht. Diese versteht „kein normaler Kunde“, sagt Hermann Weinmann, Professor für Versicherungsbetriebslehre an der Hochschule Ludwigshafen.

Guter Hebel

Laut „Finanztest“ fragen immer wieder Kunden bei Versicherern nach ihrer Beteiligung an den Bewertungsreserven. Mittlerweile wird der Streit zwischen Versicherern und Verbrauchern auch vor Gericht ausgetragen.

Der Bundesgerichtshof (BGH) erklärte die seit 2014 geltende Kürzung der Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren zwar für rechtens. Doch die beklagte Versicherungsgesellschaft müsse begründen, weshalb sie die Auszahlung kürzt und warum der Kunde weniger Bewertungsreserven bekommt. Dieses Urteil ist für Kunden ein guter Hebel, um vom Versicherer eine transparente und nachvollziehbare Schlussabrechnung zu verlangen.

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