Leipzig (dpa) - Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa hat auf der Leipziger Buchmesse ihr neues Werk "Gott ist nicht schüchtern" vorgestellt. Grjasnowa ist thematisch nach eigener Auskunft kaum festgelegt - aber ein Label klebt an der in Aserbaidschan geborenen Autorin: Migrationsliteratur.

Im dpa-Interview erzählt sie, warum dieser Begriff getilgt gehört.

Frage: Sie sind mit elf Jahren aus Baku nach Deutschland gekommen. Da konnten sie kein Deutsch? Antwort: Das ist etwas, das mich sehr stört. Allein schon der Begriff "Migrationsliteratur": Dieser ist leider ein sehr schwieriger. Es ist fragwürdig, rassistisch und paternalistisch. Migrationsliteratur in Deutschland ist stets die Literatur, die anders ist, die nicht dazu gehört, nicht bio-deutsch ist. Die einzige Gemeinsamkeit der Migrationsautoren ist übrigens ihre Herkunft und nicht etwa eine ästhetische oder thematische Gemeinsamkeit. Alle, wirklich ausnahmslos alle, die einen seltsam klingenden Namen haben oder deren Eltern oder auch sie selber nicht in Deutschland geboren worden sind, werden unter diesem unsäglichen Begriff zusammengefasst.

Ich hatte schon oft die Diskussion, ob man das am Stil nachweisen kann oder am Inhalt - und das ist noch niemandem gelungen. Die Thematiken von Terézia Mora, Sasa Stanisic, Nino Haratischwili oder mir sind so extrem unterschiedlich - aber trotzdem wird das in der Germanistik in ein einziges Seminar gepackt.

Frage: Nur weil sie alle ursprünglich nicht aus Deutschland kommen... Antwort: Ausschließlich. Und überhaupt: Was sind denn Migrantenthemen? Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, wurde mir eine Gruppe für Migranten angeboten. Aber mein größtes Problem war, dass ich 25 Kilo Übergewicht im achten Monat hatte. Ich hatte definitiv andere Sorgen! Ich glaube, Migration ist ein Modethema, in der Politik genauso wie in der Germanistik. Und der Begriff Migrationsliteratur ist ein politischer. Da wird etwas zusammengewürfelt, was meiner Meinung nach nicht zusammengehört.

Frage: Schaut man Ihre bisher erschienenen drei Romane an, so ist das räumlich weit gemischt. Sie sind mal in Russland, mal in Berlin, jetzt mit "Gott ist nicht schüchtern" in Syrien. Wie wählen Sie die Themen aus? Antwort: Ich glaube, die Diskussion in den USA oder Großbritannien ist eine andere. Dadurch dass es in Deutschland immer noch das Abstammungsprinzip gibt, auch bei der Staatsbürgerschaft, ist es tatsächlich etwas sehr Spezifisches. Ich bin hier, seit ich elf Jahre alt bin, ich habe hier Abitur gemacht, ich bin alle Schritte gegangen, die vorgesehen sind, es ist eine komplette Mittelklassekarriere - und trotzdem werde ich immer unter Migrantenliteratur einsortiert. Aber hätte ich zwanzig Jahre früher publiziert, hätte man meine Werke in Seminaren zur "Frauenliteratur" behandelt.

ZUR PERSON: Olga Grjasnowa (32) wurde in Baku in der Sowjetunion geboren. Mit elf Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte am Leipziger Literaturinstitut. Ihr aktuelles Buch "Gott ist nicht schüchtern" ist im Aufbau Verlag erschienen.

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