Es gibt nicht nur Materialermüdung, jenen Schädigungsprozess an Werkstoffen. Es gibt auch eine Olympiaermüdung, jenen Abnutzungsprozess beim Kommentator und Betrachter des auf zweieinhalb Wochen aufgeblasenen Spektakels. Kurz vor dem Finale zeigt sich etwa Moderator Rudi Cerne im ZDF als personifizierte Olympiaermüdung. „Auch zu wenig Schlaf gehabt?“ Das möchte man ihn jovial fragen. Zähes Geschäft, dieses Olympia.

Doch dann kommt immer eine Zauberfee, die alle Müden, schwuppdiwupp, wachküsst. Viktoria Rebensburg heißt die jüngste. „Das unbeschwerte Madl vom Tegernsee“ – na ja – steht im Zielraum. Eine Konkurrentin nach der anderen brettert über die Ziellinie, und jedes Mal schmettert Aris Donzelli ins Mikro: „Das reicht nicht, das reicht nicht!“

Solch eine herrliche Szene reicht nie. Die genießen wir nun schon 24 Stunden lang immer wieder bei jeder Zusammenfassung und Tagesbilanz. Ist die Renn-Entscheidung inzwischen zehnmal gelaufen? Oder zwanzigmal? Mag über Wiederholungen im Fernsehen nörgeln, wer will: Bei dieser „wunder-, wunderschönen Geschichte“ mit Viktoria sind auch hundert nicht zu viel.

Mit diesem Schwung wird uns der Rest von Vancouver 2010 zum Klacks. Die Aufbereitung fürs Fernsehen hat ja – lange Nächte hin, kurze Ermüdungen her – ihre Qualitäten. Es faszinieren diese neuen Sportarten, die nur fürs Fernsehen erfunden wurden. Skicross ist die neueste Mann-gegen-Mann-Innovation. Eine „Mischung aus Autorennen, Motocross und Bullriding“ nennt es der von der konventionellen alpinen Abfahrt zum neuen Wintersport-Ableger konvertierte US-Amerikaner Daron Rahlves.

Es fesseln auch die Experten. Wenn Trainer Matthias Berthold den idealen Zuschnitt der Piste für Rebensburg erklärt, dann spricht der alte Fuchs. Wenn Hilde Gerg während der Läufe die minimalen aber entscheidenden Abweichungen beschreibt, bekommt Verstecktes auch für den Laien Profil.

Ob Markus Wasmeier, Sven Fischer, Gunda Niemann-Stirnemann oder Jochen Behle sachliche und emotionale Hintergründe erläutern: Es hat grundlegendes Format. Und selbst wenn einer wie Jens Weißflog sich nicht von der gestanzten DDR-Sportsprache lösen kann, dann wirkt er zumindest durch seine Persönlichkeit.

Vielleicht hat das geballte Wissen dieser lockeren Senioren-Berater einige hauptamtliche Kommentatoren in eine Identitätskrise getrieben. Es gehe um „siebzehn Tage pure Magie“ hat IOC-Präsident Jaques Rogge zu den Winterspielen verhießen. Dafür halten in der Reporterriege bei ARD und ZDF nicht nur die jungen Kommentatoren ihr Fachwissen unter Verschluss und trumpfen stattdessen mit Lautstärke und Über-Gefühl auf.

Besonders aufgedreht, verdreht und überdreht kommen Tom Bartels, Bernd Schmelzer oder Wolf-Dieter Poschmann daher. Das sind erfahrenere Hasen.

Zu Doping-Befunden hat noch keiner die Stimme erheben und die Stimmung dämpfen müssen. Aber genau das bereitet wirklich Unbehagen zu Vancouver 2010. Denn: Winterspiele ohne jeden Dopingfall? Da stimmt doch etwas nicht!

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